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Erster Weltkrieg
Wie die Ereignisse von 1918 bis heute nachwirken

Zum Gedenken an 100 Jahre Waffenstillstand Erster Weltkrieg haben die Briten an der Londoner St. Pauls Kathedrale ein neu eröffnetes Erinnerungsfeld eingeweiht. Dort sind Poppy Flowers (Mohnblumen) an symbolischen Grabkreuzen angebracht worden.
Zum Gedenken an 100 Jahre Waffenstillstand Erster Weltkrieg haben die Briten an der Londoner St. Pauls Kathedrale ein neu eröffnetes Erinnerungsfeld eingeweiht. Dort sind Poppy Flowers (Mohnblumen) an symbolischen Grabkreuzen angebracht worden. FOTO: dpa / John Stillwell
Berlin. Vor 100 Jahren ging der Erste Weltkrieg zu Ende, die Deutschen stürzten den Kaiser. Aus der Novemberrevolution entstand die erste deutsche Demokratie. Ein Blick zurück in eine Ära, die bis in die Gegenwart nachwirkt.

Sie haben die Schnauze voll, es geht nicht mehr. „Für die verdammten Preußen und Großkapitalisten halte ich meinen Schädel nicht länger hin“, schreibt im August 1917 ein deutscher Soldat. Der Erste Weltkrieg geht ins vierte Jahr, das Gemetzel will kein Ende nehmen.

Auch Anton Holzmann aus Däching im Schwäbischen hält es an der Somme in Nordfrankreich nicht mehr aus. „Hier gibt es nämlich keine Schützengräben mehr, sondern nur Granatloch an Granatloch“, berichtet er seinen Liebsten. Wie diese Männer wollen sich viele Deutsche nicht mehr für Gott und Kaiser abschlachten lassen.

Mehr als zwölf Monate wird sich das Blutvergießen da noch hinziehen, erneut werden Hunderttausende zwischen August 1917 und dem Waffenstillstand am 11. November 1918 sterben. Erst als der Kaiser abdankt, schweigen die Waffen. Mit der deutschen Niederlage und der Novemberrevolution wird die Landkarte Europas neu geordnet. Mit seinem doppelten Gesicht legt der Umbruch vor einen Jahrhundert aber auch die Saat für die unheilvolle Geschichte der nächsten Jahrzehnte.

Die Folgen des Ersten Weltkriegs in Europa.
Die Folgen des Ersten Weltkriegs in Europa. FOTO: dpa

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DAS MILITÄR MOBILISIERT LETZTE KRÄFTE Nur langsam dämmert es 1918 den Deutschen, dass dieser Konflikt nicht zu gewinnen ist. Noch beurteilen viele die Lage optimistisch, manchen erschien der Krieg lange Zeit fern. Mit der Sowjetunion bahnt sich der Diktatfrieden von Brest-Litowsk an, bei der dritten Flandern-Schlacht 1917 hatte die Heeresleitung die Stellung in Frankreich gehalten. Zu einem hohen Preis: 217 000 deutsche Soldaten starben dort, bei Briten und Franzosen sind es sogar mehr als 320 000.

Im Frühjahr 1918 mobilisiert das Heer dann noch einmal alle Kräfte. Mit der „letzten Großoffensive“ erreichen die Deutschen Ende Mai die Marne, bleiben aber vor Paris stecken. Spätestens Ende September 1918 wird deutlich: Das „Unternehmen Michael“, mit dem das Reich im Westen den Sieg noch vor Ankunft der US-Truppen erzwingen wollte, ist gescheitert. Die Heeresleitung muss die Niederlage einräumen.

Die Front bröckelt, die Stimmung kippt. Soldaten setzen sich in Scharen ab, melden sich krank, „verdünnisieren“ sich, wie es damals heißt. Ein „verdeckter Militärstreik“ ist in Gang, stellt der Historiker Wilhelm Deist später fest.

Erich Ludendorff, faktisch der bestimmende deutsche Kriegsherr, greift ein. An einem Sonntag, am 29. September 1918, startet er einen letzten, persönlichen Schachzug. Der General will seine Haut und das schwindende Prestige der Militärs retten.

