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Viele Helfer packen bei den Aufräumarbeiten in der Vulkaneifel an

Hochwasser : „Wir schaffen das“ - Viele Helfer packen bei den Aufräumarbeiten in der Vulkaneifel an

Nachbarn helfen Nachbarn, Dörfer helfen Dörfern. Feuerwehr, Technisches Hilfswerk, Polizei und Bundeswehr schuften über die Belastungsgrenze hinaus, Freiwillige packen dort mit an, wo die Not am größten ist. Eine Rundreise durch die überschwemmte Vulkaneifel.

 Widerspenstig löst sich am Samstagvormittag der Dunst über dem Kylltal auf und macht der Sonne Platz. Der Fluss wälzt sich wieder in seinem Bett, als sei nichts gewesen - doch die breite Schneise der Verwüstung, die das Hochwasser am Mittwoch und Donnerstag geschlagen hat, zeigt, dass die Kyll auch anders kann. In allen Orten entlang des Flusslaufs türmen sich die Müllberge: aufgeweichte Möbel, Bücher, Kleidungsstücke und viele weitere Haushaltsutensilien - abgesoffene Waschmaschinen und Kühlschränke, zum Teil auch Gegenstände, deren Sinn und Zweck gar nicht mehr erkennbar ist. Im Schlamm gewälzt, zerfetzt, von einem Tag auf den anderen unbrauchbar geworden. Mittags brennt die Sonne auf die vielen Menschen herab, die im Minutentakt PKW- und Traktor-Anhänger mit zerstörten Habseligkeiten ankarren und abladen. „Das waren mal Holzbriketts“, sagen Ernst und Werner Jördens und schaufeln einen Hänger leer, dessen Inhalt wie nasser Sand aussieht. Sie wohnten in Jünkerath und seien selbst nicht vom Hochwasser betroffen, erzählen die Brüder. „Wir helfen hier in Stadtkyll einer Freundin aus, deren Garage unter Wasser stand.“

Ortsbürgermeister Harald Schmitz steht an der Kreuzung zur Schwammertstraße und sieht der traurigen Anhänger-Karawane zu, die sich zum Müllberg oberhalb des Ortes hin bewegt. Eines sei ihm besonders wichtig, sagt er: „Ohne die Feuerwehr hätten wir die Sache nicht überstanden. Der Einsatz lief wie eine gut geölte Maschinerie, die Leute haben bis zum Umfallen gearbeitet. Wir sind alle dafür sehr dankbar“, sagt Schmitz. Der Zweckverband Abfallwirtschaft Region Trier (A.R.T.) habe zugesagt, den Überschwemmungsmüll kostenfrei abzuholen, erzählt der Bürgermeister noch. „Aber es sind Kühlschränke, Herde und Elektroschrott dabei. Ich hoffe, dass es da keine Probleme gibt.“

Wenige Kilometer weiter das gleiche Bild: In Jünkerath und dem Ortsteil Glaadt hat die Kyll schwer gewütet, der riesige Haufen Abfall zeugt davon. „Wer jetzt nicht durchhält, der schafft das nicht“, sagt ein Mann, der seinem Nachbarn hilft, seine Wohnung zu entrümpeln, wendet sich ab und fährt wieder zurück nach Glaadt. Auch Markus Kloos schafft Müll heran, teils den eigenen, teils den seiner Nachbarn. „Ich habe 17 Bienenvölker verloren“, erzählt er. „Im Schwarzen Pfad ist alles kaputt, da solltest du mal Fotos machen.“

Das Untergeschoss des Katharinen-Stifts, der Hillesheimer Seniorenresidenz, ist völlig zerstört. „Der Ächterbach ist in Sekundenschnelle zu einem reißenden Strom angeschwollen, wir konnten nichts mehr retten“, erzählt Hanne Schlehan, die Qualitätsmanagerin des Altenheims. Die Schlammspuren an den Wänden zeigen, dass das Wasser in den Räumen bis zu 1,80 Meter hoch gestanden hat, in den Gängen steht immer noch das Wasser. „Hier waren Büros, Bewohnerzimmer, die Waschküche und die Haustechnik untergebracht“, sagt Schlehan. Wie lange es dauere, alles wieder herzurichten, könne sie bei bestem Willen nicht sagen.

