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"Wir springen in ein Zeitloch"

"Wir springen in ein Zeitloch"

Der Familienvater wird zum Henker Thomas, Kinder quieken auf einem handgetriebenen Karussell, Wikinger dreschen aufeinander ein: In Trier war drei Tage lang Mittelaltermarkt. Mit rund 60 Händlern und Schaustellern, Gauklern und Barden entfliehen die Gäste für Stunden ins Mittelalter. Regenfälle machten dem Veranstalter Tri-Event jedoch einen Strich durch die Rechnung.

Trier. Solveig (4) legt die Armbrust an, visiert das Ziel und schießt den Pfeil ab. Nebenan schaut Seherweib Tania Dingelstein in die Zukunft, Josef Martiné verkauft ein selbst gemachtes Set Pfeil und Bogen, und Kinder bibbern am Mäuseroulette.
An seinem mit Weihrauch geschwängerten Apfelstand erzählt Händler Andreas Schommer (45) aus Merzig, warum Hahn Kevin immer mit dabei ist: "Viele Kinder wissen nicht mehr, wie ein echter Hahn aussieht."
Kritik an Eintrittspreisen


Um Ursprünglichkeit und Einfachheit geht es offenbar vor allem den gewandeten Besuchern, wenn sie wochenends in Figuren des Mittelalters schlüpfen. Zu sagen, sie seien als Wolfskind, Ritter oder Henker verkleidet, beleidigt die Männer und Frauen der Szene. Solveigs Mutter, Cindy Denzer-Schmitt (37) aus Mainz, ist für drei Tage Wikingerin, und sie erzählt, dass mit ihr auch ihre Kinder mal in eine andere Welt entschwinden könnten - ohne Fernseher, ohne Handy. Wieder fällt das Wort ursprünglich.
Auch Kajana (9) lagert das ganze Wochenende mit ihrer kompletten Familie am Rand des Marktes im Palastgarten. Ihr Papa ist dann Henker Thomas. "Wenn wir losfahren, sage ich immer, wir springen ins Zeitloch", erzählt sie. Sie freue sich auf das Lagern, denn sie schlafe gerne im Zelt, "weil man dann soviel von draußen hört, auch Vögel."
Neben den Szenevertretern, die aus ganz Deutschland nach Trier gekommen sind, schlendern auch ein paar Hundert Besucher über den Mittelaltermarkt. Eine davon ist Roswitha Grundheber (55) aus Trier. "Der Markt bietet eine Möglichkeit, sich in frühere Zeiten versetzen zu lassen", sagt sie. Aber es sei nicht mit dem tatsächlichen Mittelalter zu vergleichen. Doch auf historische Korrektheit scheint es hier nicht anzukommen. Viele Besucher genießen vor allem Gemütlichkeit und Entschleunigung, die die Veranstaltung im Palastgarten als Kontrastprogramm zum hektischen Alltag offensichtlich bietet, und sie wollen sich vergnügen.
Dazu trägt etwa der Schaukampf bei. "Wir halten uns an bestimmte Regeln und sind gut gerüstet", sagt Marco Winden (35) aus Kasel, bevor er Kräfte und Geschick misst. Auch das eigens für den Markt von der Trierer Petrusbrauerei gebraute Bier schmeckt vielen Gästen.
Sascha Kropp von Tri-Event, dem Veranstalter, war gestern für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Die Besucherzahl dürfte wohl wesentlich hinter seinen Erwartungen geblieben sein: Sicher haben die vielen Regenfälle einige Trierer abgehalten, Mittelalterluft im Palastgarten zu schnuppern.
Zum anderen bemängelten einige Besucher und auch Händler die Höhe des Eintrittspreises. Eine Tageskarte etwa kostete acht Euro. Und wer drinnen Spaß haben wollte, musste meist wieder ins Portemonnaie greifen. Dabei hatte der "mittelalterliche Rummel" vor allem Familien einiges in schönem Ambiente zu bieten.Extra

Henker Thomas alias Thomas Steier (42) aus Wadgassen: "Wir lagern drei Tage mit der ganzen Familie in Trier. Hier finden wir Ruhe, Abstand vom Stress und haben viel Zeit füreinander, was im Alltag oft leider zu kurz kommt. Das Ganze ist harmonisch." Marina Wolfsheim alias Verena Pfiermann-Heil (31) aus Saarburg: "Hier gibt es kein Handy, keinen Stress, man wird an das Ursprüngliche erinnert. Man kann sich mal aus der Rolle ausklinken, die man in der Gesellschaft hat und kann authentisch sein." Gerald von Riva alias Stephan Heil (20) aus Bernkastel-Kues: "Ich schätze die Einfachheit des Lebens und die Nettigkeit der Leute hier. Dabei kann ich gut dem alltäglichen Stress entgehen, den ich als Maschinen- und Anlagenführer täglich habe." Feldbäcker Alexs Induashwilli (53) aus Hauenstein: "Ich stamme aus Georgien und bin Atomphysiker. Über eine Arbeit in einer deutschen Bäckerei bin ich zufällig zur Feldbäckerei gekommen. Ich backe nach mittelalterlichen Rezepten - es ist mein Job." Robin Pinkus, der Schumacher, alias Christian Schoppmann (45) aus Trier: "Ich mache das Hobby seit 30 Jahren, heute bin ich als hussitischer Krieger unterwegs. Ich gehe in Kindergärten, um der Hollywoodvorstellung vom Mittelalter etwas entgegenzuhalten." kat