Regionale Wirtschaft: 100 Millionen für die Zukunft

Regionale Wirtschaft : 100 Millionen für die Zukunft

JTI hat angekündigt, 300 Arbeitsplätze in Trier abzubauen. Warum dies ein Baustein ist, um das Zigarettenwerk langfristig zu sichern, erklären Geschäftsführung, Betriebsrat und Gewerkschaft dem TV.

2071 kann für die Stadt Trier und einen seiner größten Arbeitgeber ein besonderes Jahr werden. 1971, beim Bau des Zigarettenwerks auf der Eurener Flur, gingen die Stadt und das Unternehmen nämlich eine Langzeitwette ein. Die US-amerikanische Reynolds Tobacco versprach als damaliger Besitzer des Zigarettenwerks, dass dort auch in hundert Jahren noch Zigaretten produziert werden. Stadt und Reynolds legten jeweils 1000 D-Mark langfristig an; in 53 Jahren könnten die dank Zinseszins auf etwa 1,5 Millionen angewachsen sein, die dann in den Sozialfonds des Werks fließen würden und so der Region zugute käme. 1999 bei der Übernahme des Trierer Werks durch JTI hat der Konzern auch die Verpflichtung übernommen.

Und mit dem neuen Besitzer wurde der Trierer Standort in den folgenden Jahren sukzessive ausgebaut. Doch die gesamte Branche steckt in einer schwierigen Phase: Rauchverbote, steigende Zigarettensteuern und immer weniger Möglichkeiten, über Werbung Raucher von Konkurrenzprodukten für die eigenen Marken zu gewinnen.

In Trier stellen sich die Verantwortlich den Herausforderungen. Stephan Schröder, JTI-Finanzgeschäftsführer: „Wir werden den Standort weiter modernisieren, um die Effizienz zu steigern und hier zukunftsfähige Arbeitsplätze zu erhalten.“ Mit etwa 1900 Mitarbeitern ist der Tabakkonzern einer der wichtigsten Arbeitgeber in der Region. „Der Bereich Nahrung-Genuss-Gaststätten spielt in der Wirtschaft hier eine große Rolle“, sagt NGG-Chef Klaus Schu. Und für den Gewerkschafter spielt JTI dabei eine herausragende Rolle: „Es gibt hier hochqualifizierte, gute Jobs, die auch sehr gut bezahlt sind.“ So hat Schu denn auch die Ankündigung, dass hier 300 Arbeitsplätze wegfallen erschrocken „Doch das Konzept der Geschäftsführung ist schlüssig. Ich glaube, dass man den Standort nachhaltig sichern kann. Bei diesem Prozess sehen wir unsere Aufgabe darin, die Interessen der Arbeitnehmer bestmöglich zu vertreten.“

Was passiert in den kommenden drei Jahren bei JTI? Werksdirektor Peter Kilburg stellt die Strategie vor: „Wir werden in diesem Zeitraum den Bereich Fertigzigaretten teilweise von Trier nach Polen verlagern.“ Die bisher 21 Produktlinien werden etwa halbiert. Die Hochgeschwindigkeitslinien bleiben aber größtenteils weiter in Trier, und somit auch weit mehr als die Hälfte der Zigarettenproduktion. Solche Hochleistungsmaschinen können bis zu 20 000 Zigaretten in der Minute herstellen. Doch im Konzern-internen Wettbewerb könnten Fertigzigaretten an anderen Standorten günstiger hergestellt werden.

Gleichzeitig werde sich das Werk in Trier aber auf andere Stärken konzentrieren. Kilburg: „Mit einem hohen zweistelligen Millionenbetrag bauen wir das Segment ,Make your own’ (MYO) aus.“ Von der Konzernspitze sind diese Maßnahmen bereits abgesegnet. In den kommenden Jahren sind Investitionen von rund 100 Millionen Euro vorgesehen. Hinter der Bezeichnung MYO steht ein stark wachsender Markt. Loser Zigarettentabak, abgepackt in Tüten oder Dosen. Schon jetzt macht das Geschäft mit MYO einen großen Anteil aus. Von den rund 50 Milliarden Zigaretten aus Trier sind etwa 37,5 Milliarden Fertigzigaretten und 12,5 Milliarden MYO-Produkte. Zu den sechs Linien, die bereits in Trier stehen, kommen bis 2019 drei weitere Linien hinzu. „Bis 2020 wollen wir in diesem Segment ein Volumenwachstum von zehn Prozent erreichen“, erläutert der Werksdirektor.

