1. Region
  2. Vulkaneifel

"So etwas brennt sich ein für immer"

"So etwas brennt sich ein für immer"

LEUDERSDORF. Margarete Blonien hat die größte Katastrophe der Seefahrt überlebt. Die 86-Jährige erinnert sich noch genau an den Untergang der "Wilhelm Gustloff" am 30. Januar 1945 in der Ostsee. Von den rund 10 400 Flüchtlingen und Soldaten an Bord konnten nur 1252 gerettet werden. Es ertranken sechs Mal mehr Menschen als beim Untergang der Titanic.

"Ich kann es noch heute nicht begreifen, welch unbeschreibliches Glück ich hatte, dass ich noch am Leben bin", meint die Zeitzeugin. Auch Ehemann Michael war an Bord als Mechaniker-Maat bei der U-Boot-Lehrdivision. Er überlebte, obwohl er als Soldat erst im letzten Moment von Bord sprang. Er starb 1998 in seinem Heimatdorf Leudersdorf.Hochzeitstag an Allerheiligen

Grete Blonien schaut zurück: "Ich war als Krankenschwester in Polen im Einsatz, als die Order kam, wir sollten weg, ,der Russe' kommt." Am 29. Januar kam sie in Gotenhafen an, wo die "Wilhelm Gustloff" lag, die als Unterkunft der zweiten U-Boot-Lehrdivision diente. "Mein Mann war in der Arrest-Kajüte, weil er verbotenerweise geraucht hatte", erzählt sie. Weil sie verheiratet waren, durfte sie an Bord und er aus der Arrest-Kajüte. Das junge Paar hatte drei Monate zuvor, am 1. November 1944 in Danzig geheiratet. An Allerheiligen? "Im Krieg ist jeder Tag Todestag", erklärt die Zeitzeugin. Froh darüber, gemeinsam mit ihrem Mann an Bord zu sein, hatte die damals 24-Jährige nur eines im Sinn: "Beim Ehemann zu sein, weg von den Russen in Richtung Westen." Sie durfte in der Dreier-Kajüte bei ihrem Mann übernachten. Am Tag darauf seien "Menschen in Strömen" auf das Schiff gekommen. Jeder Zentimeter Raum war mit Flüchtlingen gefüllt. "Sie lagen auf Strohsäcken, saßen zusammengekauert da. Es war kein Durchkommen mehr", berichtet Blonien. Draußen herrschte eisiger Winter. Über der Ostsee fegte ein Schneesturm. Gegen 13 Uhr legte die "Gustloff" ab. Acht Stunden später wurde sie von drei sowjetischen Torpedos getroffen. Blonien: "Mein Mann kam gerade von der Wachablösung in die Kajüte, als der erste Torpedo einschlug. Alleine wäre ich nie raus gekommen." Der Soldat zerrte seine Frau durch den Maschinenraum, in dem bereits kniehoch das Wasser schwappte, an Deck. Grete Blonien: "In der Ecke saß eine junge Frau mit zwei kleinen Kindern. Sie wollte nur noch sterben." Das Schiff hatte sofort Schlagseite und sank stetig mit dem Bug voran. Übers vereiste Deck ging es nur "auf allen Vieren" vorwärts. Die 24-Jährige kletterte auf Geheiß ihres Mannes in ein Rettungsboot. Zuerst klemmten die vereisten Zugketten, dann konnte es zu Wasser gelassen werden. Überall Verzweiflung, erstickende Schreie, heulende Kinder. "Es war grauenhaft. So etwas brennt sich ein für immer. Ich habe lange Zeit Albträume gehabt", beschreibt die Zeitzeugin. Gemeinsam mit anderen, meist Frauen und Kindern, saß sie im überfüllten Rettungsboot. Sie wurde seekrank. In Gedanken war sie bei ihrem Mann: "Der musste als Soldat an Bord bleiben, sonst wäre er sofort erschossen worden." Da keine starken Männer bei ihnen waren, konnte das Rettungsboot nicht aus dem Sog der sinkenden "Gustloff" herausgebracht werden. "Auf einmal sahen wir, wie drei Soldaten im letzten Moment von der Gustloff sprangen. Sie konnten uns noch erreichen und brachten uns dann aus dem Sog weg", erzählt die Seniorin und unterstreicht ihre Erinnerungen mit lebhaften Gesten. An Wortfetzen, die zu ihr drangen, glaubte sie ihren Mann zu erkennen. Unwirklich. Unglaublich. Dann kam das Torpedoboot "Löwe" in Sicht, um sie aufzunehmen. Gerade waren die drei Frauen an Bord, erklang der Ruf "Abschneiden, U-Boot-Gefahr". Dem "Löwen" gelang es, das russische U-Boot zu vertreiben und die Flüchtlinge endgültig zu retten. Im Rückblick sagt Blonien: "Die Rettungsboote haben mit Scheinwerfern nach Lebenden gesucht. Die Toten sind irgendwo angespült worden." An Bord wurde den frierenden Geretteten Kognak eingeflößt. Blonien: "Ich lag auf einem Tisch, hatte keine Strümpfe an, als mein Mann kam und mir seine Socken überstreifte." Eine Frau gebar auf der "Löwe" ein Kind. "Man hatte kein Zeitgefühl mehr. Es wurde hell, als wir in Kolberg strandeten", sagt Blonien. Zwei Tage später musste ihr Mann wieder an die Front, und sie ging zu einer Tante in der Nähe von Lübeck. Wenige Monate nach der Rettung kehrte das Ehepaar in die Eifel zurück. Für die gelernte Krankenschwester aus Danzig ein Neubeginn. Die gemeinsam überlebte Katastrophe habe das Paar zusammengeschweißt. Im Laufe der Jahre habe sie gemerkt, "dass sich alles irgendwie zum Guten wendet". Denn schon bevor sie einen Fuß auf die "Gustloff" setzte, hatte sie Schicksalsschläge zu verdauen. Sie war als Witwe in die Ehe mit Michael Blonien gegangen. "Ich war 22, als mein erster Mann sechs Wochen nach der Hochzeit als Bordfunker einer JU 88 fiel", erzählt die 86-Jährige. Die dreifache Mutter und vierfache Oma genießt heute ihr Leben. Getreu ihrem Motto "dankbar und fröhlich und für starken Familienzusammenhalt sorgen" lebt sie ihren Ruhestand - und schaut auf ein bewegtes Leben zurück.