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Widersprüche in zähen Aussagen

Widersprüche in zähen Aussagen

Das Landgericht Trier muss erneut herausfinden, wie und warum es vor drei Jahren zu mehreren Gewalttaten zwischen zwei Daunern gekommen ist. Die Beteiligten und Zeugen des Geschehens machen dem Gericht die Wahrheitssuche denkbar schwer.

Trier. Es ist naturgemäß eine Herausforderung für Richter und Schöffen zu erkunden, warum Zeugen entweder extrem schweigsam sind oder ihre Aussagen einfach nicht zusammenpassen: Scham, Gedächtnislücken und Verständnisprobleme können Ursachen sein. Eigene Schuld und die Taktik, diese zu verdecken, allerdings auch.
Im aktuellen Prozess wegen besonders schwerer räuberischer Erpressung kommt hinzu, dass der Angeklagte die vorgeworfenen Taten eingestanden hat. Der Prozess wird wegen eines Verfahrensfehlers aber komplett neu aufgerollt. Darum muss die Zweite Große Strafkammer am Landgericht Trier das einstige Geständnis komplett aus ihrem Gedächtnis streichen.
Der Vorsitzende Richter Günther Köhler erfüllt diese Vorgabe auch am zweiten Prozesstag ebenso makellos wie sein Beisitzer und die Schöffen. Dabei ist es kein leicher Job, die Zeugen zu befragen, die überwiegend Pro-bleme mit Alkohol und anderen Drogen haben.
So viel ist klar: An einem Sonntagabend und am darauffolgenden Morgen im Oktober 2013 ist es in einem Dauner Mehrfamilienhaus zu massiven Handgreiflichkeiten vor allem zwischen zwei Männern gekommen. Doch wer wirklich angefangen hat und von wem die gröbste Gewalt ausging, darüber variieren die Aussagen.
Dass es vom Angeklagten selbst überhaupt eine gibt, liegt an der Möglichkeit des Gerichts, aus polizeilichen Vernehmungen zu zitieren. Vor Gericht nutzt der 30-Jährige nämlich sein Recht zu schweigen. Er folgt dem Prozess aufmerksam, kommentiert ihn aber nur selten - dann meist durch spöttische oder ungläubige Mimik.
Unstrittig ist: Der Zeuge A., mutmaßliches Opfer der Gewalt, hat den Angeklagten selbst in seine Wohnung gerufen, um ihn zu fragen, warum seine Handynummer an Dritte weitergegeben wurde.
Was genau daran überhaupt so schlimm ist, bleibt so unklar wie die Tatsache, wer die dann folgende Schlägerei angefangen hat: Der wortkarge Zeuge A. meint zwar, es sei der Angeklagte gewesen - gibt aber kurz darauf auch zu, diesen sogar am Weggehen gehindert zu haben, als er auf die Fragen nicht antworten wollte. Auch seinen damaligen Alkoholkonsum stellt er selbst innerhalb weniger Minuten erst denkbar klein, dann wieder als gewaltig dar.
Richter Köhler versucht gar nicht, hier schlüssige Antworten zu bekommen, sondern zitiert damals gemachte Messungen: Der Zeuge hatte spätabends zwei Promille - und fast immer noch genauso viel am Morgen. Da war die Polizei ein zweites Mal angerückt, nachdem der Angeklagte den Zeugen A. zum Unterschreiben eines Schuldscheins über 150 Euro genötigt haben soll - als Ausgleich für die Verletzungen, die sich der Angeklagte bei der Schlägerei am Vorabend zugezogen habe.
Ein Monitor als Pfand


Auch soll der Angeklagte versucht haben, als "Pfand" erst ein Fahrrad und dann einen Monitor an sich zu bringen. Letzterer sei aber schließlich auf den Kopf des Zeugen A. geschlagen worden, behauptet dieser.
Sein Kumpan, der Zeuge F., der es damals mit zwei Promille in die Akten gebracht hat, schildert, das sei wohl eher im Gerangel passiert und weniger mit Absicht. Ansonsten behauptet der ebenfalls eher maulfaule Zeuge F. in oft unschlüssigen Ausführungen, er habe den Angeklagten am Abend zurückgehalten, als dieser mit einer Gabel auf A. einstechen wollte.
Laut Polizeiakten hatte der Angeklagte aber damals ausgesagt, F. habe ihn festgehalten, damit A. ihn besser schlagen könne. Besonders für den Angeklagten steht einiges auf dem Spiel.
Darum wird die Strafkammer weiter alles tun, um der Wahrheit möglichst nahe zu kommen - obwohl man als Zuhörer einiges fast gar nicht wissen will: Da offenbart sich eine triste Welt, in der Besäufnisse und Gewalt zum dauernden Lebensinhalt gehören - wobei der Blutalkoholwert des Angeklagten vom ersten Tatabend nicht ungenannt bleiben soll: null komma null Promille. Der Prozess wird fortgesetzt.