So sollen nach der Umstellung in Trier weiter 22 Milliarden Fertigzigaretten und 13 Milliarden in Dosen und Tüten im Jahr produziert werden. Gerade ist die erste Dosenproduktion in Trier für den Nahen Osten angelaufen, ein Markt, der für den losen Tabak in Dosen oder Beuteln immer interessanter wird. „In vielen Ländern ist die Fertigzigarette deutlich teurer als der lose Tabak, auch bedingt durch höhere Steuern, so dass immer mehr Raucher vermehrt wieder selbst stopfen“, erklärt Finanzchef Stephan Schröder. Eigentlich war im Konzern geplant, dass auch dieser Bereich ins Ausland verlagert wird, doch in Trier fanden die Verantwortlichen Argumente, um die Produktion an der Mosel zu sichern. Peter Kilburg: „Wir haben hier in der Mitte von Europa einen großen Vorteil. Die Transportkosten in die wichtigen Absatzländer Benelux, Frankreich, Spanien und Deutschland sind günstiger als in Osteuropa.“ Für den Gesamtbetriebsratsvorsitzenden Gerd Willems war diese Konzernentscheidung ein ganz wichtiger Punkt: „Damit gibt es hier eine gute Perspektive.“ Für ihn auch der Beweis, dass Trier weiter eine ganz wichtige Rolle im JTI-Konzern spielt. „Wir haben uns dieses Vertrauen aber auch über viele Jahre hin erarbeitet“, sagt Willems.

Wenn es um den Abbau der Arbeitsplätze geht, glaubt der Betriebsrat, dass man dies gemeinsam mit der Geschäftsführung angehen kann. „Wir versuchen die beste Lösung zu finden“, sagt er. Wichtig: Der Abbau wird sozialverträglich, ohne betriebsbedingte Kündigungen, durchgeführt. „Wir werden nach der Modernisierung immer noch mehr als 1800 zukunftsfähige Arbeitsplätze  in Deutschland haben“, sagt Finanzchef Schröder. Grund zum Optimismus sehen alle Verantwortlichen auch in der Struktur des Werks. Das weltweit drittgrößte JTI-Werk übernimmt nämlich viele Zentralfunktionen für die anderen Zigarettenwerke von JTI.

Peter Kilburg: „Jede vierte JTI-Zigarette weltweit besitzt Anteile aus Trier.“ In vielen Werken werden dann die hier vor Ort produzierten Vorprodukte nur noch zusammengesetzt. „Die meisten Werke bilden nur einen kleinen Teil des gesamten Produktionsprozesses ab, Trier hingegen alle“, so der Werksdirektor. Von besonderer Bedeutung ist der Bereich Forschung und Entwicklung sowie globale Funktionen. Rund 630 Mitarbeiter sind hier in Trier beschäftigt und deren Zahl soll in den kommenden Jahren weiter aufgebaut werden.

In diesem Bereich arbeiten auch die 31 Mitarbeiter im „Global Engineering“, die weltweit Anlagen, Gebäude und Technik in den JTI-Werken planen und umsetzen.

Ein weiteres wichtiges Standbein ist für Trier die Aufbereitung des Tabaks. In einem aufwendigen Verfahren wird das Rohprodukt bearbeitet und an JTI-Werke in ganz Europa geliefert. So kommen täglich 30 LKW-Lieferungen – meist aus Antwerpen – mit Rohtabak in Trier an, gleichzeitig verlassen auch rund 60 LKW mit Fertigzigaretten oder anderen Produkten das Werk.

Wie international der Konzern aufgestellt ist, zeigt auch ein Blick in die Belegschaft. Von den knapp 2000 Mitarbeitern kommen 222 Mitarbeiter aus 51 Nationen, darunter auch 41 Japaner.

Seit 1969 wurden bei JTI über 300 Azubis ausgebildet, die meisten von ihnen wurden übernommen. Derzeit gibt es 25 Auszubildende in fünf verschiedenen Berufen. „Wir sind bei JTI in Trier besonders stolz darauf, dass wir viel für die Ausbildung und die Qualifizierung unserer Kollegen tun“, sagt Gesamtbetriebsratschef Gerd Willems. Dazu zählt auch, dass JTI schon viele Male als „Top Employer“ ausgezeichnet und zertifiziert wurde.

In Trier wird für viele JTI-Werke der Rohtabak aufbereitet, der dann in Zigaretten verarbeitet wird. Foto: JTI. Foto: TV/Foto: JTI

Die Verantwortlichen setzen darauf: „Das soll noch viele Jahre in Trier so bleiben.“