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Seminar „Kleider machen Leute“ in Uersfeld für sehbehinderte und blinde Frauen

Soziales : „Ein Gewinn für uns alle“

Zur Stärkung des Selbstwertgefühls und zur Förderung der Selbstständigkeit hat eine Gruppe von sehbehinderten und blinden Frauen an dem Seminar „Kleider machen Leute“ teilgenommen - in Uersfeld, dem Wohnort von Roswitha Karst, Initiatorin und Leiterin der Selbsthilfegruppe.

Sehende können sich im Spiegel ein Bild von ihrem Aussehen machen. Sie können wohlgefällige oder abfällige Blicke ihrer Umwelt bezüglich ihrer äußeren Erscheinung wahrnehmen. Sie holen sich Anregungen aus Fernsehen und Internet, Modezeitschriften und Schaufenstern. Sie achten auf das Outfit ihrer Mitmenschen und darauf, wie andere sich zu welchem Anlass kleiden.

  All diese Informationsquellen bleiben Sehbehinderten und Blinden weitgehend oder ganz verborgen. Doch sind angemessene Kleidung und selbstbewusstes Auftreten in der Öffentlichkeit für sie ebenso wichtig. Dazu hat neuerdings die Blindenstudienanstalt blista (Marburg) ein Angebot im Programm. Es heißt „Kleider machen Leute“ und wurde von der Rehabilitationslehrerin Ewa Jankowska als eigenes Konzept zur Image- und Outfitberatung für Sehbehinderte und Blinde entwickelt.

„Das hört sich ja gut an“, war der erste Gedanke von Roswitha Karst, als sie darauf aufmerksam wurde. Seit die heute 60-Jährige 2017 eine Selbsthilfegruppe in der Vulkaneifel (siehe Info) ins Leben rief und bereits eine Hilfsmittelausstellung und den Kurs „Kochgenuss mit Sehverlust“ initiierte  (der Trierische Volksfreund berichtete), ist sie immer auf der Suche nach neuen Veranstaltungen. Nun also geht das Tagesseminar „Kleider machen Leute“ in dem Erlebnis-Museum Nostalgikum in Roswitha Karsts Heimatort Uersfeld über die Bühne. Die Museumsmitarbeiterin Gabriele Bußmann betreut die Gruppe, verpflegt sie und unternimmt zum Abschluss eine Zeitreise in die 1950er und 1960er Jahre – „als es zwar schon Friseure und Schneider gab, aber noch keine Farb- und Stilberatung“, sagt sie.

   Doch zunächst stehen die weiblichen Körperformen und Styling-Regeln für Kleidung, Make-up und Frisur auf dem Lehrplan von Ewa Jankowska. „Je länger der Mensch oder ein Körperteil ist, desto mehr darf er unterbrochen werden“, erklärt sie und nennt als Beispiel, dass Stehkragen, Rollkragen, Tuch, Halsband und aufgestellter Kragen vorteilhaft bei langem Hals sind. Umgekehrt empfiehlt sie wenig Unterbrechung, wenn der Mensch oder das Körperteil eher klein sind: „Tragen Sie bei kurzen Beinen Schuhe, Strümpfe und Rock Ton in Ton!“

Ewa Jankowska legt jeder Teilnehmerin verschiedenfarbige Tücher an, um festzustellen, wie die Haut auf unterschiedliche Farben und Helligkeiten reagiert. „Bei allen Regeln“, räumt sie ein – „das Wichtigste ist, dass Sie sich wohl und nicht verkleidet fühlen und dass Ihre vorhandene Ausstattung auch noch zum Tragen kommt.“

Jankowskas Beratung mündet in ein persönliches Exposé mit Empfehlungen und in eine individuelle Farbkarte für den zukünftigen Kleiderkauf.

   „So viele tolle Tipps“, schwärmt die Teilnehmerin Inge Follmann. Und: „Es tut mir gut, mich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Es hilft mir bei der Krankheitsbewältigung und bei der positiven Gestaltung meines Alltags“, sagt sie.

Sie sei dankbar, dass es die Selbsthilfegruppe mit den praktischen und rechtlichen Hilfestellungen sowie besondere Angebote wie dieses Seminar in Wohnortnähe gebe. Und Roswitha Karst? Sie freut sich über den gelungenen Tag, der mit finanzieller Unterstützung der IKK-Südwest ermöglicht wurde und mit dem Nostalgikum einen ganz besonderen Veranstaltungsort hatte.

„Ein Gewinn für uns alle“, meint sie. „Unser Selbstwertgefühl ist gestärkt und unsere Selbstständigkeit ist gefördert worden“, betont sie. Und Spaß war auch mit von der Partie.

Etwa als die 85-jährige Rosa Ballmann das champagnerfarbene Tuch, das Ewa Jankowska ihr anlegt, so kommentiert: „Champagner? Das ist was Feines. Den trinke ich gerne!“