DIE DOLCHSTOSS-LEGENDE Ludendorff drängt die Regierung, schnell einen Waffenstillstand mit den Alliierten zu suchen. Er will die Niederlage den Zivilisten in die Schuhe schieben. Mit ihrem „Defätismus“ hätten Sozialdemokraten und Spartakisten die Kriegsanstrengungen hintertrieben. „Ich habe Seine Majestät gebeten, jetzt auch diejenigen Kreise an die Regierung zu bringen, denen wir es in der Hauptsache zu danken haben, dass wir soweit gekommen sind.“ Die Zivilisten sollen „die Suppe essen“, die sie dem Militär eingebrockt haben. Ohne es zu wollen, läutet Ludendorff damit die Revolution ein. An diesem Tag fallen die Würfel für Kapitulation und Staatsumbau, schreibt später der Journalist und Buchautor Sebastian Haffner (1907-1999) in seinem packenden Bericht über die Revolution. Mit seinem Vorwurf, die Zivilisten hätten den Sieg vereitelt, legt Ludendorff die Grundlage für die sogenannte Dolchstoß-Legende und die Mär der jüdischen und kommunistischen „Novemberverbrecher“. Er wird damit das politische Leben der Weimarer Republik nachhaltig vergiften. Auf diese Legende stützt Adolf Hitler seine Agitation gegen die erste deutsche Demokratie.

DER FUNKE DER REVOLUTION Zwar stimmt der Kaiser zunächst einigen Reformen zu, aber es hilft nichts: Seine Herrschaft fällt wie ein Kartenhaus zusammen. Im Land gärt es. Immer mehr Menschen spüren Hungersnot und Entbehrung. Der revolutionäre Funke zündet zuerst an der Küste. Ab Ende Oktober meutert die Hochseeflotte in Wilhelmshaven und Kiel. Auf den Kampfschiffen der Kaiserlichen Kriegsmarine erleben die Matrosen soziale Ungleichheit und Willkür besonders deutlich. Nun weigern sie sich, eine letzte Schlacht gegen die Briten zu starten.

Wie die Matrosen schließen sich in anderen Städten Arbeiter und Soldaten zu Räten nach sowjetischem Vorbild zusammen. Auch etwa in Bremen, Hamburg und Köln wehen rote Fahnen, Barrikaden und Bewaffnete beherrschen die Straßen. Die Welle erreicht Berlin. Die Regierung unter Max von Baden, dem letzten Kanzler von Kaisers Gnaden, kann die Lage nicht kontrollieren. Auch die Alliierten reagieren anders als erhofft. US-Präsident Woodrow Wilson will dem Waffenstillstand nur zustimmen, wenn der Kaiser geht und Deutschland demokratisiert wird.

Wie später bei der friedlichen Revolution in der DDR 1989/90 helfen Reformen dem Kaiserreich auch nicht mehr. Versuche, mit einer „Revolution von oben“ die „Revolution von unten“ zu verhindern, scheitern. Am 9. November teilt Max von Baden dem Wolffschen Telegraphen Bureau als Nachricht mit: Wilhelm II. hat sich entschlossen, „dem Throne zu entsagen“.

LIEBKNECHT VERKÜNDET SOZIALISTISCHE REPUBLIK Die Ereignisse überstürzen sich. Noch am Morgen überträgt von Baden sein Amt dem Vorsitzenden des Mehrheitsflügels der SPD, Friedrich Ebert. Um 14 Uhr ruft Philipp Scheidemann die Republik aus. „Das deutsche Volk hat auf der ganzen Linie gesiegt“, soll der Sozialdemokrat von einem Balkon im Reichstag gerufen haben. „Das Alte, Morsche ist zusammengebrochen, der Militarismus ist erledigt, die Hohenzollern haben abgedankt.“

Kaum zwei Kilometer entfernt verkündet fast zur gleichen Stunde im Hof des Hohenzollern-Schlosses der Spartakist Karl Liebknecht die „freie sozialistische Republik Deutschland“. Liebknecht, der als Kriegsgegner gerade aus dem Gefängnis entlassen worden ist, fordert eine Regierung der Arbeiter und Soldaten, eine „Ordnung des Friedens, des Glücks und der Freiheit“.

SCHICKSALSTAG 9. NOVEMBER Der 9. November: Seit 100 Jahren ist der Tag deutsches Schicksalsdatum. 20 Jahre nach der Novemberrevolution, am 9. November 1938, brennen in Deutschland Synagogen und Geschäfte, Tausende Juden werden deportiert – zum Auftakt des Holocaust.

