„Wir sind nicht ohnmächtig“: 26-jährige Eifelerin näht Ponchos für Flüchtlinge

Soziales : „Wir sind nicht ohnmächtig“: 26-jährige Eifelerin näht Ponchos für Flüchtlinge

Die 26-jährige Mariam Bahadori hat in Gerolstein ein Poncho-Projekt für Flüchtlinge in Calais gestartet. Dabei ist ihr das praktische Tun ebenso wichtig wie die Information über die katastrophalen Zustände in den Camps.

„Was ich gesehen habe, ist unmenschlich und unvorstellbar“: So bringt Mariam Bahadori ihre bisherigen freiwilligen Hilfseinsätze in den wilden Flüchtlingslagern am Rand der nordfranzösischen Hafenstadt Calais und in dem heillos überfüllten Camp auf der griechischen Insel Samos auf den Punkt.

Die 26-jährige Physiotherapeutin aus Birresborn war vor gut einem Jahr erstmals und über die Karnevalstage dieses Jahres mit ihren Geschwistern Anna, Jonas und Sara zum zweiten Mal in Calais und dort in einer auf Spendenbasis arbeitenden Großküche im Einsatz. Seither lässt ihr das Schicksal der Geflüchteten und Gestrandeten, die irgendwie nach Großbritannien gelangen wollen, keine Ruhe mehr.

Erst recht nicht, seit sie von Juni bis Oktober unbezahlten Urlaub genommen hatte, um auch in dem Lager auf Samos bei der Versorgung von Flüchtlingen mitzuhelfen, die aus dem Irak, Palästina und Afrika über die Türkei nach Griechenland kommen.

Die Lage an beiden Orten sei dramatisch, sagt Mariam Bahadori. Dass mitten in Europa so schockierende Zustände herrschen, sei den meisten Leuten nicht bewusst. So wolle sie zum Einen informieren (siehe Info), aber gleichzeitig auch auf praktische Weise aktiv werden.

Ihr erstes Hilfsprojekt sind Ponchos. Die Idee stammt von einer Gruppe im englischen Cambridge, das Material sind die dunkelgrauen Fleece-Decken, die es für 3,99 Euro bei Ikea gibt. Mariam Bahadori und ihre Mitstreiter (siehe unten) kauften mit Spendengeld 300 dieser Ikea-Decken. Daraus entstehen nun in Heimarbeit und bei insgesamt fünf Treffen im Gerolsteiner Pfarrheim 240 Ponchos.

Und zwar so: Auf die halb gefaltete Decke wird vorne eine Tasche aufgesetzt, in die Mitte wird ein Schlitz geschnitten, an den ein Schalkragen genäht wird, alles wird fein gesäumt, fertig.

Mit im Boot der von Mariam Bahadori privat gestarteten und mit „Hand aufs Herz“ nach einer typischen Begrüßungsgeste in der Arabischen Welt benannten Hilfsaktion: ihre Mutter Ruth Bahadori und Ralf Wagner-Nowak als Vorsitzende beziehungsweise Flüchtlingsbeauftragter des Vereins „Forum Eine Welt“; die Grundschullehrerin Dorothea Merkes, die ebenfalls bereits einen Freiwilligeneinsatz in Calais absolvierte; die Gemeindereferentin Anette Weber, die zu Sankt Martin eine viel beachtete Spendenaktion zugunsten des Poncho-Projekts in der Pfarreiengemeinschaft Gerolsteiner Land initiierte; Anja Saupe als die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Vulkaneifel; Eva Steliga von der Projektstelle „Bildung in der Migrationsgesellschaft“ bei der Katholischen Erwachsenenbildung (KEB) Westeifel und Natalie Hahn, zuständig für die Integrationsförderung beim Caritasverband Westeifel. Die Patchworkerinnen von Thea Merkelbach (Pelm) unterstützen die Aktion ebenso wie freiwillige Näherinnen.

Hand aufs Herz: Mariam Bahadori zeigt die Geste, die ihrer Aktion den Namen gab, und sie trägt einen der selbstgenähten Ponchos. Foto: Brigitte Bettscheider

Am 27. Dezember brechen Mariam und Ruth Bahadori, Ralf Wagner-Nowak und vier weitere Helfer in Fahrgemeinschaften in das 450 Kilometer entfernte Calais auf und verteilen die Ponchos an Flüchtlinge. Was bis dahin an Geldspenden zusammenkommt, soll für Einkäufe vor Ort verwendet werden – „und zwar für Dinge, die dann ganz aktuell am nötigsten gebraucht werden“, erklärt Mariam Bahadori. Und während ihre sechs Mitreisenden am 31. Dezember in die Eifel zurückfahren, macht sie sich von dort aus auf den Weg nach Samos, um auch dort zu helfen. „Wir sind nicht ohnmächtig. Wir können was tun“, sagt sie.