Thema Geburtshilfe ist in Daun noch nicht vom Tisch

Kostenpflichtiger Inhalt: Kontroverse Diskussion mit Gesundheitsministerin : Thema Geburtshilfe ist in Daun noch nicht vom Tisch

Draußen eine kleine Demo der Interessengemeinschaft Geburtshilfe (IG), drinnen eine Gesundheitsministerin und etliche Experten: Über „Perspektiven der Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum“ wurde in Daun teils kontrovers diskutiert.

Von rund 1500 Demonstrierenden im November vergangenen Jahres auf noch etwa fünfzehn, die vor dem Forum angesichts des Besuches von Gesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler Flagge zeigten: Die Aktionen für eine Wiedereinrichtung einer Geburtshilfe in der Vulkaneifel sind leiser geworden. Wer allerdings glaubte, damit sei das Anliegen vom Tisch, irrte sich.

Jens Jenssen, Fraktionsvorsitzender der SPD im Kreistag Vulkaneifel, und SPD-Landtagsabgeordnete Astrid Schmitt hatten die Ministerin, die Leiterin der Abteilung Sicherstellung bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Rheinland-Pfalz Nadja Moreno und Bernd Decker, Vorsitzender der Krankenhausgesellschaft Rheinland-Pfalz, zum konstruktiven Dialog mit Ärzten, Hebammen, Krankenhausvertretern und Kommunalpolitikern aus der Region eingeladen. Und so kam es, dass auch im Forum die Frage auftauchte: Gibt es noch Chancen für eine Geburtshilfe in der Vulkaneifel?

„Die Schließung hat uns kalt erwischt“, erinnerte Landrat Heinz-Peter Thiel. „Es gibt bei der wohnortnahen Versorgung eine unendlich große Diskrepanz zwischen dem, was ist, und dem, was sein soll. Bei nächster Gelegenheit müssen wir wieder etwas aufbauen. Aber angesichts der Tatsache, dass auch die Krankenhäuser in den umliegenden Kreisen nicht die für eine Zukunftsfähigkeit angesetzten Mindestfallzahlen an Geburten haben, muss man wohl neu definieren, was Grundversorgung überhaupt bedeutet.“ Auch aus dem Publikum insistierten viele: „Wir brauchen alle Bereiche der Daseinsvorsorge! Was tut die Politik da für uns?“

Dass es mittlerweile um Grundsätzliches geht, weil eben nicht nur die Vulkaneifel, sondern bundesweit alle ländlichen Gebiete vom medizinischen Kahlschlag betroffen sind, brachte die gesamte Diskussionsveranstaltung zu Tage.

Geburtshilfen sind – da für sie andere Kriterien der Sicherstellung als für die sonstigen Bereiche gelten – da besonders im Fokus, aber längst nicht nur. „Im ambulanten Sektor sind in Rheinland-Pfalz vierzig Prozent der Hausärzte über sechzig Jahre alt, da werden wir massive Nachbesetzungsprobleme bekommen“, skizzierte Bätzing-Lichtenthäler die Lage.

„Wir haben derzeit noch 77 Krankenhäuser an 97 Standorten und wollen die flächendeckende Versorgung keinesfalls aufgeben. Aber die Krankenhauslandschaft ist im Umbruch, überall gibt es Schwierigkeiten, und so müssen wir ganz neu denken, neue Kooperationen bilden, die Trennung von ambulant und stationär aufheben.“ Darin herrschte Einigkeit mit den beiden Experten von KV und Krankenhausgesellschaft: Medizinische Versorgungszentren oder Genossenschaften, Landarztquoten

Bei der Ursachenforschung für die Misere und bei der Suche nach möglichen Auswegen gelangte die Ministerin auch an eine bislang heilige Kuh der Krankenhausökonomie, die es zu schlachten gilt: das 2003 in Deutschland eingeführte System der Fallpauschalen. „Es ist zugeschnitten lediglich auf den Bedarf der großen Kliniken mit vielen Patienten und refinanziert nicht die Vorhaltekosten, welche die kleinen Häuser genauso zu tragen haben. Das muss sich ändern!“ Auch die Personal- und Mengenvorgaben seien für ländliche Krankenhäuser viel zu hoch. Auf TV-Nachfrage erläuterte sie, dass eine entsprechende Initiative der Gesundheitsminister der Flächenländer im Juni an den Bund gegangen sei, bislang jedoch ohne Resonanz des zuständigen Ministers Jens Spahn sei.

Zum offenen Schlagabtausch mit Franz-Josef Jax, Geschäftsführer des Krankenhauses Maria Hilf, kam es angesichts der Kriterien für staatliche Sicherstellungszuschläge wegen klarer Unverzichtbarkeit von Krankenhäusern. Weder die Standorte in Daun noch in Gerolstein kommen trotz ländlicher Lage in den Genuss solcher Zahlungen. „Heißt das, diese Häuser sind überflüssig?“, fragte Jax provokant. Die Ministerin konterte, derartige Botschaften seien nichts als Stimmungsmache.

„Ich sage klipp und klar, dass wir hierfür andere Strukturen finden werden, um die Krankenhäuser zu schützen. Aber letztlich ist es die Entscheidung des Trägers, ob er eine Klinik oder eine Geburtshilfe schließt. Wir als Landesregierung können keine Bestandsgarantien geben. Nur helfen, wenn wir früh genug vom Träger um Hilfe gebeten werden, was Sie nicht getan haben.“ Und so lag der Ball am Ende der Veranstaltung fast wieder dort, wo er bereits im Oktober 2018 lag… allerdings mit deutlich mehr Unmut gegen Rahmenbedingungen, die in Berlin geschaffen werden.

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