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Was Anzeigen über jüdische Schicksale verraten

Was Anzeigen über jüdische Schicksale verraten

"Was ist aus ihnen geworden?" lautet der Titel eines Buches, das jüdische Familiengeschichte während und nach der Zeit des Nationalsozialismus aufarbeitet. Anzeigen in der New Yorker Emigrantenzeitung "Aufbau" spiegeln Einzelschicksale und gleichzeitig den Umfang jüdischer Familientragödien wider.

Bitburg/Prüm/Daun/Gerolstein. Das Nachschlagewerk zieht auf traurige Weise in seinen Bann. Denn viele der darin genannten Menschen haben früher im Hunsrück, an der Mosel oder in der Eifel gelebt. Doch sie lebten dort zu einer Zeit, in der ihnen letztlich nur eine Überlebenschance blieb: die rasche Flucht aus ihrer Heimat.
In vierjähriger, akribischer Arbeit hat Edgar Schwer (siehe Extra) mit dem Buch "Was ist aus ihnen geworden?" ein außergewöhnliches Zeitdokument erstellt. Basierend auf Familienanzeigen wie zu Verlobungen, Hochzeiten, Geburten oder Sterbefällen arbeitete er ein tragisches Kapitel jüdischer Geschichte auf: das in der grausamsten Epoche deutscher Geschichte, der Zeit des Nationalsozialismus.
Von erschütternd bis erfreulich


Denn die zwischen 1940 und 1950 in der New Yorker Emigrantenzeitung "Aufbau" erschienenen Annoncen reflektieren Schicksale ganzer Familien. Das 1934 begründete monatliche Nachrichtenblatt des German-Jewish Club (später New World Club) war laut Schwer "das Sprachrohr" deutschstämmiger jüdischer Auswanderer: "Über die Zeitung fanden die Immigranten die erste Unterkunft, die erste Arbeitsstelle und den Mut zu einem neuen Leben."
Die herausragende Leistung der Zeitung sei jedoch die der Familienzusammenführung gewesen. Denn über die Anzeigen erfuhren Überlebende von anderen, die es geschafft hatten, oder erhielten traurige Gewissheit über das Schicksal Verstorbener. Noch heute erschüttern Annoncen, die mit "Wer kann Auskunft geben über" beginnen und Namen vermisster Angehöriger aufführen.
José Ermann, 1946 wohnhaft in Bolivien, und Oscar Dewald aus Ohio (USA) hatten eine solche Anzeige aufgegeben. Sie suchten Wittlicher Verwandte, die laut Anmerkungen des Autors unter anderem in Auschwitz "verschollen" sind.
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Erschütternd auch folgende Annonce: "Erst jetzt erhielten wir die Nachricht, dass unsere geliebte Mutter ... 1943 in Theresienstadt im Alter von 84 Jahren gestorben ist."
Die Anzeige vom Februar 1946 erinnert an das Schicksal einer in Longuich geborenen Hermeskeilerin wie an das von Angehörigen, die in Amerika und Shanghai Zuflucht fanden. Tröstlich sind Verlobungs- oder Hochzeitsanzeigen wie die von Angehörigen der aus Talling ausgewanderten Familie Hirsch: 1946 zeigte Herbert Hirsch seine Verlobung an, wenig später seine Eltern, das Ehepaar Nathan Hirsch, seine Hochzeit, und im Mai 1947 gratulierte das junge Paar den Eltern zum 25. Hochzeitstag.
Auch einige ehemalige Thalfanger mit dem Familiennamen Simon zeigten Erfreuliches an: Ende 1942 gaben Edith Simon ihre Verlobung und Joe Simon seine Hochzeit bekannt, im August 1944 heiratete Rose Simon und im Februar 1945 Fina Simon. Über die Geburt einer Tochter informierte 1943 ein aus Brauneberg (Kreis Bernkastel-Wittlich) ausgewandertes Ehepaar, Arthur und Ilse Strauss, eine geborene Hirsch.Extra

Edgar Schwer (64) ist Heimatforscher und Autor der "Hochwälder Hefte zur Heimatgeschichte" des Vereins für Heimatkunde Nonnweiler, dessen Vorsitzender er ist. Das Buch "Was ist aus ihnen geworden?" wurde anlässlich des 30-jährigen Vereinsbestehens herausgebracht. Der frühere Bergmann Schwer erforscht seit Jahren für diverse heimatkundliche Vereine die regionale Geschichte und widmet sich der Ahnen- und Glockenforschung. Quelle seiner aktuellen Recherchen war eine in der Deutschen Nationalbibliothek verfügbare digitalisierte Ausgabe der Zeitung Aufbau. Die Anzeigentexte ergänzte er um zwischenzeitlich bekannte Daten der genannten Personen. Schwer konzentrierte sich bei seinen Recherchen auf Orte des linksrheinischen Rheinland-Pfalz und des Saarlands. In der Eifel genannte Orte sind unter anderem Bitburg und Gerolstein. urs Das Buch (312 Seiten, Din A4, Prisma Verlagsdruckerei Saarbrücken) ist für 18 Euro plus Porto erhältlich beim Verein für Heimatkunde Nonnweiler, Zum Kahlenberg 12, 66620 Nonnweiler, Telefon 06873/7716; E-Mail an die Adresse edgar.schwer@t-online.de. Weitere Informationen: www.heimatkunde-nonnweiler.de