1. Region

Warum der kostenlose Nahverkehr in Luxemburg erst der Beginn ist

Verkehr : Die Kirsche auf dem Kuchen

Warum der kostenlose Nahverkehr in Luxemburg erst der Beginn eines dringend notwendigen Umdenkens ist. Trierer Experte fordert billigere Fahrkarten hierzulande.

Das Projekt sorgt für Aufmerksamkeit. Luxemburg ist das erste Land auf der Welt, in dem der komplette Nahverkehr kostenlos ist. Zu der Präsentation des Vorhabens im Depot der hauptstädtischen Tram am Rande des Messegeländes auf dem Luxemburger Kirchberg sind fast 100 Journalisten gekommen, darunter welche aus China, den USA oder auch aus Großbritannien. Der luxemburgische Verkehrsminister François Bausch genießt das Interesse, dass das vor fast ­eineinhalb Jahren beschlossene Projekt der Regierung aus Liberalen, Grünen und Sozialisten hervorruft. Auch wenn ausgerechnet der Grünen-Politiker nicht von Anfang ein Befürworter des kostenlosen Nahverkehrs war. Daher spricht er bei jeder Gelegenheit davon, dass das Ganze nur die „Kirsche auf dem Kuchen“ sei. Der Kuchen an sich wird aber erst noch gebacken.

Und das bemerken vor allem die Bewohner der Hauptstadt. Seit Monaten sorgen die Baustellen für die Fortführung der Tram bis zum Hauptbahnhof für Chaos auf den Straßen. Umleitungen und Staus zehren an den Nerven der Autofahrer. Auch andernorts sorgen Baustellen für den Ausbau des Schienennetzes für Behinderungen. Wäre es nach Bausch gegangen, dann wäre der Nahverkehr erst dann kostenlos geworden, wenn das Angebot ausgebaut worden ist, wenn die Züge pünktlicher sind, nicht mehr so oft ausfallen, wenn es mehr Busse gibt. Doch Premierminister Xavier Bettel bestand auf das Projekt.

Mittlerweile hat sich Bausch damit auch angefreundet. Weil weltweit darüber geredet werde, sei es einfacher, auch die Verkehrswende umzusetzen, sagt er. Und die kostenlose Nutzung von Bussen und Bahnen, die an diesem Samstag mit einem großen Festival unter anderem im Tramdepot gefeiert werden soll, betrachtet der Grünen-Politiker auch als Geschenk an die Luxemburger, die wohl noch einige Jahre die Baustellen für Tram und Bahn ertragen müssen.

Der Minister geht nicht davon aus, dass nun von einem Tag auf den anderen alle Luxemburger ihre Autos stehenlassen werden und auf Busse und Bahn umsteigen werden. Bis 2025 werde die Nachfrage um bis zu 20 Prozent steigen, glaubt Bausch.  Luxemburg ist ein Autofahrerland. Jede Woche kommen im Schnitt 150 zusätzliche Autos auf die Straßen. Und auch der bisher schon äußerst preisgünstige, weil immer schon hoch subventionierte, Nahverkehr nicht dazu geführt hat, dass die Straßen im Großherzogtum leerer wurden. Im Gegenteil. Luxemburg erstickt im Verkehr. „Wir brauchen eine Verkehrswende“, sagt Bausch.

Das sieht auch der ehemalige Trierer Verkehrswissenschaftler Heiner Monheim so. Im Gegensatz zu Bausch glaubt er aber, dass die Nachfrage nach öffentlichem Nahverkehr in Luxemburg nun deutlich ansteigen wird. Allerdings sei ein solches Projekt in einem überschaubaren Land wie dem Großherzogtum mit einem landesweit einheitlichen Tarif vergleichsweise einfach umzusetzen. In Deutschland ginge das, so Monheim, nicht flächendeckend, allenfalls in einzelnen Städten wie etwa Augsburg. Trotzdem gehe von Luxemburg ein Signal aus. Auch hierzulande müssten die Tarife für Bus und Bahn einfacher und vor allem günstiger werden. Er wirbt für das sogenannte 365-Euro-Ticket. Ein solches günstiges Jahresticket gibt es unter anderem in Wien und in Kärnten. Der rheinland-pfälzische Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) hat sich gegen die Einführung im Land ausgesprochen.

Durch ein solches Ticket, sagt Monheim, werde  die Nutzung des Nahverkehrs nicht nur einfacher, sondern auch billiger. Luxemburg zeige außerdem, dass viel mehr Geld in Busse und Bahnen fließen müsse. Es könne nicht sein, so der Verkehrsexperte, dass in vielen Städten das Parken seit Jahren nicht teurer geworden sei, dafür aber Jahr für die Jahr die Preise für den Nahverkehr angehoben würden. Auch in der Region Trier wurden die Tickets zu Jahresbeginn teurer.

Auch Luxemburgs Bürgermeisterin Lydie Polfer ist überzeugt davon, dass der kostenlose Nahverkehr dazu führen wird, dass mehr Menschen, ihr Auto stehenlassen werden. So hätten zum Beispiel 3000 von den insgesamt 4000 städtischen Mitarbeitern vor zwei Jahren das Angebot eines kostenlosen Job-Tickets angenommen. Die Liberalen-Politikerin war eine der Hauptinitiatoren, Busse und Bahnen im Land kostenlos zu machen. „Es muss sich was ändern“, sagt Polfer, die seit 2013 Bürgermeisterin der Hauptstadt ist.

Und dort sind die Verkehrsprobleme des Landes wie kaum woanders spürbar. Zwar mache die rund 120 000-Einwohner-Stadt nur zwei Prozent der Fläche des gesamten Großherzogtums aus. Doch befänden sich im und um das Stadtzentrum herum 40 Prozent der Arbeitsplätze des Landes.

40 Millionen Fahrgäste befördern allein die städtischen Busse pro Jahr. Auch diese sollen, wie alle Busse im Land, bis 2030 elektrisch angetrieben werden. 16 Millionen Euro lässt sich allein die Hauptstadt den kostenlosen Nahverkehr kosten.