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Wie Flutopfer im Ahrtal um ihre Zukunft kämpfen

Hochwasser : Wie Flutopfer im Ahrtal um ihre Zukunft kämpfen

Ein halbes Jahr nach der Flutkatastrophe werden im Ahrtal noch immer Häuser abgerissen. Der Aufbau geht vielen viel zu langsam. Ob der Ausgang der Landratswahl am 23. Januar daran was ändern kann?

Gerd und Elfriede Gasper warten in ihrem entkernten und getrockneten Haus an der Ahr auf den ersten Putz für die abgeschlagenen Wände. „Wir hatten hier alles fertig für das Alter“, sagt sie leise. Wann das wieder so weit sein wird – das wagen beide auch ein halbes Jahr nach der Sturzflut mit 134 Toten und Hunderten Verletzten noch nicht abzuschätzen. „Die Zeit läuft weg“, sagt der 80-Jährige traurig. „Je älter man wird, desto schneller läuft sie weg“, ergänzt sein jüngerer Bruder Bernd.

Der 69-jährige Bernd und seine Frau Brigitte haben sechs Monate nach der traumatischen Horror-Nacht noch gar keine Perspektive. Ihr Haus, in dem die Gasper-Brüder auch geboren wurden, steht schon seit Monaten nicht mehr. Kurz vor Weihnachten haben sie aus dem mit rund 30 Milliarden Euro ausgestatteten Wiederaufbaufonds von Bund und Ländern einen Abschlag von rund 21.500 Euro bekommen, erzählen sie. Alles andere ist offen.

Das Paar, das in der Nähe von Bonn untergekommen ist, will in seinen geliebten Heimatort Altenburg zurück. Auf ihrem Grundstück, in unmittelbarer Nähe der Ahr, wollen die beiden aber nicht wieder neu bauen. „Wir wären ja fast ertrunken“, erinnert sich Brigitte Gasper an die Nacht vom 14. auf den 15. Juli. Und das nicht nur, weil das Wasser so hoch stand und das Haus in den Wellen wackelte. Die Wassermassen hatten im Nachbarort auch ein komplettes Fertighaus mitgerissen, das nur knapp an Gaspers Haus vorbei schoss – wie das Handy-Video eines Nachbarn zeigt. Die neuen hochwasserangepassten Auflagen für den Wiederaufbau passten auch nicht zu altersgerechtem Wohnen, ergänzt Bernd Gasper.

All das haben sie den Behörden vor Wochen vorgetragen – bislang aber keine Antwort - weder von der Investitions- und Strukturbank (ISB), noch vom Büro des Vor-Ort-Beauftragten der Landesregierung, sagen sie. Die Ungewissheit und das Nichts-Tun-Können macht beiden zu schaffen. „Wenn ich wüsste, ich kann was tun, dann wäre es auch egal, wie lang das dauert“, sagt die 65-Jährige. „Wir versuchen das Beste draus zu machen“, sagt ihr Mann.

Wie die Gaspers haben viele noch keine Klarheit: Fast alle, die es sich finanziell leisten könnten, hätten daher schon angefangen, wieder aufzubauen, in der Hoffnung, dass später Geld von der Versicherung oder aus dem Wiederaufbaufonds kommen werde, berichten die Gaspers.

So wie eine Nachbarin, die sich lange bevor die Kommunen sogenannte Tiny Houses, also Minihäuser, als Notunterkünfte zur Verfügung stellten, selbst eins für 70.000 Euro gekauft habe, um darin so lange zu leben, bis ihr Haus wieder aufgebaut ist.

„Der Abriss geht noch weiter“, sagt Bernd Gasper bei einem Spaziergang durch Altenburg. Er schätzt, dass es am Ende fast jedes dritte der rund 150 Häuser nicht mehr geben wird. Auch eines der beiden Häuser seiner Söhne steht noch auf der Kippe. Der andere hofft bis Weihnachten 2022 wieder einziehen zu können.

