Romanvorstellung: "Mariechen hat mir keine Ruhe gelassen"

Kultur : „Mariechen hat mir keine Ruhe gelassen“

Wie sich ein Eifelbauernhof durch das 20. Jahrhundert entwickelt und wie das Leben seiner Bewohner verläuft – davon handelt der Roman „Die Frauen vom Heintzenhof“ von Christine Kaula. Die Inspiration stammt aus ihrer eigenen Biografie.

. Den Märchen und selbst erlebten Begebenheiten des Großvaters zuhören, der jüngeren Schwester erfundene Geschichten erzählen, jedes erreichbare Buch lesen und selbst kleine Texte schreiben: Wie ein roter Faden zieht sich die Liebe zu Literatur schon durch die Kindheit und Jugend von Christine Kaula. Später, in den mehr als vier Jahrzehnten ihres Berufslebens, war sie lange Zeit im Verlagswesen tätig. Jetzt ist sie 72, und wenn sie sagt: „Ich bin so froh und stolz, dass ich es geschafft habe“, meint sie ihren ersten Roman. Er heißt „Die Frauen vom Heintzenhof“ und kam im Mai auf den Markt. Anfang Juli hält die in Köln geborene und heute in Wipperfürth im Bergischen Land lebende Christine Kaula in Bodenbach die Premierenlesung (siehe Info).

Warum in Bodenbach, ist rasch erklärt. Aus dem Dorf bei Kelberg stammen Christine Kaulas Vorfahren mütterlicherseits. Und hier hat sie als Kind viele Sommerferien auf dem Bauernhof der Verwandten verbracht. Gleichwohl wird man den „Heintzenhof“ in Bodenbach vergeblich suchen. Denn wenn auch in den 19 Kapiteln viele Begebenheiten real sind, wenn auch etliche Personen wirklich gelebt haben oder noch leben – „es ist ein Roman, und die Wirklichkeit ist mit Erfundenem vermischt“, betont Christine Kaula.

Um Missverständnisse zu vermeiden, hat sie alle Namen geändert. Auch den der Hauptperson Marie, einer Schwester von Christine Kaulas Mutter Käthe, einer weiteren Schlüsselfigur des Romans. Erzählt wird Maries Lebensreise zwischen ihrer Geburt auf dem Heintzenhof als sechstes von elf Kindern im Jahr 1910 und ihrem Tod im Jahr 1993. Aber auch der gesamte Familienverbund spielt eine Rolle. Und die Zeitgeschichte, umfassend recherchiert von der Autorin und mit dem Leben der Bewohner des Heintzenhofs verwoben: die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, die Zeit bis zum Zweiten, der Krieg, die Nachkriegszeit, der Wandel des bäuerlichen Lebens seit den 1950er Jahren.

Christine Kaula beschreibt, wie es Töchtern wie Marie und Käthe erging, die zum Geldverdienen in „Dienst“ in die Großstadt geschickt wurden. Ein französischer Kriegsgefangener, ein eingeschworener Hitleranhänger, ein fahnenflüchtiger Soldat, ein Kriegsheimkehrer treten auf die Bühne des Lebens in dem kleinen Dorf. Dass eine Frau neben Scham auch Zorn und Wut empfindet, wenn sie bei der Beichte peinlich „verhört“ wird; dass - wie seinerzeit durchaus üblich - ein Junge aus einer nachwuchsreichen Familie an ein kinderloses Ehepaar „verschenkt“ und so der Fortbestand des Heintzenhofs gesichert wird; dass Marie in einer späten Ehe mit einem Witwer die Ablehnung von dessen Tochter zu spüren bekommt – diese und viele weitere Geschichten werden erzählt und zu dem Familienroman zusammengeführt.

Das Buch ist so eines, das man nicht gerne aus der Hand legt. So anschaulich und detailreich schreibt Christine Kaula. So kritisch nimmt sie Missstände unter die Lupe. So liebevoll schaut sie auf die Mitglieder der Familie, die sie besonders beeindrucken, allen voran Marie, „der gute Geist der Mutterfamilie, die Unentwegte, Dienerin, Helferin, oft Verspottete, aber immer und ewig unsere geliebte Tante“. Mit Blick auf ihr spätes Debüt als Romanautorin erklärt Christine Kaula: „Mariechen ist schuld. Sie hat mir keine Ruhe gelassen, bis die Erzählung fertig war.“

Mit dem Schreiben möchte sie zeitlebens nicht aufhören. Sie hat bereits mit einem weiteren Roman über einen anderen Zweig der Heintzenhof-Familie begonnen. Doch zunächst steht die Lesereise mit Mariechen & Co. auf ihrem Programm. Start ist ja in Bodenbach.

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