Derweil machen oben vor dem Eingangsbereich dutzende Helfer Mittagspause. Sie hätten sich über Whats App organisiert, sagt Thomas Becker, vom Hillesheimer Fußballverein. „Wir sind mit 25 Leuten hier, es sind aber auch Leute aus Niederehe dabei. Wir sind nun seit drei Tagen hier und haben rund 100 Kubikmeter Müll herausgeschafft“, erzählt Becker. Er rechne damit, dass die vielen Freiwilligen noch bis zu zwei Tage Arbeit vor sich hätten. Die von oben bis unten mit Schlamm übersäten Helfer nicken stumm dazu - alle wollen sie hier bleiben und die Sache zu Ende bringen. Den nötigen Strom für das Seniorenzentrum liefert derweil ein Aggregat des THW, das ebenfalls in Mannschaftsstärke angerückt ist. Glück im Unglück: „Niemand wurde verletzt, es geht allen Bewohnern gut“, sagt Hanne Schlehan.

Einige Kilometer weiter Richtung Nordosten hat der ansonsten träge dahinfließende Ahbach das Örtchen Niederehe plattgewalzt, Flächen des großen Reiterhofs am Orts­eingang mitgerissen, Häuser stark beschädigt und eine Brücke zerstört. Beim Steinbruch türmt sich der Abfall, hier achtet die Jugendfeuerwehr des Ortes auf strikte Mülltrennung. „Den Mitgliedern der Jugendfeuerwehr kann man gar nicht genug danken“, sagen Helmut Lenartz und Wehrführer Dieter Schmitz. „Es ist beeindruckend, was in Niederehe passiert“, ergänzt Schmitz. „Es sind bis zu 200 Leute hier, um zu helfen. Solch eine Solidarität habe ich noch nicht erlebt.“

Es seien neben den Einwohnern Menschen aus den umliegenden Dörfern mit Schaufeln, aber auch schwerem Gerät nach Niederehe gekommen und hätten Unterstützung angeboten.

„Am Donnerstagmorgen standen plötzlich fünfzehn Bundeswehrsoldaten im Ort und haben mit angepackt, auch eine Truppe von Feuerwehrleuten aus Insul ist völlig übermüdet hier aufgeschlagen, um uns zu helfen. Ein Wahnsinn“, sagt Schmitz.

In Gerolstein räumt derweil ein kleiner Trupp von 20 Helfern Wohnungen und Keller rund um den Brunnenplatz leer. „Wir sind alle müde, aber zuversichtlich“, sagen sie. Doch es gebe ein Problem: „Die Stadt Gerolstein hat die Sammelstelle für den Müll aufgehoben“, sagt Martin Bläser. „Unser Einsatz wird damit unnötig schwergemacht, weil wir nun mit kleinen Anhängern zur Verwertungsstation nach Walsdorf fahren müssen.“

In Stadtkyll schleppen Winfried Kolz und Rudolf Weinand unbrauchbar gewordene Einrichtungsgegenstände an den Straßenrand. „Unserer Meinung nach hätte das Wasser aus dem Kronenburger See viel früher abgelassen werden müssen“, sagen die Nachbarn. Irgendwann am Mittwoch sei das dann auch geschehen, „viel zu spät“, sagt Weinand. „Als die Brühe in der Kyll braun wurde, habe ich zu meiner Frau gesagt: ,jetzt haben wir verloren, nun kommt auch noch das Wasser aus Kronenburg dazu.’“

Als die beiden sich abwenden, um die Garage weiter zu entrümpeln, dreht sich Rudolf Weinand noch einmal um und sagt: „Schreiben sie, dass uns das am Arsch vorbei geht. Wir schaffen das!“

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