Offensiv gegen den Ärztemangel

Offensiv gegen den Ärztemangel

Vertreter des Kreises Vulkaneifel, der Kommunen, der Ärzteschaft, der beiden Krankenhäuser im Kreis, von Alten- und Pflegeheimen, von DRK und Caritas sowie der kassenärztlichen Vereinigung haben gestern einen Kooperationsvertrag unterschrieben. Darin verpflichten sie sich, gemeinsam Lösungen für den Ärzteschwund im Kreis zu erarbeiten, der in wenigen Jahren droht.

Neroth. Warum die ganze Aufregung, die politischen Debatten, die runden Tische, ein 86 000 Euro teures Konzept zur medizinischen Versorgung im Kreis Vulkaneifel. Es passt doch noch alles in allem. Noch! Denn die demografischen Prognosen, die Altersstruktur der Ärzteschaft und die bereits jetzt spürbaren Defizite lassen bei den Verantwortlichen die Alarmglocken schrillen. Besonders in Gerolstein und Kelberg, wo schon bald Haus- und Kinderärzte sowie Gynäkologen in Ruhestand gehen und noch kein Nachfolger in Sicht ist, droht eine Unterversorgung. Hinzu kommt, dass die Menschen im Kreis immer älter werden und so eine intensivere medizinische Betreuung brauchen.Neue Organisationsformen wie medizinische Versorgungszentren, das intensive Werben um Nachwuchskräfte sowie die Übertragung von ärztlichen Aufgaben auf Pflegekräfte und Assistenten sind erste Ansatzpunkte, dem zu begegnen. Damit den Worten bald Taten folgen, haben Vertreter aller im Gesundheitsbereich tätigen Akteure gestern im Café Mausefalle in Neroth eine Kooperationsvereinbarung unterschrieben. In der verpflichten sie sich, Lösungen für den Ärzteschwund zu erarbeiten, der in wenigen Jahren droht. "Damit die Falle nicht zuschnappt", wie es Landrat Heinz-Peter Thiel (parteilos) in Anspielung auf den Tagungsort sagte. Er skizzierte die Situation so: "Noch haben wir eine gute ärztliche Versorgung im Kreis. Aber es ist abzusehen, dass sich das gravierend ändern wird. Deshalb steuern wir heute schon dagegen, um Vakanzen gar nicht erst aufkommen zu lassen oder rasch zu füllen. Das Thema duldet keinen Aufschub mehr." Fakt ist: Bis 2020 gehen von den 42 Hausärzten im Kreis 20 in Ruhestand. Wohl nur ein Viertel der Stellen wird neu besetzt (siehe Extra). Viele wollen nicht aufs Land

Die Gründe nennt Amtsarzt Volker Schneiders. "Weil viele junge Mediziner Job und Familie unter einen Hut bringen wollen, weil sie die Selbstständigkeit und die Bürokratie scheuen, und weil sie nicht aufs Land ziehen wollen." Daher hat der Kreistag Vulkaneifel bereits im Dezember 2012 beschlossen, eine Strategie zur nachhaltigen Gesundheitsversorgung im Kreis erarbeiten zu lassen. Das Ergebnis der 86 000 Euro teuren Expertise, die vom Kreis sowie mit Geld aus der Sparkassenstiftung und dem EU-Förderprogramm Leader finanziert wurde, liegt nun vor. Sie ist Arbeitsgrundlage für die Akteure. Und das Problem ist vielschichtig: Fehlen Ärzte, bekommen auch die Krankenhäuser Probleme. Daher haben sich die Verwaltungsdirektoren der beiden Häuser in Daun und Gerolstein, Franz-Josef Jax und Alfred Pitzen, auf die Fahne geschrieben, gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Oder wie Jax es formulierte: "Bei uns kursiert kein Konkurrenz-, sondern ein Kooperationsgedanke. Wir warten nicht auf landesweite Vorgaben, sondern versuchen vor Ort, unsere Probleme zu lösen." So habe man bereits erreicht, dass Ärzte im Krankenhaus in Daun ihre Facharztausbildung komplett dort machen könnten. "Denn gehen sie im letzten Jahr nach Köln, sind sie für immer weg", weiß auch sein Kollege Pitzen. Jax schweben weitere Ideen vor, bei denen die rechtliche Umsetzung aber noch hakt: ein duales Studium für Mediziner. Amtsarzt Schneiders unterstützt dies: "Das Modell, dass eine Einrichtung, die Kommune oder das Land das Medizinstudium bezahlt, und der junge Arzt sich dann für Jahre an ein Haus bindet, halte ich für vielversprechend."Auch für die Heime ist die Ärztefrage existenziell, wie der Kelberger Heimleiter Michael Förster betonte: "Das Thema ist dringlich, denn auch wir hängen von der ärztlichen Versorgung ab. Daher ist es gut, dass sich diese Runde zusammengefunden hat." Torsten Erb von der Kassenärztlichen Vereinigung Rheinland-Pfalz, der einen Überblick über das gesamte Gesundheitswesen im Land hat, sagte anerkennend: "Die Problematik betrifft eigentlich alle ländlichen Regionen in Rheinland-Pfalz. Aber so aktiv wie hier in der Vulkaneifel setzen sich bislang nur wenige Kreise damit auseinander. Dieses Engagement ist außerordentlich zu begrüßen." Meinung

