Vorübergehend zu Hause

Vorübergehend zu Hause

Flüchtlinge leben mittlerweile nicht nur in den großen Städten im Land. Sie werden von der Erstaufnahmeeinrichtung aus weiter verteilt - oft auf kleine Dörfer mit ein paar Hundert Einwohnern. Am Willen zur Integration mangelt es weder bei den Dörflern noch bei den Flüchtlingen. Und trotzdem scheitert sie immer wieder.

Strotzbüsch. Drei. Die elfjährige Roseim zählt es an ihren Fingern ab: Drei Freundinnen hat sie in der neuen Nachbarschaft gefunden. Sie strahlt übers ganze Gesicht, als sie das sagt. Roseim geht in die vierte Klasse der Grundschule in Gillenfeld (Vulkaneifel. Jeden Morgen fährt sie mit anderen Kindern aus Strotzbüsch im Bus zur Schule - und hat so schnell Anschluss im neuen Leben gefunden.Mindestens in einem Verein


Seit Ende Mai lebt Roseim mit ihrem sieben Jahre alten Bruder und Mama Hevidar Shikho in Strotzbüsch. Vor fünf Monaten sind sie aus Syrien geflohen. Dort haben sie in Damaskus und Aleppo gelebt. 2010, vor dem Bürgerkrieg, hatte Aleppo über zwei Millionen Einwohner. In Strotzbüsch leben 419 Menschen. Aleppo war einst ein Häusermeer, aus dem die Minarette der Moscheen wie Leuchttürme herausragten. Seit vier Jahren steht die Stadt unter Beschuss, übrig blieben fast nur Ruinen. In Strotzbüsch dominieren dagegen Einfamilienhäuser mit gepflegten Vorgärten. Von fast jedem Punkt aus fällt der Blick auf eine Wiese oder ein Feld. Gerade erst haben sie hier das Gemeindehaus mit 50 Helfern in Eigenleistung renoviert. Zehn verschiedene Vereine gibt es, nach Angaben von Bürgermeister Emil Maas sind 30 Prozent der Bürger in mindestens einem davon engagiert. Maas ist stolz auf sein Strotzbüsch: "Wir haben hier eine lebendige Vereins- und Dorfgemeinschaft", sagt der 68-Jährige. Und seit fast einem Jahr gibt es im Ort ein völlig neues Betätigungsfeld: Denn seitdem kommen regelmäßig Flüchtlinge, ganze Familien sind es meistens.TV-Serie Fremde Heimat


Die Kreisverwaltung bringt sie hier unter, wenn sie nach durchschnittlich drei Monaten die Aufnahmeeinrichtungen für Asylsuchende (Afa) verlassen. Sieben Bürger kümmern sich dann in Strotzbüsch um sie. Sie übernehmen Fahrdienste, begleiten zu Behörden oder organisieren Spenden, wenn im Haushalt etwas fehlt. Wenn eine Familie neu in den Ort kommt, schaut auch Maas erst mal zum Kennenlern-Gespräch vorbei. Er will dann wissen, ob die Wohnung in Ordnung ist, und bietet den Kindern an, in einem der Vereine mitzumachen. "Die Erwachsenen wollen das oft nicht, die haben lieber erst mal ihre Ruhe", sagt Maas. Er könne das gut verstehen, sagt er, schließlich hätten die Leute auf ihrer Flucht ja auch einiges mitgemacht. So sind es vor allem die Kinder, die ihre Fühler in die neue Welt ausstrecken. Einige von ihnen, erzählt Maas, hätten zum Beispiel bei den Vorbereitungen zur Fronleichnams-Prozession mitgeholfen. "Von den Blumenteppichen, die die Frauen aus der Gemeinde ausgelegt haben, waren sie ganz begeistert."
Drei Unterkünfte stehen in Strotzbüsch vollständig möbliert bereit, Privatleute haben sie der Gemeinde zur Verfügung gestellt. Familie Hevidar lebt in einer Wohnung im Erdgeschoss eines Zweifamilienhauses. Am Briefkasten klebt ein Schild, darauf ist mit rotem Filzstift der Familienname geschrieben. Dunkle, schwere Eichenmöbel stehen im Wohnzimmer. Auf dem Tisch liegen Buntstifte, Schulhefte und ein Wörterbuch verstreut. Im Fernsehen läuft der Kinderkanal.
Shikhos sind angekommen - vorerst zumindest. Denn die Familien bleiben oft nicht lange in Strotzbüsch. Nach ein paar Monaten werden sie weiterverteilt. Bald verlassen wieder zwei Familien Strotzbüsch, sie kommen dann nach Daun. "Die Leute selbst wollen wieder zurück in die Stadt", sagt Maas. Das Leben auf dem Dorf sei eben nicht für jeden etwas. Auch Hevidar Shikho würde gerne in einer größeren Stadt leben. "Es ist einfacher, gerade mit Kindern", sagt sie. Geschäfte, eine größere Auswahl an kulturellen Angeboten oder der öffentliche Nahverkehr, all das fehlt ihr in Strotzbüsch. Maas würde sich dagegen wünschen, dass Familien wie die Hevidars länger blieben. Das mache die Integration einfacher. "Kaum jemand aus diesen Familien tritt einem Verein bei, einfach weil es für die kurze Zeit nicht lohnt", sagt Maas.Party in Strotzbüsch


