Veranstaltung des Forums Eine Welt zum Gedenken an die Reichspogromnacht

Geschichte : Das Schicksal der Gerolsteiner Juden

 80 Gäste besuchen die Veranstaltung des Forums Eine Welt zum Gedenken an die Reichspogromnacht.

Der Waggon der Züge nach Auschwitz stand schon 1933 in Gerolstein bereit. Zu dieser symbolisch gemeinten Einschätzung ist der Gerolsteiner Hobby-Historiker Helmut Blinn gelangt. Er war es auch, der die dritte und veränderte Auflage des Buches „Gegen das Vergessen. Das Schicksal der Gerolsteiner Juden“ maßgeblich bearbeitet hat. Das Buch stand im Mittelpunkt der Gedenkveranstaltung am 9. November im Rathaus Gerolstein, zu der 80 interessierte Gäste gekommen waren.

Wider das Vergessen heißt: ,,Denkt an uns, die wir ausgegrenzt, enteignet, verfolgt und letztendlich ermordet wurden. Wir waren mitten unter Euch, nahmen teil am Leben im Dorf, belebten die Wirtschaft des Ortes, feierten mit Euch, bereicherten das kulturelle Leben und wir wollen nicht vergessen sein.“ So zitierte Andreas Borsch, Doktorand der Uni Trier, aus einem anderen wichtigen Buch in Sachen Judenverfolgung in Deutschland: ,,Der lange Schatten der Vergangenheit“ (von Aleida Assmann). Sein Fazit, das ebenfalls dem Buch entnommen ist: „Seid wachsam und wehret den Anfängen!“

An die Vergangenheit zu erinnern und das Gedenken zu bewahren, hat sich das Forum Eine Welt vorgenommen. So trug die Veranstaltung im Rathaus Gerolstein dazu bei, der jüdischen Mitbürger zu gedenken und einige Ereignisse und Zusammenhänge aufzuhellen. Referent Borsch betonte, dass sich nach mehr als 70 Jahren immer noch viele Raubgüter, die unter dem Vorwand der Arisierung enteignet wurden, in deutschem und österreichischem Privatbesitz befänden. Er bevorzuge ohnehin den Begriff der wirtschaftlichen Existenzvernichtung, da dieser die Opfersicht beinhalte. Und diese habe es schon vor 1938 mitten in der bürgerlichen Gesellschaft gegeben.  Soziale Isolation der Juden, Umsatzrückgang, Verdrängung jüdischer Betriebe, fiskalische Ausbeutung waren die Folge.

Die Hauptakteure an exponierter Stelle im Landkreis Daun, Landrat Wirtz und Kreisleiter Kölle, erreichten laut Borsch ihre Ziele durch Einschüchterung, gelegentliche Übergriffe, Sichtbarmachung (Schild: „Juden unerwünscht!“), Boykott und Denunziantentum. So postierte man vor der Metzgerei Rothschild in Stadtkyll Angehörige der Hitlerjugend und überwachte vor allem auch am späten Abend die Kunden. Auf den Kram- und Viehmärkten wurden die Stände der jüdischen Händler durch die Kreisbauernschaft boykottiert beziehungsweise den Besuchern gedroht, sie bei Kontakt zu fotografieren.

So ergibt sich zusammenfassend ein Bild der Ausgrenzungstendenz, die schon sporadisch in den 20er Jahren beginnt, schleichend ab 1933 durch einzelne lokale Akteure in der Vulkaneifel aus eigenem Antrieb und Interesse befördert wird (zum Teil entgegen den politischen Vorgaben aus Berlin) und erst ab 1935 Staatsdoktrin ist.

Die  Fragen nach dem Vortrag zeigen, dass die Vergangenheit noch lebendig ist, es Betroffene gibt. Der Auftritt der Gruppe „Nie all Doh“ an diesem Abend, schon fast Tradition, gab den passenden musikalischen Rahmen. Die acht Musikerinnen spielten überwiegend rasante Klezmermusik. Doris Schmitten erinnerte daran, dass diese ursprünglich jüdische Musik Osteuropas, die zu Hochzeiten und anderen Festen dargeboten wurde, vor der kulturellen Auslöschung durch den Holocaust stand, ihre Rettung und Bewahrung aber heute ein positives Zeichen setze.

Auch mit der Neuauflage des Gerolsteiner Buches „Gegen das Vergessen. Das Schicksal der Gerolsteiner Juden“ sei ein Zeichen der Erinnerung gesetzt worden. Neben Textergänzungen ist ein Kapitel über die Verlegung der Stolpersteine in Gerolstein mit Dokumenten über die Kontroverse dieser Aktion neu hinzugekommen. Bei der Präsentation wurde die Bedeutung des Buches in Zeiten der Holocaustleugner und -relativierer als Teil der Aufklärung über die Verbrechen des NS hervorgehoben.

Die Vorsitzende des Forums Eine Welt, Christa Karoli, bedankte sich bei den Sponsoren für die finanzielle Unterstützung bei der Drucklegung.

Die Spuren jüdischer Existenz spiegeln sich an diesem Gedenkabend auch in einer kleinen Ausstellung mit der Lage der Wohnhäuser der Betroffenen, ihrer verhängnisvollen Biografie und Porträts des Gerolsteiner Fotografen Freddy Lange. Die Ausstellung kann im Rathaus Gerolstein besucht werden.

Das Buch „Gegen das Vergessen. Das Schicksal der Gerolsteiner Juden“ist in der Buchhandlung Raabe, in der Tourist-Information Gerolsteiner Land für zehn  Euro  oder über den Verein Forum Eine Welt  (info@forum1welt.de) für zehn Euro + 2,50 Euro Versandkosten erhältlich.