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Was bleibt ist die Angst

Was bleibt ist die Angst

In einer Nacht ist in Hüttingen an der Kyll vier Mal eingebrochen worden - mit einer besonderen Technik. Aufgrund von DNA-Spuren scheint der Fall beim Landgericht Trier schon geklärt, dennoch bleibt die Frage nach der Anzahl der Täter.

Trier/Hüttingen an der Kyll Die Zeugen der Polizei sind sich einig, so was haben sie seit Jahren nicht gesehen. Fenstereinbruch auf diese Art ist in der Region ungewöhnlich. Und dann gleich viermal in einer Nacht im 300-Seelenort Hüttingen an der Kyll. Da liegt es doch nahe, dass es sich um ein und denselben Täter handelt, mutmaßen die drei Polizisten. An einer Einbruchsstelle gibt es sogar Desoxyribonukleinsäure - DNA-Spuren - vom Angeklagten. Und dennoch bleiben Rätsel am Montag bei der Verhandlung des Landgerichts Trier.

Die Anklage
Während Sie schlafen kommen Unbekannte in Ihre Wohnung und durchwühlen Ihr Privatestes - für viele eine Horrorvorstellung. Dem 45-jährigen Angeklagten wird genau das zur Last gelegt: In der Nacht vom 23. Juni auf den 24. Juni 2015 soll er in Hüttingen an der Kyll gemeinsam mit einer bislang unbekannten Mittäterin in drei Wohnungen und eine Gaststätte eingebrochen sein. Der Einbruch misslang ihnen in zwei Fällen, bei einem weiteren nahmen sie kein Diebesgut mit. Zu der Beute im vierten Fall später mehr.
Darüber hinaus soll der Angeklagte in der Nacht vom 31. Juli auf den 1. August 2015 zunächst in eine Gaststätte in Perl eingedrungen sein und 150 Euro entwendet haben und später dann in einem Wohnhaus 80 Euro gestohlen haben. Am Montag dreht sich alles um die Einbruchsserie in Hüttingen. Der Angeklagte verweigert sowohl die Aussage zur Sache als auch zu seinem Lebenslauf. Dem Prozess folgt er ohne Regungen zu zeigen, egal ob es emotional oder lustig wird - was womöglich auch an der Sprachbarriere liegt. Neben ihm sitzt extra ein Übersetzer, der ihm jeden Wortlaut erklärt.

Das sagen die Zeugen
"Fensterbohren, das ist sehr selten", sagt der erste Zeuge, ein Polizeibeamter, der in der Tatnacht zu einer der Einbruchsstellen gerufen wird. Seine zwei Kollegen bestätigen das später. So ein Bohrloch sei rund 8 Millimeter groß. Mit Hilfe eines Drahts versuchen die Einbrecher bei dieser Methode den Fensterhebel in Stellung zu bringen, um dieses dann lautlos zu öffnen. Üblicher sei es, die Scheibe mit einer Stange aufzuhebeln - "Bohren, das machen nur richtige Profis". An dieser Stelle macht Strafverteidiger Michael Angele darauf aufmerksam, dass eines der Fenster zunächst gebohrt und dann aufgehebelt worden sei. Warum dies technische Spitzfindigkeit? Der Zeuge von der Polizeiinspektion Bitburg bestätigt, dass sei noch ungewöhnlicher für solche Einbrüche, als die Serie sowieso schon sei. Wenn es nicht auf Anhieb klappe, würden die Einbrecher sonst abziehen. Also doch nicht ein Täter, sondern verschiedene Gruppen mit verschiedenen Methoden? Oder besonders skrupellose Profis? Zweifel ins Spiel zu bringen, ist Angeles Ziel. Zumindest an der DNA-Spur des Angeklagten an einem der Tatorte ist nichts zu wiederlegen - also Schadensbegrenzung bezüglich der anderen drei Häuser.

Für ein Weizen und einen Hocker
Ein Hüttinger berichtet vom Einbruch im Keller seiner Wohnung. Die oder der Täter versuchten den Waffenschrank des Geschädigten aufzubrechen, das misslang ihnen. Was dann schließlich entwendet wurde, möchte Richter Armin Hardt wissen: ein Benediktiner Hefeweizen. "Ach, und noch ein Holzhocker", sagt das Einbruchsopfer. Warum das? "Vielleicht wollten sich die Einbrecher darauf setzen, um Bier zu trinken.", sagt der ehemalige Hocker-und-Weizen-Besitzer. Staatsanwalt Benjamin Gehlen möchte den Wert des Weizens wissen. "Ein Euro inklusive Pfand", poltert Richter Hardt in die Runde. Während die nächste Zeugin den Gerichtssal betritt, herrscht noch Gelächter. "Die Stimmung steigt", sagt Hardt. Bei allen Geschädigten ist der Schaden höher als die Beute der Einbrecher. Und die psychische Belastung ist groß. Die Zeugin berichtet, ihre Familie schlafe nicht mehr mit gekippten Fenstern, ihr Kind habe Nächte nicht geschlafen. Dann kommt wieder ein Rätsel: "Es klang wie bei einer Party, es hat geklappert und gescheppert, Flaschen sind erklungen", sagt sie. Leute hätten sich auch laut unterhalten. In einem Comic würden große Fragezeichen die Gesichter von Richter Hardt und Staatswanwahlt Gehlen überdecken. Wieder ungewöhnliches Verhalten für Einbrecher. Anwalt Angele gelingt es an dieser Stelle erneut, Zweifel daran zu streuen, dass der Angeklagte für alle vier Einbrüche verantwortlich ist. Behilflich ist ihm dabei auch der Umstand, dass in einem der vier Fälle die betroffene Familie in Urlaub war und nicht mit Sicherheit bestimmt werden kann, ob dort in derselben Nacht eingebrochen wurde. Die Familie bemerkte den Einruch schließlich erst viele Tage später.
Ein weiterer Zeuge berichtet, er habe sich nach dem Einbruch eine Alarmanlage im Wert von 5000 Euro angeschafft. Sein Sohn habe ein Jahr lang nicht in seinem Zimmer schlafen wollen. Auf die Angst der Opfer reagiert der Angeklagte nicht wahrnehmbar. Alle anderen halten an dieser Stelle kurz inne. Staatswanwalt Gehlen erklärt im Nachhinein, was er an den Einrüchen skrupellos findet: "Da geht es um Menschen, die während des Schlafs überrascht wurden. Das zeugt von besonderer Kaltschneuzigkeit."

So geht es weiter
Am 12. September werden überwiegend die Zeugen für die Fälle aus Perl vorgeladen. Richter Hardt rechnet für das Datum auch mit einem Urteil: "Sie können schon einmal ihre Schlussvorträge vorbereiten", gibt Hardt Gehlen und Angele mit auf den Weg.Extra: DNA IM FENSTER?


Wie kommt eigentlich die DNA ins Bohrloch? Nach dem Bohren bleiben Spähne des Fensterkunststoffs im Bohrloch hängen. Um diese Spähne rauszublasen, pusten Einbrecher häufig in die Öffnung, um die Spähne rauszublasen. Dabei bleibt dann manchmal etwas Speichel hängen. Und so lässt sich dann auch die DNA nachweisen.