Sommerzeit, Warnstreik!

Sommerzeit, Warnstreik!

GEROLSTEIN. Ein Warnstreik steht in den nächsten Tagen dem größten Mineralbrunnen Deutschlands, dem Gerolsteiner Brunnen, ins Haus. Für die Gewerkschaft der taktisch richtige Zeitpunkt, um für die Interessen der Belegschaft zu streiten, für die Geschäftsführung "unverantwortlich". Hintergrund ist die Kündigung des Manteltarifvertrags zum 31. August.

"Ja, es wird in den nächsten Tagen einen Warnstreik beim Gerolsteiner Brunnen geben." Das bestätigte auf TV-Anfrage Klaus Schu von der Gewerkschaft Nahrung-Genussmittel-Gaststätten (NGG) aus Trier. In Abstimmung mit der Arbeitnehmervertretung des Gerolsteiner Brunnens sei dieser Entschluss gefallen. Wann genau in den nächsten Tagen die Arbeitskampfmaßnahmen aufgenommen werden, sei indes noch nicht klar. Klar ist aber: Das seit Wochen hochsommerliche Wetter sorgt für großen Durst bei den Kunden und somit für volle Auftragsbücher und viel Arbeit beim Gerolsteiner Brunnen. Der führende deutsche Mineralbrunnen, der rund 800 Leute beschäftigt, hatte im vergangenen Jahr nach eigenen Angaben einen Absatz von 6,75 Millionen Hektolitern Mineralwasser und Erfrischungsgetränken, von denen 238 000 Hektoliter in mehr als 30 Länder exportiert wurden. Derzeit wird im Unternehmen zum einen seit Wochen "rund um die Uhr" gearbeitet, zum anderen wird bereits von einem Warnstreik ausgegangen - wie unter anderem einer Pressemittteilung auf der Homepage des Brunnens zu entnehmen ist. Daher ließ auch Geschäftsführer Jörg Croseck schon einmal vorsorglich verlautbaren: "Streik in der Hauptsaison ist unverantwortlich. Mit jeder Streikstunde verlieren wir über 200 000 Flaschen." Für Gewerkschaft und Arbeitnehmerseite ist die Boomphase hingegen genau der richtige Zeitpunkt, um ihren Forderungen den nötigen Nachdruck zu verleihen. Am Manteltarif scheiden sich die Geister

Hintergrund des anstehenden Warnstreiks ist die Kündigung des Manteltarifvertrags für die Getränke-Industrie Rheinland-Pfalz und Saarland (mit Ausnahme der Brauereien) durch den Arbeitgeberverband Ernährung-Genuss zum 31. August 2006. Das wird von der Geschäftsführung des Unternehmens auch exakt so gesehen, die Gewerkschaft wiederum führt primär die ebenfalls laufenden Tarifverhandlungen zum Thema Altersteilzeit ins Feld. Denn: In Sachen Manteltarifvertrag herrscht derzeit Friedenspflicht, das Thema ist demnach derzeit formal als Streikgrund tabu. Der Manteltarifvertrag, in dem Themen wie Arbeitszeit und Zuschläge geregelt sind, bestand seit 1997 in unveränderter Form. Die Gerolsteiner Geschäftsführung aber will ihn "überarbeitet" wissen, hin zu "mehr Arbeitszeitflexibilität" und einer "Anpassung der Kosten". Unternehmenssprecher Stefan Göbel geht ins Detail: "1997 hatten wir stabile Preise und Absatzsteigerungen für unsere Produkte, heute gibt es einen drastischen Preisverfall und Stagnation im Absatz. Daher ist eine Flexibilisierung hinsichtlich der Arbeitszeiten und der Bezahlung, also auch der Personalkosten, notwendig." Zumal: Seit mehreren Jahren hat Gerolsteiner laut Göbel die Preise für seine Produkte nicht mehr erhöht - trotz höherer Energiepreise und Arbeitskosten sowie der LKW-Maut. Die Arbeitnehmerseite befürchtet hinter den Worten "Anpassung" und "Flexibilisierung" hingegen die Sieben-Tage-Woche mit Schichtsystem rund um die Uhr und regelmäßigen Diensten am Wochenende. Nachdem laut Gewerkschafter Schu mittlerweile sieben Unternehmen in Rheinland-Pfalz und im Saarland wieder Haustarifverträge zu den gleichen Kondition wie im Manteltarifvertrag abgeschlossen hätten, sieht er den "Gerolsteiner Brunnen und Apollinaris als die beiden Hochburgen des Widerstands gegen eine gute Einigung". Für heute sind Abteilungsversammlungen beim Brunnen geplant, um über die aktuelle Lage zu informieren. "Und zwar jeweils nach dem Schichtende, damit die Produktion nicht gestört wird", gibt sich Schu bewusst diplomatisch.