"Zeigt her eure Zähne"

Zum Jahresende hieß es bei manchen Mägden und Knechten wieder auf Stellensuche gehen. Im Monat Dezember fanden noch bis nach dem 2. Weltkrieg in allen Teilen der Eifel und darüber hinaus Gesindemärkte statt. Meist war ihnen ein vorweihnachtlicher Kram- und Vergnügungsmarkt angeschlossen.

Hillesheim. (fs) "Unser Knecht Johann, genannt der Lange, blieb auch über Weihnachten bei uns auf dem Clusenhof in Mirbach und war Bestandteil unserer Familie", erinnert sich Alois Meyers aus Niederstadtfeld. Oftmals bestanden auch nach dem Weggang durch Heirat oder Militärdienst die gewachsenen Bindungen zum Hof mit seinem Viehbestand und Ackerbau, aber besonders zu den dort lebenden Menschen. Die einfallenden Straßen zu den Gesindemärkten im Dezember waren von Fußgängern und Ochsen- und Pferdegespannen bevölkert. Wer sich verdingen wollte oder musste, der stellte sich unter freiem Himmel zur Begutachtung und hoffte, bei einem gerechten Brotherrn unterzukommen. War der elterliche Bauernhof zu klein, so ging man auf Stellensuche im Dorf oder auch außerhalb.Das Personal gehörte mit zur Familie

Besonders kinderreiche Familien versuchten, die aus der Schule entlassenen Jugendlichen zu verdingen. Also galt es, rechtzeitig Ausschau zu halten auf den Gesindemärkten in Prüm, Schönecken, Stadtkyll, Cochem, Bitburg und besonders in Neuerburg mit dem größten Aufgebot an Mägden und Knechten. "Aus Erzählungen meines Großvaters weiß ich, dass er nach Prüm zum Gesindemarkt fuhr und eine Magd gedungen hatte, die auf unserem ,Hof Bursch' arbeitete und, wie es Eifeler Brauch war, mit zur Familie gehörte", berichtet Hermann-Josef Bungartz aus Basberg. Am zweiten Adventsmontag 1952 suchten auf dem Neuerburger Markt um die 200 Bauern einen Knecht, jedoch nur 100 Burschen standen zur Verdingung. In den folgenden Jahren verringerte sich die Zahl der Arbeitssuchenden immer mehr. Sie wanderten in die rheinischen Industriezentren ab, wo die Arbeit leichter und der Verdienst höher war.Wie dem Pferd beim Kauf ins Maul und auf die Hufe geschaut, so wurden Mägde und Knechte wie Marktware in Augenschein genommen. Dazu gehörten die Zähne zeigen und Fragen beantworten. Man nahm es demütig hin, wie schon Generationen vor ihnen. Ab dem 17. Jahrhundert galt die Bezeichnung Gesinde (das Wort bedeutete im Mittelhochdeutschen "kleines Gefolge") als abwertender Begriff. Der Lohn war gering und betrug um 1850 für eine Untermagd jährlich etwa 13 Taler, zwei Paar Schuhe, eine Schürze, ein Hemd und ein Pfund Wolle. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts verordnete die Regierung in Trier, der öffentlichen Verdingung Einhalt zu bieten, doch wurde der Brauch weiterhin geduldet. Neben den Adventsmontagen galten der Lucientag am 13. Dezember und besonders der Stephanustag am zweiten Weihnachtsfeiertag als gut besuchte Gesindemärkte. Fiel die Begutachtung der "zur Schau stehenden" zufriedenstellend aus, dann gab es unter Zeugen mit Handschlag und einem geringen Handgeld, dem Mietpfennig, einen Vertrag. Der Gesindewechsel bedeutete für beide Seiten einen bedeutsamer Tag und wurde mit Einweihungsritualen begangen. Vielerorts war es der 2. Februar, Maria Lichtmess, der zugleich der Beginn des bäuerlichen Arbeitsjahres war. Sind diese archaischen Praktiken des Verdingens auch verschwunden, so erledigen Betriebshelfer nach wie vor mit festem Lohn die Arbeiten in bäuerlichen Betrieben.