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Von Loslassen und Mut machen

Von Loslassen und Mut machen

Jüngstes Kind schwer behindert, Vater weg: Das können die Zutaten für ein Drama sein. Nicht in der Trier-Mariahofer Familie Standard. Warum das so ist, beschreibt Daniela Standard eindrucksvoll in einem Buch.

Trier-Mariahof Bei dieser Trierer Familie ist vieles nicht so wie "normal". Das fangt mit dem Namen an: Standard. Der ist nicht deutsch, sondern US-amerikanisch und angeheiratet. Der jüngste der drei Söhne: körperlich und geistig behindert, was Daniela Standard (53), geborene Rosch aus dem Stadtteil Zewen, lange Zeit nicht wusste, bis aus Ahnung Gewissheit wurde. Michael (ausgesprochen Meikel), inzwischen 23, lebt mit einer Lähmung des zentralen Nervensystems und kann nicht sprechen. Vermutlich der Grund, warum der Vater die Familie auf Nimmerwiedersehen verließ. Unterkriegen lassen hat sich Daniela Standard nie: "Wir sind ein starkes Team", sagt sie. Wie stark, das habe ausgerechnet der vermeintlich Schwächste gezeigt. Wie es dazu kam, beschreibt seine Mutter in einem Buch.
Eine 53-Jährige, von Beruf Pfarrsekretärin und ehrenamtliche Notfallseelsorgerin, als literarische Spätstarterin - dazu bedurfte es eines Schlüsselerlebnisses. Ein Vater, dessen behinderte Tochter bei einem Unfall ums Leben gekommen war und den sie seelsorgerisch betreute, sagte in seiner Verzweiflung: "Wir haben so viele Geschichten mit ihr erlebt. Ich wollte alles aufschreiben. Jetzt ist sie tot."
Daniela Standard schrieb auf. Die Geschichte von Michael David Gabriel (so der komplette Vorname), der 2007 am Trierer Stadtlauf teilnahm, und ihrer Besorgnis darüber: "Oh Gott, das schafft er nicht allein. Da muss ich als Betreuerin dabei sein." Was dann passierte, in Kurzform: Michael rennt los und landet über die Fünf-Kilometer-Distanz im vorderen Drittel. Mutter keucht hinterher, wird Drittletzte und erkennt: "Der Knabe kann viel mehr, als ich ihm zugetraut habe. Und er hat erlebt, dass es Dinge gibt, die er besser kann als ich. Da macht ihn stolz wie Oskar."
Der Stadtlauf bildet die Rahmenhandlung, in die Daniela Standard Episoden aus den ersten 13 Lebensjahren ihres Jüngsten schildert. Meist mit einem lachenden, manchmal auch weinenden Auge gibt sie Einblick in die Gefühlswelt und den Alltag einer früh vaterlosen Familie mit einem Kind, das ganz anders ist als die allermeisten anderen. Abrechnung mit dem Ex-Gatten? Fehlanzeige: "Das ist kein Rosenkrieg-Buch."
Zuerst, so sagt sie, habe sie "nur geschrieben, um nichts zu vergessen. Dann habe ich die Geschichte im Bekanntenkreis gezeigt. Die sehr positive Resonanz gab den Anstoß, ein Buch daraus zu machen." Ein Buch, das Mut machen soll. Vor allem Menschen mit behinderten Angehörigen. Und Eltern, die den Boden unter den Füßen zu verlieren glauben, wenn sie ein behindertes Kind bekommen.
In ihrem persönlichen Fall war das "unterm Strich keine Belastung, sondern ein Segen. Michael hat mir einen ganz neuen Blick aufs Leben gegeben. Durch ihn habe ich gelernt, mich auch an ganz kleinen Dingen zu erfreuen". Und wie kommt es zu dem ungewöhnlichen Buchtitel "Zwei Engel, ein König … läuft doch!"? "Mein Jüngster hat drei Namen: Michael, David und Gabriel - zwei Engel und ein König. Und Menschen mit Behinderung haben uns so viel zu geben. Wenn wir uns auf sie einlassen, wie sie sich auf uns einlassen und mit unseren Grenzen leben müssen, dann können auch wir die Engel und Könige in ihnen entdecken."
Daniela Standard hat ihr Buch auf eigene Kosten veröffentlicht. Weil die erste Auflage (500 Exemplare) schon wenige Tage nach Erscheinen zur Hälfte verkauft ist, denkt sie über eine zweite Auflage nach.
Buch, Verlag und Verkaufsstellen:
Daniela Standards Buch "Zwei Engel, ein König … läuft doch!" (102 Seiten, 12,90 Euro) ist erschienen in der Edition Wortschatz des Neufeld-Verlags (Cuxhaven). Erhältlich ist es in den Trierer Buchhandlungen Stephanus und Mayersche Interbook, im Klosterladen St. Matthias und bei der Autorin. Mehr Informationen online unter www.neufeld-verlag.de