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Studentin hat den Alltag Jugendlicher zwischen 1950 und 1970 in Kirchweiler untersucht.

Geschichte : Damals gab es noch „kein Gedöns“ zur Einschulung

Studentin hat den Alltag Jugendlicher zwischen 1950 und 1970 in Kirchweiler untersucht.

Schon in ihrer Facharbeit am Dauner Geschwister-Scholl-Gymnasium (GSG) hatte Franziska Kaiser Zeitzeugengespräche geführt und Alltagsgeschichte in den Blick genommen. „Das war sehr interessant und aufschlussreich“, findet sie. Aber auch weil die Eifel als Region im historischen Forschungsfeld bisher eher selten auftauche, habe sie sich entschieden, wiederum einen Aspekt neuester Geschichte in ihrer Heimat zu erforschen, erklärt die 22-jährige Kelbergerin.

   So untersuchte die Studentin der Fächer Geschichte und Sport für das Lehramt an Gymnasien an der Uni in Mainz in ihrem siebten Semester „Wandel und Kontinuität jugendlichen Alltags von 1950 bis 1970“. Und zwar am Beispiel von Kirchweiler, das Dorf mit heute rund 380 Einwohnern. Das ist der Studentin gut bekannt, da ihr Vater Raimund Kaiser und seine Geschwister im besagten Zeitraum dort aufgewachsen waren. Die Interviews führte sie mit ihrem 1951 geborenen Vater und dessen drei Jahre älterer Schwester Marianne Niekisch sowie mit Alfred Pitzen (*1939),  Erwin Görgen (*1940), Ursula Ehlen (*1942) und Anita Schneider (*1953).

   „Man kannte es nicht anders“: Wie ein roter Faden zieht sich diese Titel gebende Formulierung durch die Berichte der sechs Frauen und Männer über ihre Jugendzeit in Kirchweiler in den 1950-er und 1960-er Jahren – als noch fast 50 Schüler auf eine Lehrkraft kamen, und als es in Kirchweiler eine von 31 zweizügigen Schulen des Landkreises gab.

„Man ist eingeschult worden, da wurd kein Gedöns gemacht“, erinnert sich Marianne Niekisch, die entgegen der damals landläufigen Meinung, dass Mädchen nicht das Gymnasium besuchen müssen („die heiraten ja eh“), das Abitur machte und Lehrerin wurde.

  Zum Stellenwert der Religion in seiner Jugend erklärt Erwin Görgen, dass der sonntägliche Kirchgang früher obligatorisch war und dass Prügel schlichtweg zum Erziehungsstil dazugehörten – „man kannte es nicht anders“.

Mehr als die Hälfte der Bewohner Kirchweilers Anfang der 1950-er Jahre waren in der Land- und Forstwirtschaft tätig. „Wir hatten immer genug, um satt zu werden“, bringt es Alfred Pitzen auf den Punkt. Und nennt den morgendlichen Kirchgang drei Mal in der Woche, den Schulbesuch, die Mitarbeit in der Landwirtschaft, die Hausaufgaben sowie das Spielen im Dorf mit Gleichaltrigen als die bestimmenden Elemente seines Lebens als Kind und Jugendlicher. Wobei die ohnehin spärlich vorhandenen Freizeitmöglichkeiten überwiegend der männlichen Jugend vorbehalten gewesen seien, wie Ursula Ehlen einräumt. So hat Raimund Kaiser die Messdienerwallfahrten und den Besuch der Ausstellung des Heiligen Rocks in Trier noch als „großartig“ in Erinnerung und auch, dass man als Junge seine „Hauptkumpels“ über den Fußball hatte.

Was man um 1960 unter Kommunikation verstand, beschreibt Anita Schneider als „stundenlanges Auf-der-Straße-stehen und Reden“, denn Fernsehen und Telefon habe es in den meisten Haushalten noch nicht gegeben. Schützenfest, Sportfest und Kirmes seien die einzigen Abwechslungen gewesen.

 Sie waren die Jugend in den 1950-er und 1960-er Jahren: Schulkinder des Jahrgangs 1940 aus Kirchweiler und Hinterweiler.
Sie waren die Jugend in den 1950-er und 1960-er Jahren: Schulkinder des Jahrgangs 1940 aus Kirchweiler und Hinterweiler. Foto: TV/Erwin Görgen

   Von Halbstarkenkrawallen, den Swinging Sixties oder den Studentenprotesten der späten 1960-er Jahre habe keiner der Eifeler berichtet, so Franziska Kaiser. Für ihre Bachelor-Arbeit, die außerordentlich lesbar und facettenreich ist, hat sie die Note „sehr gut“ bekommen.