Harte, aber wichtige ArbeitEs ist gut und wichtig, dass sich alle Verantwortlichen zeitnah und intensiv mit dem Thema des drohenden Ärztemangels auseinandersetzen. Denn die Gesundheitsversorgung ist einer der zentralen Faktoren, die eine Region lebenswert macht - oder eben nicht. Ärzteschwund bedeutet Fachkräftemangel. Gegenmaßnahmen? Schon in der Schule für die Region werben, tolle Jobs mit Perspektiven und ein Lebensumfeld besonders für junge Familien bieten, das es so in der Großstadt nicht gibt. Hört sich einfach an, ist aber harte Arbeit. m.huebner@volksfreund.deExtra

Hausärzte: Bis 2020 gehen von den derzeit 42 Hausärzten im Kreis Vulkaneifel 20 in Ruhestand. Da nur mit vier bis fünf Nachrückern gerechnet wird, hätten dann 26 bis 27 Hausärzte die Versorgung von rund 57 700 Einwohnern zu leisten. Auf jeden Hausarzt kämen rund 2200 Patienten. Hinzu kommt, dass die zunehmend älter werdenden Patienten mehr Versorgung benötigen. Bis 2030 werden laut Prognose (vier weitere Neuzugänge eingerechnet) nur noch 15 bis 16 Hausärzte im Kreis praktizieren. Auf jeden Hausarzt kämen demnach rund 3500 Patienten. Ohne Neubesetzungen ginge die Anzahl der Hausärzte regional unterschiedlich stark zurück: in der VG Daun von 17 (heute) auf neun (im Jahr 2020) und fünf (im Jahr 2030, in der VG Gerolstein (7/3-4/0), VG Hillesheim (9/4-5/1), VG Kelberg (3/1-2/0), VG Obere Kyll (7/3-4/1).

Fachärzte: Derzeit praktizieren 52 Fachärzte im Kreis, das entspricht 46 Vollzeitstellen. Bis 2023 scheidet davon die Hälfte aus. Bis 2030 werden voraussichtlich 46 der 52 Fachärzte ausscheiden. Ohne Neubesetzungen wären nur noch sechs Fachärzte tätig. Schon heute bestehen Defizite in der Versorgung mit Urologen und Psychotherapeuten, bei den Kinderärzten zeichnet sich ebenfalls ein Problem ab: Bereits 2015 scheiden vier von ihnen aus, nur in Daun ist bislang eine Nachfolgerin gefunden worden.

Krankenhäuser: Das Krankenhaus in Daun verfügt samt der Kinder- und Jugendpsychiatrie über acht Abteilungen und 232 Betten, das Krankenhaus in Gerolstein über sechs Abteilungen und 182 Betten. Außerdem gibt es drei spezielle Kliniken in Daun, Darscheid und Schalkenmehren für Psychiatrie und Physiotherapie, die aber nicht zur Grundversorgung gehören. Pflege: Im Kreis gibt es elf Pflegedienste, die 961 Pflegefälle versorgen. In den weiteren elf Pflegeheimen gibt es 779 Dauerpflegeplätze, von denen 630 belegt sind. Von den 38 Kurzzeitpflegeplätzen sind 25 belegt. Hinzu kommen 29 Tagespflegeplätze. In der Studie wird von einer ausreichenden Versorgung mit Pflegeplätzen gesprochen. Die absehbare Ärzteknappheit wird auch in den Heimen für Probleme sorgen.

Medikamentenversorgung: Die Medikamentenversorgung ist mit 16 Apotheken ausreichend. mh