Zeit ist Leben

Irrel · Jeden Tag genießen, alles nicht so ernst nehmen und Hilfe annehmen - mit dieser Einstellung meistert eine Handvoll alter Damen, alle über 80 Jahre alt, ihr Leben. Einmal im Jahr treffen sie sich zu einem Rollatorspaziergang der Caritas. Der TV hat sie dabei begleitet.

Irrel. Irma Müllauer greift nach der Hand von Eleonore Schmitz. "Komm, halt dich bei mir fest", sagt sie und legt ihre Hände auf den Griff ihres Rollators. Die zwei Damen sind zurückgefallen, etwa zehn Meter trennen sie von der Gruppe. Kein weiter Weg. Weit wird er erst, wenn man auf Gehhilfen angewiesen ist. So wie die beiden. Die 91-jährige Eleonore Schmitz auf ihren Stock, die 81-jährige Irma Müllauer auf ihren Rollator.
"Stopp! Langsamer!", ruft Helga Wagner den übrigen vier Wander-Damen zu. Die 74-Jährige ist die Jüngste in der Truppe und leitet als ehrenamtliche Mitarbeiterin der Caritas den Rollatorspaziergang. Gemeinsam mit Margarete Schmidt (87), Thekla Schneider (86) und Rita Baur (81) spazieren die drei eine Stunde lang unter dem Motto "Wer langsam geht, kommt auch ans Ziel" durch Irrel.
"Ich freue mich immer, wenn ich mit so lieben Menschen zusammen sein kann. Und ich danke Gott für jeden Tag, denn was morgen ist, das wissen wir nicht", sagt Irma Müllauer und lacht. "Aber wir können nicht nur Gott danken, wir müssen auch selbst aktiv sein und etwas dafür tun", räumt Eleonore Schmitz ein und stützt sich auf ihren Stock. Sie hat eine klare helle Stimme und wählt ihre Worte mit Bedacht. Die 91-Jährige meistert ihr Leben mit ihrem elfjährigen Hund. Dafür und dass sie noch so fit im Kopf ist, alles hinterfragt und gerne diskutiert, dafür bewundern sie die anderen Damen. Manchmal holt sie das Alter ein. Dann wird es ihr schummrig im Kopf. Das mag sie nicht. "Im Alter verliert man immer mehr Leute, und es ist schwierig, alte Menschen zu finden, mit denen man klarkommt", erzählt sie.
Sie und die anderen Ü80er sind alleinstehend und müssen ihren Alltag alleine oder mit der Hilfe ihrer Verwandten bewältigen.
Ihr Weg ist nicht mehr so weit, trotzdem oder gerade deswegen erfreuen sie sich an jedem schönen Moment. Sie genießen den Ausflug, die frische Luft und die nette Gesellschaft. Auch wenn ihre alten Knochen nicht mehr alles mitmachen - sie würden gerne mehr unternehmen. "Aber für alte Leute braucht man Ideen", gibt Eleonore Schmitz zu bedenken. Sie ist eine der Mitgründerinnen der Caritas Irrel.
Mit Thekla Schneider unterhält sie sich über die Familie. Die Enkel, die sich immer früher verlieben und sowieso mit allem viel früher dran sind als sie damals in ihrer Jugend. "Ich komme aus einer Zeit, da war es noch strafbar, bei einem fremden Mann zu übernachten", sagt Schmitz.
Margarete Schmidt geht ein paar Meter weiter vorne. Ein knorriger, hochgewachsener Kirschbaum, der am Wegesrand steht, versetzt sie in ihre Kindheit und weckt Erinnerungen. "Wir hatten früher auch Kirschbäume im Garten, aber die vom Nachbarn waren trotzdem immer besser", sagt sie, lacht kurz und schaut dann ein bisschen wehmütig in die Ferne. Das ist lange her.
Am Ende der Gruppe hält Irma Müllauer plötzlich an, kramt in ihrer Tasche und steckt sich ein paar Bonbons in den Mund. "Das sind meine Lieblingsbonbons, die habe ich immer dabei, weil mein Mund wegen des Asthmas so trocken ist." Dann erzählt sie von ihrer ehrenamtlichen Arbeit bei der Caritas. "Dort habe ich alte Menschen mit Demenz betreut und mit ihnen über den Krieg und das Leben, wie es früher war, gesprochen." Vor einem Jahr musste sie damit aufhören. "Ich bin sehr traurig, dass ich das nicht mehr machen kann. Aber mit 80 war ich selbst zu alt dafür."
Auch die 81-jährige Rita Baur erinnert sich gerne an die Zeit, als sie noch in ihrer eigenen Firma arbeiten konnte. Neben Helga Wagner ist sie als Einzige ohne Gehhilfe unterwegs. "Ich weiß, dass ich mein Leben nicht ewig alleine meistern kann. Davor habe ich Angst, aber mein Sohn sagt immer: ‚Mama, denk da nicht dran'."
An das, was einmal sein könnte, will hier niemand denken. Sie gehen einfach weiter. Ihr Weg führt sie über Kreuzungen, vorbei an kleinen Grünflächen, ein paar Geschäften, Neubauten und einem Spielplatz. Auch als ihnen plötzlich ein LKW den Weg versperrt oder sie eine Treppe überwinden müssen - sie lassen sich nicht aufhalten.
Der Ärger über Autofahrer, die keine Zeit haben zu warten, bis eine Bande alter Damen die Straße überquert hat, währt nur kurz. Zeit, ihr Leben mit Ärger zu vergeuden, haben sie nicht. Das Alter lässt sie die kleinen Dinge des Lebens schätzen und vieles lockerer sehen. "Wir sind heute froh, warum sollen wir denn traurig sein?", fragt Irma Müllauer, und fünf Köpfe nicken bestätigend.
Ein paar Meter weiter deutet sie auf die Dinosaurier-Figur neben dem Kreisel, lacht laut und sagt: "Bevor ich sterbe, möchte ich noch einmal auf diesem Dino sitzen."
Auch wenn sie nicht mehr auf Dinos sitzen oder auf Kirschbäume klettern können - das, was sie tun, genießen sie und nehmen alles nicht mehr so ernst. "Ist mir doch egal, was die Leute denken, wenn ich mit dem Rollator spazieren gehe", sagt Margarete Schmidt, und Irma Müllauer fügt hinzu: "Ich schäme mich nicht."
Anders als viele ältere Menschen rollen die Damen selbstbewusst mit ihren Wägelchen durch den Ort und wären froh, wenn noch mehr ältere Menschen ihre Einstellung teilen und mitspazieren würden. "Aber wer gibt schon gerne zu, dass er Hilfe braucht?", räumt Helga Wagner ein. Sie jedenfalls wäre froh, wenn die Caritas alten Menschen noch mehr bieten würde. "Leider frisst die Bürokratie den guten Willen auf", sagt sie und erinnert sich: "Vor ein paar Jahren war unser Programmheftchen noch doppelt so dick, aber leider sind uns die Gelder gestrichen worden."
Und so wird es noch einige Zeit dauern, bis sich die Damen wieder treffen werden. Zeit, die sie vielleicht nicht mehr haben werden. Denn was morgen sein wird, das wissen sie nicht.