Polonaise durchs Unterholz

Polonaise durchs Unterholz

DAUN. Den Wald als Therapie haben 160 Suchtkranke während einer Projektwoche erlebt. Schon seit fünf Jahren setzt die Fachklinik am Rosenberg auf die Zusammenarbeit mit dem Dauner Forstamt. Die Patienten schärfen ihre Sinne in der Natur und fassen neues Vertrauen.

"Das riecht nach Gewürzen und ein bisschen wie Weihrauch", meint Dietmar (alle Namen der Patienten von der Redaktion geändert), als Förster Karl-Josef Mark zur Geruchsprobe am frischen Harz einer Fichte einlädt. Sascha, der gegen seine Alkohol- und Medikamentensucht kämpft, sagt: "Das erinnert mich an meine Kindheit. Es riecht irgendwie wie Weihnachten." Willi Schüller, Sprecher der Fachklinik, wundert sich nicht über die unterschiedlichen Aussagen: "Bei Suchtkranken flacht die Wahrnehmung im Laufe immer mehr ab." Deshalb sei die Waldtherapie ein wichtiger Impuls, da sie mit Wahrnehmungs- und Vertrauensübungen die Sinnesorgane anspreche. Die Förster Mark und Jürgen Beck sind seit fünf Jahren Kooperationspartner der Fachklinik. Alle 160 Patienten können im Laufe der Projektwoche das Angebot wahrnehmen. "In unserer zwölfköpfigen Gruppe waren zuerst alle extrem skeptisch, aber im Nachhinein war es echt super", sagt Winfried über das Projekt. Der Alkoholkranke lebt in einer Großstadt und war seit Jahren nicht mehr in einem Wald. Sascha meint: "Ich würde es wieder machen. Es war ganz anders als erwartet." Die Gruppen haben einen Teil des Waldes am Wehrbüsch in Beschlag genommen. Mark fordert seine Gruppe zur "Waldraupe" auf. Dabei stellen sich die 20 Teilnehmer zu einer Polonaise auf. Alle, außer dem Förster als Anführer, müssen die Augen schließen. Bei dieser "Vertrauensübung" geben nur die Berührung an der Schulter des Vordermannes und die Kommandos des Försters Sicherheit. Mark führt die "Waldraupe" durchs Unterholz, über eine kleine Lichtung, über knorrige Äste und dicke Wurzeln. "Es war abenteuerlich", sagt Paul. Norbert: "Ich kam mir orientierungslos vor und habe manchmal die Augen geöffnet.""Auf dem Alkoholtrip verdrängt man das ja alles"

Manchen Patienten kam der Weg endlos vor. Dabei hat die Runde gerade mal sieben Minuten gedauert. Marie-Claire hat noch andere Erfahrungen gemacht: "Ich habe die unterschiedlichen Temperaturen ganz krass gespürt." Sie freut sich über die Nähe des Waldes zur Klinik: "Ich bin hier jeden Tag im Wald. Auf dem Alkoholtrip verdrängt man das ja einfach alles." Förster Mark hat in den vergangenen Jahren drei Mal Therapeuten fortgebildet: "Als Multiplikatoren können sie so die Übungen intensiver einsetzen als es in der Projektwoche möglich ist." Therapeutin Sonja Törber ist begeistert: "Die Schulung der Sinne ist einfach super." Ihrer Kollegin Sabine Knuth hat das Natur-Memory-Spiel und das "Reporter-und-Kamera-Spiel" besonders gut gefallen. Dabei führt ein "Reporter" einen anderen Patienten mit Augenbinde an einen besonders interessanten Punkt. Dort darf die Binde für drei Sekunden gelüftet werden und der Patient registriert als "Kamera" das Bild. Insgesamt fünf "Fotos" sollten die Zweiergruppen schießen. Paul: "Ich hab nur drei Momentaufnahmen wieder gefunden, aber es ist ein tolles Training fürs Gedächtnis". Der Alkoholkranke will jetzt öfters in den Wald gehen: "Jetzt sehe ich, welche Bäume krank sind und weiß, dass hängende Fichten am Austrocknen sind."