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Aussergewöhnliches Berufsjubiläum: Willi Johanns hört nach 60 Jahren auf

Landwirtschaft : Sechs Jahrzehnte die Milch im Blick

Ein 60-jähriges Dienstjubiläum? Das ist etwas ganz besonderes. Milchleistungsoberprüfer Willi Johanns kann darauf zurückblicken und dabei auch vom großen Strukturwandel in der regionalen Landwirtschaft erzählen.

Vor wenigen Tagen hat Wilhelm Johanns seinen 80. Geburtstag gefeiert. Glückwunsch. Doch fast gleichzeitig hat der Senior auch ein Jubiläum gefeiert, das wesentlich seltener ist. Nach 60 Jahren im Dienst des Landeskontrollverbands Rheinland-Pfalz-Saar (LKV) hat der Milchleistungsprüfer aus Udelfangen (Kreis Trier-Saarburg) auch seine Tätigkeit als amtlicher Milchleistungsprüfer beendet. Zum 60. Dienstjubiläum: Glückwunsch.

Willi (wie ihn eigentlich jeder nennt) Johanns hat dabei in seinem Berufsleben auch den dramatischen Strukturwandel in der regionalen Landwirtschaft begleitet. In seinem 60-jährigen Berufsleben hat sich viel verändert.

Dabei war vieles für den gebürtigen Weinsheimer nicht so geplant. „Das war eine Kreissäge“, sagt Johanns und hält seine linke Hand hoch. Die Finger sind unbeweglich, ein Unfall, der den damals knapp 20-Jährigen von seinem Traum, Landwirt zu werden, wegriss. „Mein Arzt sagte zu mir, Willi, damit kannst du kein Bauer werden, geh zur Post, werde Briefträger. Doch das wollte ich nicht, Klinken putzen Tag für Tag, das wollte ich nicht.“

Da kam das Angebot von der LKV gerade recht. „Man bot mir an, als Milchleistungsprüfer in der Eifel zu arbeiten.“

Der junge Mann aus Weinsheim musste zunächst zu einem Lehrgang in die Pfalz. Danach übergab man ihm einen Milchprüfbezirk in Bleialf. „Das war zwar nur ein halber Bezirk, aber immerhin ein Anfang.“ Viele der Landwirte, die der Milchleistungsprüfer damals besuchte, hatten nur wenige Milchkühe, manche nur vier, fünf Tiere.

André Nolden, Melkspezialberater beim LKV und Betriebsratsvorsitzender, kann das gut mit Daten belegen. 1960 gab es noch über 111 000 kuhhaltende Betriebe in Rheinland-Pfalz, mit 326 000 Milchkühen. 2019 sind es landesweit noch knapp 1900 Milchbetriebe, die rund 120 000 Tiere pflegen. Vor sechs Jahrzehnten zählte man im Durchschnitt 6,9 Kühe pro Hof, heute sind es im Schnitt 85 Tiere.

Und zudem mussten damals die Milchleistungsprüfer nur eine Sache überprüfen: den Fettgehalt der Milch. Heute ist Milch eines der am besten überprüften und am meisten getesteten Lebensmittel.

Willi Johanns fand Spaß an seinem Beruf. Zwei, drei Betriebe konnte der Prüfer am Tag besuchen, und weil das Reisen in einem Bezirk damals noch schwierig war, haben die Milchleistungsprüfer damals häufig auf dem Hof übernachtet. „Ich hatte immer mein eigenes Bett, und wenn es irgendwo etwas zum Anpacken gab, habe ich auch geholfen“, erinnert sich Johanns.

LKV-Leistungsinspektor Joachim Wittkowsky kennt die Geschichten vieler Kollegen. „Für viele Milchleistungsprüfer war das nicht immer so einfach, mal mussten sie mit im Kinderzimmer schlafen, auf dem Sofa im Wohnzimmer, und ein Kollege hat mir erzählt, dass man im Ehebett zusammengerückt sei.“

Vor 60 Jahren schlugen die Uhren insgesamt noch anders. Die Höfe waren kleiner, vieles ging nur von Hand und unter großem körperlichen Einsatz. Für 1965 gibt der Landeskontrollverband eine durchschnittliche Milchmenge pro Kuh von rund 4000 Liter Milch im Jahr an, im vergangenen Jahr lag die durchschnittliche Milchmenge pro Kuh mehr als doppelte so hoch.

