Präventionsprojekte stehen auf der Kippe

Präventionsprojekte stehen auf der Kippe

Polizeihauptkommissar Hubert Lenz hat 16 Jahre lang als Beauftragter für Jugendsachen Gewalt- und Drogenpräventionsprojekte an Schulen in der Eifel und an der Mosel betreut und nach eigener Schätzung etwa 50 000 Jugendliche erreicht. Nun soll der Posten wegen Veränderungen in der Polizeiorganisation wegfallen.

Daun/Gerolstein/Wittlich/Bitburg. Noch keine halbe Stunde ist das Projekt in der Klasse 8a der Realschule plus in Daun im Gange, schon stehen mehr als 30 Gewaltformen an der Tafel - von schubsen über auslachen, beleidigen und mobben bis niederschlagen, Steine von einer Brücke werfen und ermorden. Auch darüber, was sie selbst "auf die Palme bringt", und wie es ist, ausgegrenzt zu werden, tauschen sich die Schüler aus. Sie beraten, was im Bedrohungsfall zu tun ist: zum Beispiel weglaufen, schreien, Aufmerksamkeit erzeugen. Schneller als sonst sei der Schulvormittag vorübergewesen, meinen später Leon, Nils und Andre. "Ich habe heute viel über den Umgang mit anderen gelernt", erklärt Tobias. "Ich kann mir jetzt vorstellen, wie schlecht sich jemand fühlt, der ausgeschlossen wird", beschreibt Marvin eine Erfahrung. "Die Übungen zum Distanzwahren haben mir gut gefallen", sagt Rosanna.Möglicherweise gehören aber die 8a und ihre vier Parallelklassen zu den letzten, die solche Übungen und Erfahrungen in einem von der Schulsozialarbeiterin Esther Ben M\'rad organisierten und von Polizeihauptkommissar Hubert Lenz geleiteten Projekt machen können. Aufgabe nicht mehr in einer Hand: Nach der geplanten Optimierung der Polizeiorganisation in Rheinland-Pfalz werde die Gewalt- und Drogenprävention in ihrer bisherigen Form nicht mehr möglich sein, bedauert Hubert Lenz von der Polizeidirektion (PD) Wittlich. Er bleibt bei der PD, aber in einem anderen Bereich, da die Stelle des Beauftragten für Jugendsachen gestrichen wird. Seine Aufgaben liegen künftig nicht mehr in einer Hand, sondern sollen auf andere Stellen verteilt werden. Allerdings ist noch ungeklärt, wie. Der 55 Jahre alte Polizeihauptkommissar hat seit 1996 die Funktion des Beauftragten für Jugendsachen inne und seither nach eigener Schätzung etwa 50 000 Jugendliche an Schulen im Eifelkreis Bitburg-Prüm, in den Kreisen Vulkaneifel und Bernkastel-Wittlich sowie im Altkreis Zell erreicht, also rund 100 Schulklassen im Jahr. "Die Gewaltdelikte sind im Projektzeitraum zurückgegangen", erklärt Lenz, auch wenn es schwere Einzelfälle nach wie vor gebe. "Bei diesen Jugendlichen reicht die allgemeine Präventionsarbeit nicht aus", räumt er ein.Die Arbeit mit den Schülern mache ihm heute noch genauso viel Spaß wie vor 16 Jahren, erklärt er. Und: "Ich bin auf jede Klasse von Neuem gespannt." Im Laufe der Jahre sei er immer nachdenklicher geworden, denn es sei davon auszugehen, dass es in jeder Klasse Opfer und Täter gebe. "Da sind Fingerspitzengefühl, Sensibilität und Kompetenzen im Umgang mit Jugendlichen gefragt", meint Lenz. Da reiche die Kenntnis der rechtlichen Seite nicht aus. Er nennt die am häufigsten gestellte Frage: "Haben Sie schon einmal auf einen Menschen geschossen?" Er sei dankbar, dass ihm dies bis heute erspart geblieben sei, sagt er dann den Schülern.Nun darf Lenz bis auf weiteres keine Termine mit Schulklassen vereinbaren. Dabei sei, so betont er, das Projekt zu einem festen Bestandteil der Präventionsarbeit an Schulen geworden. "Es ist kein Aktionismus", sagt er. Meinung

Schlechte EntscheidungEs hat niemand etwas dagegen, dass auch die Polizei eigene Projekte auf den Prüfstand stellt. Aber warum ausgerechnet die seit Jahren bewährte Gewalt- und Drogenprävention so wie bisher nicht mehr angeboten werden kann, ist nicht nachvollziehbar. So platt es auch klingen mag, so wahr ist es aber auch: Wenn nur ein Diebstahl oder nur ein Griff zu einer harten Droge verhindert worden ist in den vergangenen 16 Jahren, war die Arbeit von Hubert Lenz mit den Kindern und Jugendlichen ein Erfolg. Dass er damit so nicht weitermachen darf, ist eine schlechte Entscheidung. s.sartoris@volksfreund.deExtra

Entwicklung der Jugendkriminalität im Bereich der Polizeidirektion (PD) Wittlich: Bei der Altersgruppe unter 21 Jahren ist seit der höchsten Belastung im Jahr 2007 (1997 Tatverdächtige) ein kontinuierlicher Rückgang zu verzeichnen. Mit 1609 Tatverdächtigen im Jahr 2011 liegt die niedrigste Belastung seit 1998 vor. Bei der Tatverdächtigen-Entwicklung von 2001 bis 2011 ist zu beobachten, dass die Straftaten bei Kindern um 1,9 Prozent und bei Jugendlichen um 6,0 Prozent gesunken sind; bei den Heranwachsenden liegt eine Steigerung von 1,9 Prozent vor. 2011 wurden im Bereich der PD 722 Menschen unter 21 Jahren Opfer von Straftaten (minus 9,9 Prozent zu 2010). bb