Schausteller Tim Himmes aus Schuld wartet auch noch auf eine Antwort auf seinen Antrag aus dem Wiederaufbaufonds. „Ich habe das schon reklamiert, aber da steht immer noch ,in Bearbeitung‘“, erzählt der 21-Jährige. Sein Bauantrag für den bei der Flut abgerissenen Balkon sei abgelehnt worden. „Ich hab keinen Bock mehr“, sagt er, sichtlich mitgenommen von den vielen Baustellen in und vor dem Haus, in dem er mit seinen Eltern und mehreren Geschwistern lebt. „Man meint, man wird nie fertig.“

Himmes hofft jetzt auf einen Elektriker und einen Metallbauer, um das von der Flut beschädigte Kinderkarussell wieder in Ordnung zu bekommen. Damit will er im Frühjahr wieder losziehen, zusammen mit seinem Vater und drei seiner Schwestern. „Die Verlosungsbude ist aber weggeschwommen.“ Und die Ballwurfbude sei von Wasser und Schlamm bei der Sturzflut so stark beschädigt worden, dass er wohl einen alten Imbisswagen auftreiben und für den Ballwurf umbauen müsse. „Es wäre schön, wenn wir wieder auf Kirmes wären.“

„Wenn das, was wir jetzt erleben, unbürokratische Hilfe ist, möchte ich nicht wissen, was bürokratische Hilfe ist“, sagt Winzer Alexander Stodden aus dem Weinort Rech. Die bei der Sturzflut entstandenen Schäden in seinem Familienbetrieb von 1900 – dem Rotweingut Jean Stodden – beziffert er nach Rücksprache mit Gutachtern inzwischen auf mehr als zwei Millionen Euro. Dazu gehören auch die Reben: „Zwei Hektar sind kaputt, betroffen sind mehr.“ Es fehle aber auch in dieser Frage noch eine Entscheidung der Behörden, wie es damit weitergehen kann.

Gleichzeitig stockt der Verkauf: „Das Privatgeschäft ist tot“, sagt Stodden. Und wegen Corona seien auch die Bestellungen aus der Gastronomie deutlich zurückgegangen. Mit den Verkostungen seiner renommierten Rotweine kann er jetzt aber wieder beginnen. „Die Vinothek ist wieder bespielbar“, sagt der Winzer und hofft wie Gastronom und Hotelier Wolfgang Ewerts aus Insul, dass bald wieder Touristen in das idyllisch gelegene Ahrtal zurückkehren.

Ewerts setzt bei seinem Landhotel mit 24 Zimmern auf das Frühjahr und will spätestens im Sommer auch wieder Gäste in seinem Biergarten bewirten. „Ich hab ja meinen Job mit verloren“, sagt er und hofft, dass wirklich alle wiederkommen, die das ankündigen. „Die nächsten ein, zwei Monate sind entscheidend dafür, wie es weiter geht.“ Der Bauantrag für den barrierefreien Anbau ans Hotel – sein früheres Elternhaus hat er dafür abgerissen – werde hoffentlich im Februar endlich da sein. Er denkt auch über eine E-Ladesäule nach. „Aber wenn ich da 50.000 Euro Baukostenzuschuss leisten muss, bin ich raus.“

„Das halbe Jahr kommt mir wie eine Ewigkeit vor“, sagt Ewerts, der anstelle von Küche und Hotel plötzlich Baustellen managen muss: Den Wiederaufbau seines Bungalows, des Hauses seines Sohnes – und eben des Hotels. „Man ist schon mal leer und ausgepumpt“, sagt er erschöpft. Auch Gerd Gasper sagt: „Ich hätte gedacht, dass wir nach einem halben Jahr schon viel weiter sind.“

Immer mehr Menschen kehrten nach Insul zurück, sagt Ewerts. Auch er kann seit Weihnachten wieder in seinem Bungalow wohnen und ist darüber sehr froh. „Nur das Sofa und die Innentüren fehlen noch.“ Andere, die ihr Grundstück verloren hätten, aber wieder bauen wollten, ließen sich woanders nieder, weil ihnen die Entscheidungswege der Behörden zu lange dauerten. Die Idee, die Ahr als Modellregion wieder aufzubauen, findet Ewerts zwar sehr gut, „aber das Modell darf nicht erst in zwei Jahren fertig sein“.

