"Ohne Rückgrat geht es nicht"

Gerolstein/Hillesheim · Einzigartige Leistung: Werner Jung (59) hat sich fast 40 Jahre für die Belange von Arbeitnehmern eingesetzt - davon 34 Jahre als Betriebsratsvorsitzender beim Flora- und Gerolsteiner Brunnen. Heute ist sein letzter Tag als Gewerkschafter.

Wird das Kind künftig nicht mehr schaukeln: Werner Jung (59) hat sich mehr als drei Jahrzehnte als Betriebsratsvorsitzender beim Gerolsteiner Brunnen um die Belange vieler Arbeitnehmer gekümmert. TV-Foto: Mario Hübner

Gerolstein/Hillesheim. Wehmut schwingt schon ein bisschen mit. Auch wenn Werner Jung (59) das so offen nicht eingestehen will. Heute ist sein letzter Arbeitstag als Gewerkschafter; für den neuen Hauptvorstand der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) kandidiert er nicht mehr. Zehn Jahre war er dabei.
Bereits seit Ende vergangenen Jahres ist auch seine Zeit als Betriebsratsvorsitzender des Gerolsteiner Brunnens vorbei, denn bei der Wahl im vergangenen Jahr ist er ebenfalls nicht mehr angetreten. Unlängst hat er auch sein kommunalpolitisches Engagement als SPD-Stadtrat in Hillesheim beendet - mit Verweis auf seine angeschlagene Gesundheit: Fünf Bandscheiben-Operationen hat er bereits hinter sich.

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Bis Mitte nächsten Jahres, wenn er aus dem Gerolsteiner Brunnen ausscheidet, kümmert er sich noch um die Belange der rund 30 Schwerbehinderten beim Brunnen. "Da ist mir die Geschäftsführung super entgegengekommen", sagt Jung. Dabei haben Unternehmensführung und Betriebsrat etliche Sträuße ausgefochten. Zuletzt vor vier Jahren, als der Betrieb nach dem teuren Marketing-Abenteuer eines eigenen Profi-Rennradteams eine rasante Talfahrt durchgemacht hatte. "Da sollten nach dem Vorschlag einer Unternehmensberatung 350 Mitarbeiter entlassen und etliche Abteilungen ausgegliedert werden, was für viele Kollegen deutliche Lohneinbußen bedeutet hätte", erinnert sich Jung.
Letztlich, nach harten Wochen und Monaten der Verhandlungen, ist das schier Unmögliche geschafft worden: keine Ausgliederung und dank Umversetzungen und Altersteilzeitregelungen "nur" 32 Kündigungen.
"Am Anfang hat keiner einen Pfifferling auf unsere Forderung gesetzt, als wir gesagt haben: Hier wird keiner entlassen, und eine Ausgliederung gibt es auch nicht." Dennoch sagt er: "Jede Kündigung trifft dich hart. Wenn nachts ein Mitarbeiter bei dir sitzt und heult, dann geht man nicht nach Hause und schläft ein." Überhaupt habe er in "dieser wohl schwierigsten Phase über Wochen nur zwei, drei Stunden nachts geschlafen", sagt der 59-Jährige - und fügt sofort hinzu: "Es gibt für mich keinen interessanteren Berufsweg. Ich würde alles noch mal so machen."
Auf die Frage, weshalb er diesen Weg eingeschlagen hat, mutmaßt der gebürtige Salmer nur. Sein Vater sei bereits Arbeitnehmervertreter gewesen. Und bei seiner Lehre als Schlosser in Düsseldorf "hat mir die Azubivertretung den Arsch gerettet". Er habe rausfliegen sollen, nachdem er den ersten Berufsschultag verpasst hat. "Ich habe aber nicht bewusst geschwänzt, sondern war nur zu blöd, als 15-Jähriger aus der Eifel in der Stadt den richtigen Bus zu finden." Wahrscheinlich eine Initialzündung.
Später habe er dafür umso öfter den richtigen Weg gefunden, um die Interessen der Arbeitnehmerschaft durchzusetzen. Beispielsweise direkt nach dem Zusammenschluss des Flora-Brunnens mit der Gerolsteiner Sprudel GmbH 1984, als Herbert Neusen Geschäftsführer war. Was er gesagt habe, sei Gesetz gewesen. Betriebsratsarbeit habe man damals beim Sprudel auch noch nicht gekannt. "Die bestand allenfalls darin, die Arbeitskleidung auszugeben oder den Pförtner zu vertreten", sagt Jung.
Da aber die 387 Sprudel-Mitarbeiter gegenüber den 87 Flora-Leuten weniger Lohn bekamen und eine schlechtere Altersabsicherung hatten, ist Jung tätig geworden. "Anfangs bin ich mit meiner Forderung nach einer Lohnangleichung gar nicht ernst genommen worden. Geschäftsführer Neusen hat mich nur gefragt: Was geht Sie denn unser Gehalt an?" Daraufhin habe der Betriebsrat der Geschäftsführung ein Ultimatum gestellt und mit Arbeitsgericht gedroht. Jung: "Das hat eingeschlagen wie eine Bombe. Ich bin ins Büro bestellt worden, und Neusen hat mir eine Liste hingeworfen und gesagt: Hier haben Sie Ihre Leute."
Die ersten 42 Sprudel-Mitarbeiter hatten ihre Lohnerhöhung, alle anderen folgten im Lauf der Zeit. Jung: "Das war der Durchbruch. Von da an hatten wir den Rückhalt in der Belegschaft und den Respekt der Geschäftsführung." Jung ist überzeugt, dass man als Gewerkschafter "Rückgrat" haben muss.
Sein eigenes Rückgrat will er künftig mehr schonen - erst einmal bei einem zweimonatigen Urlaub in Spanien - danach eventuell dauerhaft in wärmeren Gefilden. "Meine Frau und ich überlegen das gerade", sagt Jung.