Immer wieder ist gefragt worden: Taugen die Deutschen überhaupt zur Revolution? Haben sie das Zeug dazu, wie die Franzosen, die 1789 die Bastille stürmten und später König Ludwig XVI. und dessen Frau Marie Antoinette mit der Guillotine hinrichteten? Schriftsteller und Beobachter haben häufig Zweifel geäußert. „In Deutschland finden Revolutionen nicht statt, weil die Polizei sie verbieten würde“, schreibt im 19. Jahrhundert der französische Politiker und Historiker Alexis de Tocqueville. Das deutsche Volk kenne weder geköpfte Könige, Straßenschlachten noch Bastillestürme, hat der Publizist Joachim Fest (1926-2006) angemerkt. „Tatenarm und gedankenvoll“ nannte der Dichter Friedrich Hölderlin (1770-1843) seine Landsleute. Lenin (1870-1924) wird der Spruch zugeschrieben: „Wenn diese Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen die sich erst eine Bahnsteigkarte!“

Doch die Ereignisse, die Ende Oktober 1918 ihren Lauf nehmen, stellen die angebliche deutsche Unlust an der Umwälzung infrage. Ja, der Kaiser stürzt, ohne dass ein Schuss fällt. Und adlige Köpfe rollen auch nicht. Aber die These, dass 1918 nur eine „halbe Revolution“ (Historiker Volker Ullrich) stattfand, ist umstritten. „Die größte aller Revolutionen“ hat der in Irland lehrende Forscher Robert Gerwarth provokant seine neue Studie dazu betitelt.

Tatsächlich helfen in Deutschland 1918 weder Hurra-Patriotismus noch permanente Mobilmachung, um vom Kriegsdesaster abzulenken und die Massen vom Protest abzuschrecken.

RÄTEREPUBLIK UND KAPITULATION Schon am 7. November versammeln sich 60 000 Menschen auf der Theresienwiese in München zu einer Demonstration gegen den Krieg. Der Berliner Kurt Eisner ruft in derselben Nacht den Freistaat Bayern aus und setzt die Wittelsbacher ab – ohne Blut zu vergießen. Aus der Demonstration entsteht die kurzlebige Münchner Räterepublik, an deren Ende Eisner von einem Adligen ermordet wird.

Eberts Mehrheits-SPD, kurz MSPD, ist derweil nicht nach Revolution zumute. Sich abseits zu halten, wenn Arbeiter und Soldaten auf die Barrikaden gehen, scheint aber keine Alternative. Ebert schlägt den Radikalen von der Unabhängigen-SPD vor, eine Regierung zu bilden.

Am 10. November konstituiert sich der Rat der Volksbeauftragten, dem jeweils drei Vertreter beider Parteien angehören. Noch am selben Tag reist der Kaiser aus dem belgischen Spa ins benachbarte Holland und bittet um Asyl. Wilhelm wird Deutschland nie wieder betreten und 1941 im Exil sterben. Am 11. November unterschreibt Deutschland im französischen Compiègne die Kapitulation.

Die neue Regierung verspricht, für Ordnung zu sorgen und das Eigentum zu schützen. Schriftsteller Thomas Mann (1875-1955) ist begeistert: „Keine französische Wildheit, keine russisch-kommunistische Trunkenheit.“ Tatsächlich fährt in Berlin die Straßenbahn bald wieder regelmäßig, das Telefon funktioniert, auch die Gas-, Wasser- und Stromversorgung.

Wie es weitergehen soll – darüber hat die MSPD eine ungefähre Vorstellung: Die Kriegs- soll auf die Friedenswirtschaft umgestellt und Millionen Soldaten unter Waffen sollen demobilisiert werden. Die Heimkehrer müssen auf ihre alten Arbeitsplätze zurück. Die Räte werden durch eine frei gewählte Nationalversammlung ersetzt. Sorgen bereiten der SPD vor allem die Spartakisten.

DIE KPD ENTSTEHT – DAS MILITÄR IST PRÄSENT Der Einfluss der Spartakisten ist relativ gering. Von einer Rätediktatur nach sowjetischem Muster ist Deutschland weit entfernt. Aber im Bürgertum wirkt die angebliche rote Gefahr „wie eine Vogelscheuche“, schreibt Haffner. Liebknecht und seine Mitstreiterin Rosa Luxemburg werden zu Hassfiguren. Sie schließen eine Zusammenarbeit mit den „Regierungssozialisten“ aus. Als am 21. Dezember der Räte-Kongress das Rätesystem als Grundlage der Verfassung ablehnt, kommt es zur Spaltung. Die Spartakisten gründen die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD).