Am 23. Januar wählen die Menschen im Ahrtal einen neuen Landrat. Der alte, Jürgen Pföhler, wurde wegen Dienstunfähigkeit in den Ruhestand versetzt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den CDU-Politiker wegen des Anfangsverdachts der fahrlässigen Tötung und fahrlässigen Körperverletzung wegen womöglich zu später Warnungen und Evakuierungen. Kommissarisch ist der Erste Beigeordnete des Landkreises im Amt, Horst Gies (CDU), einer von vier Bewerbern für das Landratsamt.

 ARCHIV - 05.11.2021, Rheinland-Pfalz, Altenahr: Die von der Flut zerstörte Eisenbahnbrücke über dem Fluss Ahr in Altenahr. Der Untersuchungsausschuss des Landtags zur Flutkatastrophe vor einem halben Jahr hat an diesem Freitag eine Mammutsitzung angesetzt. (Zu dpa "Mammutsitzung mit Fachleuten im Untersuchungsausschuss Flut") Foto: Boris Roessler/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
ARCHIV - 05.11.2021, Rheinland-Pfalz, Altenahr: Die von der Flut zerstörte Eisenbahnbrücke über dem Fluss Ahr in Altenahr. Der Untersuchungsausschuss des Landtags zur Flutkatastrophe vor einem halben Jahr hat an diesem Freitag eine Mammutsitzung angesetzt. (Zu dpa "Mammutsitzung mit Fachleuten im Untersuchungsausschuss Flut") Foto: Boris Roessler/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Foto: dpa/Boris Roessler
 Die Ruine eines bei der Flut zerstörten Gebäudekomplexes stehen am Ufer der Ahr in Rech (Luftaufnahme mit einer Drohne).
Die Ruine eines bei der Flut zerstörten Gebäudekomplexes stehen am Ufer der Ahr in Rech (Luftaufnahme mit einer Drohne). Foto: dpa/Boris Roessler
 Dieses Schild mit der Aufschrift ·“Wenn Du den Glauben an die Menschheit verloren hast, geh ins Ahrtal. Dort wirst Du sie wiederfinden“· steht am Ufer der Ahr in Rech. 
Dieses Schild mit der Aufschrift ·“Wenn Du den Glauben an die Menschheit verloren hast, geh ins Ahrtal. Dort wirst Du sie wiederfinden“· steht am Ufer der Ahr in Rech.  Foto: dpa/Boris Roessler
 Der Gastronom Wolfgang Ewerts sitzt bei Sonnenschein auf einem Brückenpfeiler der bei der Flut zerstörten, historischen Ahrbrücke in Insul.
Der Gastronom Wolfgang Ewerts sitzt bei Sonnenschein auf einem Brückenpfeiler der bei der Flut zerstörten, historischen Ahrbrücke in Insul. Foto: dpa/Boris Roessler

Ob der Aufbau nach der Wahl schneller geht? „Ein neuer Landrat kann auch nicht schneller neue Brücken bauen“, meint Ewerts. Bernd Gasper lobt die klaren Worte und den Einsatz der Bürgermeisterin seiner Verbandsgemeinde Altenahr, der parteilosen Kandidatin Cornelia Weigand. Aber ob sie Altenahr oder dem Kreis mehr nutzt, weiß er nicht so recht. Denn: „Als Landrätin ist sie dann für 40.000 von der Flut Betroffene zuständig, aber für noch mehr nicht Betroffene.“ Winzer Stodden ist überzeugt: „Die Landratswahl ist wichtig, damit geklärt ist, wer jetzt das Sagen hat.“