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Selbst Adel macht seine Aufwartung

Selbst Adel macht seine Aufwartung

WIESBAUM-MIRBACH. Bodenständiger Adel, ein abwechslungsreiches Musikprogramm und große Wiedersehensfreude bei Ehemaligen und Einheimischen des kleinen Eifeldorfes prägten die 100-Jahr-Feier zum Bestehen der Erlöserkapelle Mirbach.

Eigens zum Fest war Michael Freiherr von Mirbach, der Urenkel des Erbauers, angereist. Der 45-jährige Geologe lebt im Harz. Seit seiner Kindheit, als die Familie noch in Bonn wohnte, ist ihm die Kapelle ans Herz gewachsen. "Wir sind oft hierher gefahren", sagt von Mirbach. "Mein Großvater, der als einer der vier Kinder des Erbauers die Kapelle geerbt hatte, war sehr streng und konnte trotzdem sehr herzlich sein."Michael Freiherr von Mirbach bezeichnet sein Leben als "herkömmlich und keinesfalls privilegiert". So gibt er sich auch bei seinem Besuch. Erst später spricht der schüchterne Adlige über seine Gefühle: "Ich empfinde tiefe Ehrfurcht, wenn ich die Kapelle betrete. Sie bedeutet für mich Tradition." Als Kind habe er nicht begreifen können, dass das Gotteshaus mal im Familienbesitz gewesen sei.Besonders mag er die Mosaike: "Ganz anders als in vielen anderen Kirchen wirken sie hier hell, irgendwie sonnig." Als er zum Festakt zögernd auf dem reservierten Stuhl in der ersten Reihe Platz nimmt, wird er von den Einheimischen beäugt. Die meisten kennen ihn nicht. Emmi Servos meint: "Der verhält sich ja ganz normal." Unbeobachtet von der Öffentlichkeit ist Michael Freiherr von Mirbach mindestens ein Mal im Jahr in der Eifel. "Allein schon wegen des Grund- und Waldbesitzes."Bürgermeister Alfred Pitzen hält eine spritzige Festrede. Er meinte, dass die Eifeler Kunststätte vergleichbar mit der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin und der Erlöserkirche in Jerusalem sei. "Weil die gleichen Architekten am Werk waren", sagt er. Szenenapplaus bekommt er für das in Nachlässen gefundene Zitat eines Kritikers von 1913, der die Erlöserkapelle als "eine aufgedonnerte Berlinerin inmitten von Eifelkindern in althergebrachten Trachten" beschreibt.Applaus heimste auch der Männerchor "Collegium vocale" ein. Sein Gesang wie das "Ave Maria" oder das "Kyrie", teilweise untermalt von Orgelspiel, ging unter die Haut.Viele Einträge im Gästebuch

Nach dem Festakt schrieb Michael Freiherr von Mirbach als erster ins Jubiläums-Gästebuch. Im Laufe des Festwochenendes füllte sich Seite um Seite. Viele Besucher und Ehemalige kamen. Küster Peter Heupts, der das Kleinod seit 25 Jahren wie einen Schatz hütet, hatte alle Hände voll zu tun. Eine Gruppe nach der anderen schloss sich seinen Führungen an. Heupts plauderte über Mosaike, die Herkunft des Marmors, über Streiche der Steinmetze, die Maikäfer im zweiten Gewölbebogen verewigten, weil im Erbauungsjahr 1902 eine Maikäferplage herrschte.Auch die Kinder hatten viel Spaß bei der Rallye rund um die Kapelle und durchs Dorf.Der Förderverein der Erlöserkapelle rund um den Vorsitzenden und Ortsvorsteher Klaus Kaufmann hatte ein umfangreiches Programm auf die Beine gestellt. Allerdings wurde allgemein bedauert, dass für die Auftaktveranstaltung am Freitag in der Kapelle die Einladungen zu spät und nicht allgemein gültig ausgesprochen wurden. Etliche Stuhlreihen blieben daher leer.Am Sonntag hingegen herrschte Hochbetrieb. Beim Frühschoppen sorgte das Jugendorchester Wiesbaum-Mirbach für den musikalischen Auftakt. Überall reges Treiben und Wiedersehensfreude: am Pavillon, an der Kuchentheke, im "Haus Mirbach".Nur die Häusernamen sind wichtig

Mechthild Krebs steht mit ehemaligen Freundinnen aus dem Dorf zusammen. Rasch ist der Jahrgang ausgemacht. "Alle sind da", meldet auch Peter Heupts. Die wirklichen Namen spielen keine Rolle, nur nach den Häusernamen wird gefragt. Linnertz statt Servos, Maase statt Meyer und Welter statt Hoffmann. Linnertz' Achim kommt an den Pavillon, trinkt ein Bier mit Maase Jüppchen und Welter Wolfgang. Unisono vermissen sie einen: Boddems Manni.Erinnerungen an die Kindheit machen auch bei den älteren Besuchern die Runde. Die 58-jährige Boddems Martha sitzt bei der Mutter eines Schulkameraden und erklärt: "Ich hab mit Norbert oft die Kühe gehütet." Elisabeth Finken antwortet: "Und einmal habt ihr den Eimer Schmierseife, den ihr nach Wiesbaum bringen solltet, einfach in die Hecken geworfen." Großes Gelächter.Für Bürgermeister Pitzen haben das Jubiläum und die Kapelle Symbolcharakter: Kirche und Gemeinde - gemeinsam zum Wohl der Menschen. Abschließend stellt er die Kapelle als einen Beweis für Ökumene heraus: "Es ist doch bemerkenswert, dass vor 100 Jahren eine evangelische Familie mit Hilfe des evangelischen Kirchenbauvereins ein katholisches Gotteshaus schaffte."