Arbeitslosigkeit ist nicht gottgegeben

TRIER. 1955 herrschte erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg Vollbeschäftigung in Deutschland. 50 Jahre später hat Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement den Traum davon auch angesichts von mehr als fünf Millionen Arbeitslosen noch nicht aufgegeben. Ein Blick auf einen etwas kuriosen Jahrestag.

Angesichts unserer heutigen Lage muten die Zahlen von vor 50 Jahren eindrucksvoll an: Rund 500 000 Arbeitslosen standen 240 000 offene Stellen gegenüber. Wegen saisonaler Gründe – etwa auf dem Bau – konnte die Arbeitslosigkeit kaum noch unterschritten werden. Heute ist die Situation eine vollends andere: Es stehen fünf Millionen Menschen ohne Job nur 400 000 offene Stellen gegenüber. War die Vollbeschäftigung 1955 also ein historischer Glücksfall? Eine einmalige Situation? Laut Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement ist ein Jobwunder auch jetzt wieder zu schaffen – vorausgesetzt, das Wirtschaftswachstum sei entsprechend hoch, oberhalb von anderthalb Prozent. Einer Faustregel zufolge entstehen erst bei einem Anstieg des Bruttoinlandsproduktes (BIP) um rund zwei Prozent auch neue Arbeitsplätze. Der Sachverständigenrat erwartet in diesem Jahr aber nur 0,7 Prozent Wachstum. Die Aussichten sind folglich düster.

Kaum noch „normale“ Arbeitsverhältnisse

In der Wissenschaft, sagt der Trierer Volkswirtschaftler Heinz-Dieter Hardes, wird „der Begriff Vollbeschäftigung aktuell gar nicht mehr verwendet, weil es nur noch um eine erhebliche Reduzierung der Arbeitslosigkeit und der Arbeitslosenquote geht“. Ist es also heute nicht mehr möglich, jedem Arbeitswilligen ein sozial abgesichertes Angebot zu machen? Die Zahlen sprechen jedenfalls eine eindeutige Sprache: „40 Prozent der Beschäftigten in Deutschland haben kein normales Arbeitsverhältnis mehr, sondern nur Billigjobs, Minijobs, Kurzarbeit, Leiharbeit, Schwarzarbeit“, stellt etwa der Politikwissenschaftler Claus Offe fest. Hans Dieter Kaeswurm, Direktor der Trierer Agentur für Arbeit bestätigt dies. „Es gab früher keine geringfügig Beschäftigten“, sagt er. Inzwischen herrsche eine große Lohnspreizung. „Man ist heute so arrogant, jeder Arbeit und damit jedem Arbeitnehmer einen Wert zuschreiben, aber nicht mehr bereit, Arbeit an sich zu bezahlen“, sagt der Behördenchef. Dies sei ein Trend im Unterschied zur Lebenswirklichkeit anno 1955.

Die Bedingungen haben sich gewandelt. Konnte es nach dem Zweiten Weltkrieg nur besser für Mensch und Wirtschaft werden, ist es heute kaum mehr möglich, den errungenen Lebensstandard zu halten. Hans-Josef Jänschke, Ehrenpräsident der Trierer Handwerkskammer, und Gerd Schaeidt, zwischen 1973 und 1983 Präsident der Industrie- und Handelskammer Trier, sind Unternehmer der ersten Stunde. Beide sind überzeugt: „Die Situation damals ist mit heute nicht zu vergleichen.“ Konditormeister Jänschke hebt vor allem den „enormen Nachholbedarf nach dem Krieg“ als ausschlaggebend für die Dynamik hervor. „Heute ist die Existanzangst dominant.“ Schaeidt, der die Vereinigung Trierer Unternehmer (VTU) vor 40 Jahren mitgründete und der Trierer Korkfabrik vorsteht, stellt das „veränderte Verhältnis zum Faktor Arbeit“ heraus. „Heute wird Arbeitslosigkeit von Generation zu Generation ‚vererbt’, damals sind viele Menschen erst aus der Landwirtschaft auf den Arbeitsmarkt getreten“, sagt Unternehmer Schaeidt. Das Potenzial an Arbeit sei heute da, Arbeit aber zu teuer.

Der Arbeitsmarktexperte und Uni-Professor Hardes ist sicher, dass die aktuelle Situation „nicht gottgegeben“ ist. Die Politik könne „aktiver eingreifen“, fordert der Trierer Wissenschaftler. „Solange es Länder in Europa gibt, denen es seit den 80-er Jahren gelungen ist, die Arbeitslosigkeit erheblich zu reduzieren, besteht auch für Deutschland noch Hoffnung“, sagt er. Ob es Dänemark mit seiner großzügigen Arbeitslosen-Unterstützung und starken Verantwortung der Gewerkschaften oder die Niederlande mit zurückhaltenden Lohnforderungen und starker Flexibilisierung der Arbeitszeit sei, „die haben es offenbar geschafft“. Hardes nennt mehrere Stellschrauben, die eine Verbesserung der Situation in Deutschland verhindern: weniger die Lohnpolitik, als die Verknüpfung von Sozial- und Arbeitskosten; der fehlende Anreiz für Arbeitslose, wegen hoher Abgaben auf Verdienste eine Beschäftigung aufzunehmen; zu wenig Kooperation von Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern. „Der Markt ist schwieriger geworden, da lässt sich für die Politik in zwei Jahren wenig tun“, sagt der Volkswirtschaftler. Sie könne aber die Rahmenbedingungen festlegen, damit es „in fünf Jahren eine Trendumkehr“ gibt. Heinz-Dieter Hardes ist sicher: „Auf Dauer ist unser System nicht aufrecht zu erhalten.“

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