Viele Zeugen, noch mehr Erinnerungslücken

Viele Zeugen, noch mehr Erinnerungslücken

DAUN. Ohne ein Urteil schloss der erste Tag des Prozesses wegen Beihilfe zur Untreue gegen zwei ehemalige Beamte des Rathauses Gerolstein. Dafür erhielten die zwei Dutzend Zuhörer Einblicke in Struktur und Arbeitsabläufe einer Verwaltung, in Beamtentum und Loyalitätsprinzip und lernten, wie vergesslich Menschen doch sein können. Die Verhandlung wird am 20. Juni fortgesetzt.

Als Richter Hans Schrot gestern gegen 15 Uhr nach knapp sechsstündigem Verhandlungsmarathon mit umfangreicher Zeugenbefragung wieder den Sitzungssaal des Amtsgerichts in Daun betritt, erwarten und erhoffen fast alle Anwesenden ein Urteil. Doch dazu kommt es nicht. Nachdem er zuvor bereits das Verfahren gegen den ehemaligen Leiter der Schul- und Sozialabteilung, Otmar Zimmermann, abgekoppelt hat, weil er einen weiteren Zeugen befragen wollte, vertagt er aus dem gleichen Grund auch das Verfahren gegen Karl Marschall, Ex-Leiter des Ordnungsamts und Geschäftsführer der Volkshochschule (VHS) Gerolstein. Beiden wird zur Last gelegt, dass sie sich durch ihren damaligen Dienstherrn, Bürgermeister Adolf Rodermann, den Vorruhestand finanziell haben versüßen lassen. Marschall erhielt für seinen Job als VHS-Geschäftsführer nicht mehr 250, sondern fortan 1500 Mark im Monat. Zimmermann bekam - wie ansonsten bei Beamten unüblich - über Jahre angesammelte Überstunden ausgezahlt. Und bei beiden haben die Zuzahlungsbeträge auf den Pfennig exakt die 17 Prozent ausgemacht, die sie bei der Aktivphase der Altersteilzeit weniger im Geldbeutel gehabt hätten. Für Staatsanwalt Peter Fritzen ein "klares Umgehungsgeschäft" und "vorsätzlich, schließlich muss sich ein Beamter immer fragen, wenn er extra Geld bekommt, ob das rechtens ist". Vor allem, wenn man eine Leitungsposition inne habe und bereits so lange im Dienst sei, wie die beiden Beklagten. Die haben das zusätzlich gezahlte Geld zwar bereits zurückerstattet, wehren sich nun aber gegen die gegen sie verhängte Geldbuße von je 4500 Euro - wegen besagten Verdachts der Beihilfe zur Untreue. Beide haben nach eigenem Bekunden aber, wie sie mehrfach betonten, gar nicht den Vorruhestand antreten wollen - wegen der finanziellen Einbußen. "Konnten ja keinen erschießen"

Rodermann aber wollte die Abteilungen, die die Angeklagten leiteten, zu einer großen Einheit zusammenfassen. "Wir konnten ja keinen erschießen oder rausschmeißen", sagt der als Zeuge und nicht als Angeklagter Geladene aus. Denn: Er hat den gegen ihn erhobenen Untreue-Vorwurf gestanden und den Strafbefehl über 9000 Euro bezahlt. Und wenn er von "wir" spricht, meint er stets seinen damaligen Büroleiter Klaus Jansen. Der ist nach Aussage des Ex-Bürgermeisters Hauptakteur. Rodermann sagt: "Die Verhandlungen mit den beiden Herren (Zimmermann und Marschall, Anmerkung der Redaktion) sind von Herrn Jansen geführt worden. Ich war nur sporadisch dabei." Und wenn er bei einigen Detailfragen auch vorgibt, sich nicht mehr erinnern zu können, so antwortet der 67-Jährige auf die Frage des Richters, ob er die Regelungen im Detail ausgearbeitet hat, dann doch deutlich: "Nein, das war der Herr Jansen." Der wiederum sieht zum einen seinen ehemaligen Chef in der Verantwortung. Er sagt: "Herr Rodermann hätte nie blind einen Vorschlag von mir übernommen." Zum anderen kann auch er sich - obwohl Büroleiter - an viele Vorgänge nicht mehr erinnern. Nicht daran, weshalb die VHS-Vergütung auf die krumme Zahl von 1559,89 Mark erhöht wurde, nicht daran, ob er die Anweisung gegeben haben soll, dass die Angelegenheit nicht im Verbandsgemeinderat behandelt wurde (was die Zeugin Eveline Fischbach später aber aussagte) und auch nicht daran, dass die Vergütungsregelung nicht in die Personalakte des Angeklagten Marschall aufgenommen werden soll. Auch das stellt die Zeugin Fischbach später als "Anweisung von Herrn Jansen" dar. Und sorgt damit für Licht im Dunkel der Verwaltungsvorgänge. Das hat sich der Richter auch bei der eine Stunde und zwanzig Minuten dauernden Vernehmung von Klaus Jansen erhofft. Doch anstelle dessen erlebt er mal einen vergesslichen ("das weiß ich nicht", "daran kann ich mich nicht erinnern"...), mal einen erregten bis empörten Zeugen. So haut Jansen nach der Frage des Staatsanwalts, ob das Geld gezahlt worden sei, um einen finanziellen Ausgleich zu schaffen, auf den Tisch und sagt: "Das lass ich mir nicht gefallen." Dann wiederum doziert er über Beamtentum und Verwaltungsrecht und weiß auch zu überraschen, indem er sagt: "Der Vermerk könnte ja gefälscht worden sein". Die Hoffnung auf mehr erhellende Erkenntnisse gibt die Staatsanwaltschaft dennoch nicht auf, denn laut Fritzen läuft gegen Jansen und den Zeuge Hans-Peter Böffgen in der gleichen Angelegenheit derzeit noch ein Ermittlungsverfahren.

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