Als Sozialhilfe-Empfänger Chef von 34 Unternehmen

TRIER. Die schwierige wirtschaftliche Lage hinterlässt bei den Unternehmen Spuren. Viele Betriebe stehen vor dem Ruin. Da kommt externe Hilfe wie gerufen. Doch bei Firmenaufkäufern ist höchste Vorsicht geboten.

Kriminelle Firmenaufkäufer haben Hochkonjunktur. Im Internet und in Anzeigen gehen sie auf die Suche nach GmbHs, denen das Wasser bis zum Hals steht. "Diese Art der Firmenbestattung richtet sich in der Regel an eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH). Das Unternehmen muss eine juristische Person sein", erklärt Rechtsanwalt Thomas B. Schmidt, Vorsitzender des Trierer Forums Insolvenzrecht. In dem Verein sind unter anderem Konkursverwalter der Region Trier zusammengeschlossen. Die Sorge, dass die kriminelle "Firmenentsorgung" zunimmt, beschäftigt auch die Insolvenzanwälte. Noch sind kriminelle Übernahmen konkursreifer Firmen in der Region Trier die Ausnahme. Bundesweit ist der Schaden immens. Nach Schätzungen des LKA Berlin geht allein in der Hauptstadt seit der Wende der Schaden in die Milliarden-Höhe. Das Bundeskriminalamt hat in seinem Jahresbericht "Wirtschaftskriminalität" den Firmen-Plattmachern mehrere Seiten gewidmet. "Betrügerische Firmenübernahmen finden häufig durch organisiert und arbeitsteilig vorgehende Tätergruppierungen statt. Gegen eine Provision, die die bisherigen Geschäftsführer beziehungsweise Gesellschafter bezahlen, werden deren Gesellschaftsanteile an neue Gesellschafter übertragen", beschreibt das BKA die Vorgehensweise der Plattmacher. Bei den neuen Firmenanschriften handelt es sich dann vielfach lediglich um "Briefkastenadressen", die nicht auf eine tatsächliche Geschäftstätigkeit schließen lassen. Zu Verschleierungszwecken finden derartige Wechsel und Verlegungen wiederholt statt. Nach der persönlichen Kontaktaufnahme wird den Verkaufswilligen eröffnet, dass für die Entlastung als Geschäftsführer eine Firmenberatungspauschale (Übernahmegebühr oder Entsorgungsentgelt) entrichtet werden muss. Dieser Preis richtet sich nach den Verbindlichkeiten des Unternehmens, die sich aus dem übersandten Fragebogen ergeben. Das "Entsorgungsentgelt" beträgt rund zehn Prozent der Verbindlichkeiten, in der Regel aber mindestens mehrere tausend Euro, die vom amtierenden Geschäftsführer an den Übernehmer in bar übergeben werden. Erst danach erfolgt die Übertragung des Firmenmantels. Als Neugeschäftsführer werden Strohmänner eingesetzt und bekommen einen "Lohn" von 250 bis 500 Euro. In einem Fall war ein Sozialhilfeempfänger in 34 maroden Firmen als Geschäftsführer eingesetzt. Insolvenzfachmann Schmidt erklärt die Masche: "Der Neu-Geschäftsführer muss nur mit seinem Pass beim Notar erscheinen. Die angegebene Adresse ist meist falsch und es ist dann fast unmöglich, diese Kriminellen zu fassen." An einem fernen Ort wird ein Insolvenzantrag gestellt, der mangels verwertbaren Vermögens abgelehnt wird. Die Gläubiger bleiben auf ihren Forderungen sitzen, wenn sie nicht gegen den Alt-Geschäftsführer vorgehen. Denn trotz des Verkaufs seiner belasteten GmbH ist ein Geschäftsführer noch lange nicht aus dem Schneider. War er bereits zum Zeitpunkt des Verkaufs zahlungsunfähig, hat er also die Insolvenz verschleppt, können die Gläubiger weiterhin ihre Rechte einfordern. "Damit ist er dann persönlich haftbar", erklärt Anwalt Schmidt. Die Gläubiger sind dann am Ende womöglich doch nicht die Dummen.

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