1. Region
  2. Wirtschaft

Auf dem Höhepunkt der Panik

Auf dem Höhepunkt der Panik

Weil er die Weltwirtschaftskrise, die 2007 begann, richtig vorausgesagt hatte, wurde der deutsche Ökonom Max Otte 2007 schlagartig bekannt. Auf Einladung der Trierer Politikwissenschaftler referierte Otte am Wochenende in Trier.

Trier. Unser Mitarbeiter Kim-Björn Becker sprach mit dem Wirtschaftswissenschaftler über die Ursachen der gegenwärtigen Verwerfungen und mögliche Wege aus der Krise. Herr Otte, haben Sie eigentlich Angst vor der Zukunft?Otte: Ich habe keine Angst, weil ich kein ängstlicher Mensch bin. Aber ich kriege leicht depressive Anwandlungen, weil ich sehe, dass vieles in die falsche Richtung geht. Im Jahr 2006 haben Sie den Ausbruch der Finanzkrise vorausgesagt und hatten damit recht. Wir bitten Sie um eine neue Prognose: Wann wird denn die gegenwärtige Euro-Krise zu Ende sein?Otte: Die akuten krisenhaften Zuspitzungen könnten in zwei bis drei Jahren vorüber sein, aber wir werden auch noch einige Jahre an den Folgen zu tragen haben. Die momentane Lage birgt eine gewisse Hoffnung, dass wir uns auf dem Höhepunkt der Panik befinden. Die gegenwärtige Krise trägt die Namen Euro- und Schuldenkrise. Sie bezeichnen sie aber als eine weitere Bankenkrise. Warum?Otte: Es ist keine Euro-Krise, weil der Euro als Währung nicht in Gefahr ist. Wenn Griechenland pleite ist, macht das einigen Banken Probleme, aber das hat nicht zwingend etwas mit dem Euro zu tun. Das ist ein politisches Etikett, um die öffentliche Hand zur Kasse zu bitten. Die Staatsschuldenkrise ist für mich auch geschickt geprägt durch die Finanzlobby, denn die Schulden sind erst im Zuge der ersten Bankenrettungswelle so hochgeschnellt. Die gegenwärtige Krise ist deshalb abermals im Kern eine Krise der Banken, sie wird nur anders verkauft. Sind nun Investmentbanker und Finanzmanager die Hauptschuldigen der Krise, weil sie auf Kosten anderer spekulieren, oder sind es eher die Staaten, weil sie das zulassen?Otte: Die Akteure der Hochfinanz - ich nenne sie ja gerne Finanzoligarchie - haben dieses System in Gang gesetzt. Die Staaten haben sich nicht dagegen gewehrt und es sogar noch mitgetragen. Bis heute unterscheidet die Politik nicht zwischen Hochfinanz und den klassischen Banken, die für die Finanzierung des Mittelstands und der Realwirtschaft sorgen. Wir haben eine kleine Kaste aus Privilegierten geschaffen, das sind die Manager der Hochfinanz, und die schreiben sich selbst die Regeln zulasten der anderen. Das ist gefährlich. Was müsste getan werden? Otte: Wir brauchen klare Regeln. Regeln, die auf eine Gleichbehandlung von Finanz- und Realwirtschaft hinauslaufen, um die Spekulation einzudämmen. Das braucht starken politischen Willen. Vielleicht sehen wir bei der Finanztransaktionssteuer den ersten Anlauf dazu. Sie nützt den Mittelständlern und den Unternehmen. Vor allem schädigt sie den Kleinsparer nicht, das hat die Finanzlobby ja immer als Angstgespenst an die Wand gemalt. Denn die Steuer belastet vor allem die hochspekulativen Unternehmen. Abschließend zum größten Brandherd der Krise, Griechenland. Was wäre aus Ihrer Sicht die beste Lösung für die Griechen und für die EU?Otte: Ein Schuldenschnitt von etwa 55 bis 60 Prozent wäre das Beste, denn Griechenland ist pleite. Wir brauchen gleichzeitig weitere Solidarität der EU, also neue Kredite, aber eben nur in Verbindung mit diesem Schuldenschnitt. Die Griechen können auch nicht mehr sparen, denn sie sind bereits am Limit. Zusätzlich sollte Griechenland aus der Euro-Zone austreten, aber so weit ist die Politik noch nicht. kbbExtra

Max Otte studierte Betriebswirtschaftslehre, Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaft in Köln und Washington und promovierte an der amerikanischen Eliteuniversität Princeton. Derzeit ist er Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Fachhochschule Worms und Professor für Unternehmensführung an der Universität Graz. Bekannt wurde Otte mit seinem 2006 veröffentlichten Buch "Der Crash kommt", in dem er die darauffolgende Weltwirtschaftskrise vorhersagte. Zuletzt erschien seine Streitschrift "Stoppt das Euro-Desaster!". Die Fachzeitschrift "Börse Online" wählte Otte dreimal in Folge zum "Börsianer des Jahres". kbb