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Neuer Vorturner übt täglich den Spagat

Neuer Vorturner übt täglich den Spagat

GEROLSTEIN. Ferdinand Niesen ist der neue Geschäftsführer der Westeifel-Werke (WEW) und damit Chef von 512 behinderten und 102 nicht behinderten Mitarbeitern an vier Standorten in der Eifel. Er betrachtet die anstehende Reform in der Sozialgesetzgebung als eine der größten Herausforderung.

Der 42-jährige Diplom-Kaufmann macht einen souveränen Eindruck, ohne überheblich zu wirken. "Ich gehe nicht mit Bauchweh zur Arbeit. Ich packe an", erklärt der gebürtige Eifeler selbstbewusst. Er ist in einem mittelständischen Geschäftshaushalt aufgewachsen (ehemalige Brotfabrik in Hallschlag). Deshalb wisse er, dass Alleingänge nichts brächten. "Wir haben eine starke Mannschaft, und ich stehe für einen kooperativen Führungsstil", verspricht der zweifache Vater, der mit seiner Familie in Schwirzheim wohnt. Neu in seiner zehnjährigen Erfahrung als Geschäftsführer ist allerdings die Beschäftigung von Behinderten. Niesen sagt: "Das geht nur mit Herz, Unvoreingenommenheit und einer sozialen Ader." Dennoch habe er bereits in der kurzen Zeit "den Spagat zwischen Wirtschaftlichkeit und dem Kampf um die Arbeitsplätze der Behinderten verinnerlicht". Viele seiner Mitarbeiter kennt er schon mit Namen. Einige von ihnen lassen es sich nicht nehmen, ihrem neuen Chef jeden Morgen den Tee zu bringen. Beim TV -Besuch sind es vier Mitarbeiter. Lachend verrät das Quartett: "Unser neuer Chef will Kamillentee, wenn er Bauchweh hat, sonst immer grünen oder schwarzen Tee." Niesen tritt das Erbe von Erwin Görgen an, der die WEW zu einem erfolgreichen Unternehmen gemacht hat (der TV berichtete). Und er sieht sich großen Herausforderungen gegenüber. Denn: Ab 2006 sollen die Werkstätten nicht mehr nach pauschalen, sondern nach individuellen Pflegesätzen bezahlt werden. "Das müssen wir professionell angehen. Die Reha-Träger müssen einsparen, und unsere Aufgabe ist es, für die Behinderten unsere gute Betreuungsqualität zu sichern", gibt Niesen die Marschrichtung vor. 2003 erzielten die WEW sieben Millionen Euro Eigenumsatz und bekamen neun Millionen Euro von den Reha-Trägern. Niesen sieht im neuen Pflegesatzverfahren sowohl Chancen ("im Wettbewerb neue Ideen umsetzen") als auch Risiken ("die notwendigen Kosteneinsparungen").WEW wollen Vobildfunktion weiterhin ausfüllen

Eines ist ihm bereits klar: "Die Politik hat den WEW klar signalisiert, dass wir eine Vorbildfunktion auf Landesebene haben und von uns andere, neue Strukturen erwartet werden." Das könnten der Aufbau eines Integrationsbetriebs oder die Auslagerung von Arbeitsplätzen sein. Bis zum Jahresende soll der zweite Standort in Daun für Euweco (die europäische Werkstattkooperation für psychisch Behinderte) aufgebaut sein. Die Genehmigungen vom Sozialministerium liegen vor. Um aus dem aktuellen Auftragstief (der Bereich Ballondruck ist eingebrochen) heraus zu kommen, setzt der neue Geschäftsführer auf den Export. Niesen: "Der macht jetzt nur zehn Prozent aus. Als erfahrener Vertriebsmann werde ich in den nächsten Monate meine Kontakte nutzen."