Und auch für die Ehrenamtlichen sei der häufige Wechsel schwierig. "Sie müssen sich jedes Mal auf neue Leute einstellen. Und jede Familie bringt andere Bedürfnisse und Probleme mit." Die Gründe, warum die Flüchtlinge nach teilweise nur kurzer Zeit wieder gehen, seien unterschiedlich, sagt die für die Verteilung zuständige Kreisverwaltung. "Es kann zum Beispiel sein, dass die Asylbewerber Arbeit gefunden haben, aufgrund von Familienzuwachs eine größere Wohnung benötigt wird oder auf Wunsch der Asylbewerber eine zentraler gelegene Wohnung gefunden wird", sagt Elvira Krämer, Sprecherin der Kreisverwaltung Vulkaneifel.
Integration kann auch in kleinen Gemeinden funktionieren, gerade weil die Flüchtlinge hier viel schneller in Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung kommen. Auch Maas glaubt, dass die Voraussetzungen für ein gutes Miteinander auf den Dörfern gegeben sind - wenn man den Menschen Zeit gibt, sich einzuleben. Die Organisation Pro Asyl, die sich für die Rechte von Flüchtlingen und Migranten einsetzt, gibt ihm recht: "Im ländlichen Raum gibt es nicht selten auch günstige Bedingungen für Integrationsprozesse. Wenn es dort etwa leichter Wohnungen gibt, Vereine und Institutionen zugänglich sind, Kinder auch außerhalb der Schule schnell "drin" sind, dann wollen viele Flüchtlinge bleiben", sagt Bernd Mesovic, stellvertretender Geschäftsführer der Organisation mit Sitz in Frankfurt. Vorausgesetzt, sie dürfen auch.
Shikhos dürfen erst einmal. Und auch wenn das Leben in der Stadt vielleicht etwas einfacher wäre für die kleine Familie - solange sie hier sind, wollen sie sich integrieren. Hevidar Shikho schaut etwas überrascht, als Maas ihr vom kommenden Feuerwehrfest erzählt. "Eine Party, hier in Strotzbüsch? Da gehen wir natürlich hin", sagt sie. Auch Roseims Gesicht leuchtet auf. Die Elf-Jährige wird auf dem Fest mit ihren drei neuen Freundinnen feiern.
Die komplette Serie finden Sie im Internet unter
volksfreund.de/fremdeheimatExtra

5718. So viele Flüchtlinge leben derzeit in der Region. Für ihre Serie "Fremde Heimat" haben die TV-Volontäre umfassende Daten über die Neuankömmlinge zwischen Konz, Trier, Bitburg, Daun und Wittlich ausgewertet. Sie haben viel Zeit mit Flüchtlingen verbracht - und mit denen, die ihnen helfen wollen. Herausgekommen sind Geschichten über Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen der alten und der neuen Heimat, zwischen Christen und Muslimen. Geschichten über guten Willen und unerwartete Grenzen. Geschichten vom Warten und vom Ankommen.Extra

Strotzbüsch liegt im Landkreis Vulkaneifel und gehört zur Verbandsgemeinde Daun. Der Ort liegt jeweils etwa 20 Kilometer entfernt von Daun, Cochem und Wittlich. Auf einen Quadratkilometer kommen hier 65 Einwohner. Zum Vergleich: In Trier sind es 981,1. 204 Männer und 215 Frauen leben hier. Mit einem Anteil von 22,7 Prozent sind die meisten zwischen 65 und 80 Jahre alt. 14 Strotzbüscher sind unter drei Jahre alt, 15 sind im Grundschul-Alter. Der Strotzbüscher Nachwuchs fährt nach Strohn in den Kindergarten und nach Gillenfeld zur Grundschule. Der kleine Ort hat 14 Gewerbebetriebe. Bei der Landtagswahl im März erreichte Strotzbüsch eine Wahlbeteiligung von 56,1 Prozent. Mit 44,4 Prozent gaben die meisten Wähler der CDU ihre Stimme, 33,9 Prozent entschieden sich für die SPD. 10,6 Prozent der Menschen wählten die Afd. (Wahlkreisstimmen). lbe Quellen: Statistisches Landesamt/Landeswahlleiter

Mehr von Volksfreund