Wein, gut für Gottesanbeterinnen

Landwirtschaft : TV-Serie „Besser bio?!“: Wein, gut auch für Gottesanbeterinnen

Wissenschaftler untersuchen bei Kanzem, ob Bioweinbau besser für den Boden ist. Mit bisher deutlichem Ergebnis. Die nächsten Forschungsobjekte im Wingert: Thymian und Oregano.

Der Wein ist das eine. Fruchtig-schlank und mineralisch. Ein typischer Saar-Riesling, aus dem man die bewegte Landschaft mit ihren steilen, sonnenverwöhnten Schieferkuppen regelrecht herausschmeckt. Was selbst ausgewiesene Weinkenner jedoch nicht schmecken würden, ist, dass dieser Wein ökologisch an- und ausgebaut wurde. Das bedeutet nicht nur, dass das Weingut Dr. Frey in Kanzem auf synthetische Pflanzenschutzmittel verzichtet hat. Auch gentechnisch manipulierte Hefen oder Enzyme sowie künstliche Weinschönungs- und Konservierungsmittel sind im Biokeller tabu. Zudem dürfen Biowinzer nicht so viel Schwefel zusetzen wie ihre konventionell arbeitenden Kollegen.

Katharina Frey-Treseler (41) und ihr Mann Cord-Henrich Treseler (44) haben das Weingut 2007 von Katharinas Eltern übernommen. Auch diese hatten die Weinberge – zu einer Zeit, als das noch ziemlich ungewöhnlich war – bereits ökologisch bewirtschaftet. „Als wir angefangen haben, hat man uns als Aussteiger belächelt.“ Dabei seien sie nicht Aus-, sondern Einsteiger gewesen, erinnert sich der 76-jährige Franz-Josef Frey bei einem Glas Riesling am riesigen Eichentisch in der modernen Probierstube des Weinguts. Das aus Holzteilen errichtete Niedrigenergiehaus wird mit Miscanthusgras beheizt. Eine Energiepflanze, die Treseler bald selbst kultivieren will.

Der Betrieb habe sich zwar früher schon an Öko-Richtlinien gehalten, er war allerdings damals noch nicht bio-zertifiziert, sagt Frey. 2007 und 2008, gleich nach dem Generationenwechsel, wurde das Weingut umgestellt, 2009 der erste offizielle Biowein auf Flaschen abgefüllt und verkauft. 80 Prozent sind Riesling, 20 Prozent Weißburgunder.

Gottesanbeterinnen auf einem Weinstock bei Wawern. Foto: Weingut Dr. Frey

Doch der Wein ist nur das eine. Die Natur ist das andere. Auf den drei Hektar bewirtschaftetem Land leben gefährdete Tierarten, darunter Gottesanbeterinnen, Mauereidechsen oder Ameisenlöwen – das sind die räuberischen Larven der Ameisenjungfer. Der Wawerner Jesuitenberg wurde als einer der Leuchtpunkte der Initiative „Lebendige Moselweinberge“ ausgezeichnet. Dank der Löcher, die die Öko-Winzer in die Holzpfähle gebohrt haben, sind die Lagen ein großes Wildbienen-Hotel. Mäuerchen, Gebüsch und zwischen den Reihen blühendes „Unkraut“ sorgen für abwechslungsreiche Lebensräume. Auch eine große Brachfläche halten die Winzer für ein Naturschutzprogramm frei. Und im Boden, das zeigten Untersuchungen der Uni Trier, leben laut Treseler dreimal so viele Regenwürmer wie im benachbarten konventionellen Weinberg. Denn statt chemischen Düngers kommen Mist und Mulch zu den Reben. Das tut dem Bodenleben offenbar gut. „Die Studie war ein schönes Feedback“, sagt Treseler, der seine Frau beim Landwirtschaftsstudium in Bonn kennengelernt hat – und der der Wissenschaft weiter eng verbunden bleibt.

Der Betrieb ist nämlich Teil des europäischen Forschungsprogramms „Diverfarming“, das zeigen möchte, wie einfache und teils vergessene Praktiken die Landwirtschaft nachhaltiger machen können. Eine Trierer Forschergruppe aus der Bodenkunde und der Physischen Geographie untersucht, wie es in Kanzem um die Erosion bestellt ist. Mit Hilfe silbrig glänzender Metallkästen messen die Wissenschaftler, wie viel Wasser und Boden aus Treselers Steillagen abfließen und wie viel aus einem benachbarten, konventionellen Weinberg. Mit deutlicher Antwort. „Alle bisherigen Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Erosion bei ökologischer Bewirtschaftung stark abnimmt“, sagt Manuel Seeger, der das Forschungsprojekt für die Uni Trier koordiniert. Im Bioweinberg finde nur ein Viertel der Erosion statt. Denn ein Großteil des von Pflanzen und Mulch gebremsten Wassers versickert – auch angesichts der zerstörerischen Starkregen des Jahres 2018 eine interessante Erkenntnis.

Ringelblumen und reichlich Grün im Wingert sehen nicht nur hübsch aus. Sie bremsen die Bodenerosion und bieten Bienen, Hummeln und Schmetterlingen Nahrung. Foto: Weingut Dr. Frey

Nun wollen die Wissenschaftler im Rahmen von Diverfarming herausfinden, ob sich der Weinberg mit Hilfe von Thymian und Oregano noch weiter stabilisieren lässt. Die aromatischen Kräuter wurden im Jesuitenberg direkt am Fuß der Weinstöcke gepflanzt – also auf den einzigen Stückchen Boden, die die Winzer üblicherweise mit Hacken von Gras befreien, damit dieses den Reben kein Wasser wegnimmt. Da die auf fünf Jahre ausgelegte Forschung 2018 erst begonnen hat, gibt es noch keine Ergebnisse. Sollte es funktionieren, wäre ein Nebeneffekt des Ganzen, dass das Weingut als zweite Kultur auch die Kräuter vermarkten kann.

Ein Admiral labt sich in den Weinbergen am Trester. Foto: Weingut Dr. Frey

„Wie können wir hohe Qualität und Wirtschaftlichkeit verbinden und gleichzeitig die natürlichen Grundlagen beschützen?“ Diese Frage war für die Winzer der Ausgangspunkt. Es mache aber auch einfach Freude, mit der Natur zu arbeiten, sagt Treseler.

Am 3. Adventswochenende lädt das Weingut Dr. Frey zum „WeinWinter 2018“ nach Kanzem ein. Ein kleiner „Markt der guten Ideen“ präsentiert regionale und saisonale Produkte sowie Ideen für einen „anderen“ Konsum. Samstag, 15. Dezember, ab 14 Uhr, Sonntag, 16. Dezember, ab 12 Uhr.

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