Ebert sucht von Beginn an die Zusammenarbeit mit der Heeresleitung. Mitte Dezember 1918 werden die Gardetruppen in Berlin festlich empfangen. „Auffallend, dass keine rote Fahne mehr zu sehen ist, alles nur Schwarz-Rot-Gold“, merkt Kessler an. Das Militär wird zur wichtigsten Ordnungsmacht.

Doch so schnell erlischt der revolutionäre Elan nicht. Am 23. Dezember besetzen Matrosen in Berlin Reichskanzlei und Stadtkommandantur. Sie nehmen den Sozialdemokraten Otto Wels fest. Ebert fordert militärische Hilfe an. Bei den Kämpfen kommen Matrosen und Gardesoldaten ums Leben. Nach den „Berliner Weihnachtskämpfen“ bricht die Regierungskoalition.

Damit wird der SPD-Militärexperte Gustav Noske für Heer und Marine verantwortlich. Er führt die blutige Niederschlagung der Januar-Unruhen 1919 an, als Demonstranten das Redaktionsgebäude des sozialdemokratischen „Vorwärts“ und andere Verlagshäuser im Berliner Zeitungsviertel besetzen. „Einer muss der Bluthund werden, ich scheue die Verantwortung nicht“ – Noskes Worte belasten die SPD bis heute. Am 11. Januar stürmt das „Regiment Potsdam“ das Zeitungsviertel.

MORDE AN LUXEMBURG UND LIEBKNECHT Noch am selben Tag lässt Noske die neu formierten Freikorps in Berlin einmarschieren. Die Freiweilligen-Verbände drängen darauf, mit den Spartakisten abzurechnen. Ihnen fallen am 15. Januar Luxemburg und Liebknecht zum Opfer. Die Morde sind „das eigentliche geschichtsträchtige Ereignis des Revolutionsdramas“, schreibt Haffner. Sie verschärfen die Spaltung unter den Linken und liefern den bitteren Vorgeschmack auf die Kämpfe der kommenden Jahre.

In den Folgemonaten konstituiert sich die Nationalversammlung in Weimar, um eine Verfassung zu entwerfen. Sie wählt Ebert zum Reichspräsidenten. Zwar schafft es die junge Republik, den Umriss einer liberalen Ordnung zu schaffen. Aber die alten Strukturen bleiben unangetastet. „Da regiert der Bürger in seiner übelsten Gestalt. Da regiert der Offizier alten Stils. Da regiert der Beamte des alten Regimes“, schreibt Autor Kurt Tucholsky 1920 in einer Betrachtung über die deutsche Provinz.

DIE KURZE WEIMARER BLÜTE Die Fundamentalopposition gegen das „System von Weimar“ wird allmählich die erste deutsche Demokratie aushöhlen. Dabei erlebt Deutschland in der Weimarer Zeit die kulturelle Blüte einer sich öffnenden Gesellschaft. Auch wenn, wie der Historiker Gerd Krumeich sagt, sich unter den Deutschen das Gefühl verstärkt, von den Siegermächten betrogen worden zu sein. Der als „Diktat“ empfundene Friedensvertrag von Versailles enthält für Deutschland neben Reparationen auch größere Gebietsverluste.

Mit dem Blick auf die sich radikalisierende deutsche Gesellschaft nach 1918 zieht die britische Historikerin Miranda Carter Lehren für das 21. Jahrhundert, für eine Zeit nach Donald Trump. Deutschland, so Carter, sei nach dem Ende des Kaiserreichs ein Sorgenkind Europas geblieben, Wilhelm II. habe einen Scherbenhaufen ungelöster Konflikte hinterlassen. Folgt man dieser Lesart, würden sich die in der Ära von US-Präsident Trump aufgestauten Spannungen zwischen den Großmächten auch im Anschluss nicht auflösen, sondern verschärfen. Dann stünde uns die schlimmere Zeit noch bevor. Wie damals – nach dem Revolutionsnovember von 1918.

(dpa)