Auch das Berufsleben von Willi Johanns war anfangs sehr bewegt. Schon 1961 bekam er das Angebot, einen Prüfbezirk im Hunsrück zu übernehmen. So recht begeistert war der Eifeler davon allerdings nicht. „Das liegt mir nicht, habe ich meinem Chef damals gesagt. Ich habe ihm aber den Vorschlag gemacht, es für ein Jahr zu probieren.“ Und so lernte Willi Johanns auch die Milchbauern zwischen Reinsfeld und Morbach kennen. Mit seinem Volkswagen fuhr Johanns seine Touren ab. Montags bis freitags war er auf Dienstreise, am Wochenende zog es ihn natürlich nach Weinsheim zurück.

Die Landkreise in der Region Trier gehörten damals wie heute zu den wichtigsten Milchbezirken in Rheinland-Pfalz. Bei weitem spitze ist der Eifelkreis Bitburg-Prüm. 2019 zählte der LKV dort 513 Kuhhalter und fast 37 000 Milchkühe. Auf Platz zwei folgt schon mit deutlichem Abstand der Vulkaneifelkreis mit 162 Haltern und gut 12 000 Milchkühen. Bernkastel-Wittlich folgt auf Platz drei mit 110 Kuhhaltern, 6700 Kühen, und auch auf dem vierten Platz im Land liegt mit Trier-Saarburg (92 Kuhhalter/gut 5000 Kühe) ein Landkreis aus der Region.

Ein Jahr später gab es für den jungen Mann eine Ablösung im Hunsrück, und ihm wurde ein Bezirk in Trierweiler und Newel angeboten. „Ich habe mich zunächst bei einem befreundeten Landwirt umgehört, und der hat mir geraten: ,Nimm das an. Das passt, die Leute sind nett,’’ erinnert sich Johanns. Und der 22-Jährige entschied sich auch, in der Region ein Zimmer zu nehmen. „Damit wurde vieles einfacher.“  Zu den Höfen fuhr der LKV-Mitarbeiter mit Balkenwaage und Proberöhrchen. So wurde die Milchmenge ermittelt und der Fettgehalt der Milch bestimmt. „Mit den Proben fuhr ich dann zum Milchhof in Trier, dort wurden diese dann analysiert.“

Und dort lernte Willi Johanns dann auch seine Anna kennen. „Ich war auf dem Milchhof für vieles zuständig, da, wo Arbeit anfiel, habe ich geholfen“, erinnert sich die Ehefrau. 55 Jahre ist das Paar zusammen. Willi Johanns heiratet aber auch in den Hof seiner Frau in Udelfangen ein. Zunächst baute das junge Paar mit den Schwiegereltern von Willi Johanns den Hof im Ort aus, später zog Milchleistungsprüfer und Landwirt Johanns an den Ortsrand. Dort baute er gemeinsam mit seinem Neffen Werner Schöben einen Hof auf, mit rund 100 Hektar Fläche und eine Schweinemast. „Ich bin immer noch bei allem dabei“, sagt der heute 80-Jährige, der allerdings nun seinen Mähdrescher verkaufen möchte. „Das Lohngeschäft habe ich jetzt aufgegeben“, erklärt er. Doch zurück zu seinen beruflichen Herausforderungen als LKV-Mitarbeiter. Der Anspruch an die Milchprüfung wurde von Jahr zu Jahr anspruchsvoller. Sei es durch den technischen Fortschritt in der Landwirtschaft wie auch durch die analytischen Tests. Zunächst wurde nur der Fettgehalt der Milch überprüft, dann kam die Eiweiß-Analyse dazu und seit 1984 auch die Zellzahl. „Das ist für die Milchprüfung ein wichtiger Wert. Anhand der Zellzahl kann man die Eutergesundheit der Kuh bewerten“, erklärt Joachim Wittkowsky. Und auch mit der Milchabholung durch die Molkereien hat sich einiges geändert. Die Proben wurden mit dem Milchwagen in die Molkerei gebracht. Dort betreibt der Landeskontrollverband mit eigenen Mitarbeitern selbstständige Labore, um die Milch zu analysieren. Beruflich ging es derweil für Johanns auch weiter, 1998 wurde er Milchleistungsoberprüfer.

60 Jahre im Dienst des LKV: Joachim Wittkowski (links) und André Nolden (rechts) vom Landeskontrollverband gratulieren Wilhelm Johanns und seiner Frau Anna. Foto: TV/Heribert Waschbüsch

Und eigentlich ging der gebürtige Eifeler 2002 in Rente. Eigentlich, denn bis vor wenigen Tagen übte Willi Johanns bei fünf Betrieben weiter seinen Job auf 450-Euro-Basis aus. Doch nun nach 60 Jahren hängt er die Prüfgeräte endgültig an den Nagel. Genug zu tun, hat er ja auch jetzt noch weiterhin auf dem eigenen Hof, wo er seinen Neffen unterstützt.