Vor einem Jahr: Gut 1500 Menschen protestieren in Daun gegen die Schließung der Geburtshilfe

Kostenpflichtiger Inhalt: Gesundheitsversorgung : Trotz Protesten bleibt Dauner Geburtshilfe geschlossen

Die größte Demo, die Daun je gesehen hat, und Mahnwachen retten die letzte Geburtsstation in der Vulkaneifel nicht. Viel wurde versucht, um den Verlust abzufedern. Das Kernproblem bleibt.

Diskussion über die Zukunft der Loreley-Kliniken, Sorge um den Erhalt des Krankenhauses in Adenau: Nur zwei Beispiele aus jüngster Vergangenheit, in der es um medizinische Versorgung auf dem Land geht. Im Kreis Vulkaneifel gibt es zwar noch zwei Krankenhäuser (Daun und Gerolstein), die Bevölkerung hat aber auch schon erleben müssen, wie das Angebot Schritt für Schritt abgespeckt wird.

Gut ein Jahr ist es her, seit der Träger des Maria-Hilf-Krankenhauses in Daun die überraschende Schließung des Kreißsaals verkündete. Die Folge: ein empörtes Echo der Bevölkerung wie der Politik. Doch alles Flehen und Demonstrieren – rund 1500 Menschen gingen am 21. November 2018 in Daun jenseits täglicher Mahnwachen auf die Straße – half nichts. Nicht einmal die Einsicht der Provinzoberin des Trägerordens der Katharinenschwestern, Christina Clemens, die sagte: „Ich stamme selbst aus Daun und habe dort gelernt, ich weiß, was die Schließung der Geburtshilfe in dieser Region für die Familien und Schwangeren bedeutet.“ Doch auch sie musste vor den ökonomischen Sachzwängen der Rahmenbedingungen des Gesundheitssystems kapitulieren, obwohl es nach ihrer Auffassung die grundlegenden Werte einer gesundheitlichen Versorgung sind, in Sicherheit geboren zu werden und sterben zu dürfen.

Eine Interessengemeinschaft (IG) Geburtshilfe Vulkaneifel gründete sich spontan in der Bäckerei Utters in Dockweiler, die dem enormen Andrang der nach Alternativen suchenden Protestierenden kaum gewachsen war. Nicht nur die von der Stationsschließung betroffenen Hebammen waren und sind bis heute Motoren der IG, sondern zwischenzeitlich engagierten sich auch Kommunalpolitiker, junge Väter und werdende Eltern, Gewerbetreibende und der Verein „Bürger für Bürger“ in dem Bündnis. Das nicht erreichte Ziel: eine neue klinische Geburtsabteilung zum nun anstehenden Jahreswechsel.

Doch die IG arbeitet weiter: „Der Verlust der Geburtshilfe ist nach wie vor schmerzhaft. Dennoch bleiben wir mit vielen Menschen aus der Region gewohnt hartnäckig dran, Lösungen für eine Wiedereinrichtung einer Geburtshilfe zu finden. Der Weg ist steinig – aber nicht aussichtslos.“ Werner Klöckner, Bürgermeister der Verbandsgemeinde Daun, sagt: Das im Frühjahr gesteckte Ziel ,Etablierung einer stationären Geburtshilfe als Hauptabteilung in der Vulkaneifel’ war zwar von vornherein als ambitioniert anzusehen. Dass dieser Weg allerdings so steinig ist, erschüttert mich als grundsätzlich optimistischen Menschen. Ich möchte es so beschreiben: War man dabei, einen Felsblock wegzuräumen, tauchte kurze Zeit später ein noch viel größerer auf. Jetzt kann es sein, dass wir ohnmächtig vor einem unüberwindbaren stehen bleiben.“

Mehr Sensibilität für die Thematik jedenfalls ist gewachsen, denn die Krise der Geburtshilfen – die längst nicht nur die Vulkaneifel trifft, sondern fast alle ländlichen Räume – ist sowohl bei der Landesregierung wie beim Bundesgesundheitsministerium angekommen; wenngleich bislang noch ohne konkrete gesetzgeberische Folgen, die das Geburtshilfesterben beenden könnten. Zudem wird immer klarer: Nicht nur die Geburtshilfen sind in ihrer Existenz bedroht, weil sie die ökonomisch kalkulierten Mindestfallzahlen an Patienten nicht erreichen. Auch alle anderen Stationen und kleine Krankenhäuser sind es.

Ingrid Mollnar, Vorsitzende des rheinland-pfälzischen Hebammenverbandes, nahm in der Folge der Dauner Proteste an den Planungen zur Abfederung der Versorgungslücke teil. Sie fordert nach wie vor eine politische Lösung anstelle von kleinteiligen Reparaturmaßnahmen, die Kommunen und Akteure vor Ort allein stemmen müssen. „Wir brauchen definitiv eine Regelung in der Krankenhausplanung, dass Geburtshilfe zur Grundversorgung gehört, die ein Krankenhaus zu leisten hat.“ Andernfalls sei absehbar, dass auch Geburtsstationen wie etwa Mayen mit rund 600 Geburten pro Jahr, die nun die in Daun entstandene Versorgungslücke mit schließen hilft, vor dem Aus stehen.

In Daun wurde die Situation für Schwangere durch eine Hebammenzentrale und in Kelberg-Zermüllen durch das von Kinderarzt Reinhold Jansen eingerichtete Kelberger Familienprojekt (KeFa) abgemildert. Die Bilanz von Landrat Heinz-Peter Thiel: „Ich bedauere nach wie vor, dass vor knapp einem Jahr die letzte Geburtshilfe im Kreis geschlossen wurde und diese auch trotz vehementen bürgerlichen Protests und Engagements auf allen Ebenen nicht abgewendet werden konnte. Ich bin aber auch stolz darauf, dass es uns ebenfalls mit viel Engagement und großer Entschlossenheit gelungen ist, mit den vorhandenen Möglichkeiten einen innovativen Lösungsansatz zu initiieren und in Kooperation mit dem Gesundheitsministerium die Einrichtung der Hebammenzentrale zu ermöglichen. Auch das  war so zunächst alles andere als selbstverständlich.“

Auch sie setzten ein Zeichen: Vor dem Maria-Hilf-Krankenhaus in Daun gab es über Wochen Mahnwachen. Foto: TV/Angelika Koch
Hat bald ausgedient: der Kreißsaal des Dauner Krankenhauses. Foto: Stephan Sartoris. Foto: TV/Foto: Stephan Sartoris
Impressionen von der Geburtshilfestation des Maria-Hilf-Krankenhauses Daun. Foto: TV/Stephan Sartoris

Der Beratungsbedarf junger Familien sei nach dem Wegfall der Geburtshilfestation sehr hoch. Unter den derzeitigen für den ländlichen Raum sehr schwierigen gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen „ist es uns im Kreis Vulkaneifel gelungen, mit kommunalen, aber auch mit privaten Initiativen den werdenden Eltern Anlaufstellen zu schaffen mit entsprechenden Informations- und Beratungsmöglichkeiten für diese besondere Lebensphase.“

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