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"Azubis sind nicht auf Knopfdruck zu haben"

Heribert Wilhelmi. Foto: Ariane Arndt-Jakobs
Heribert Wilhelmi. Foto: Ariane Arndt-Jakobs
Trier. Der Arbeitsmarkt in der Region Trier ist im Umbruch. Zwar sinkt die Zahl der Arbeitslosen, dennoch mangelt es den Betrieben an Fachpersonal und vor allem an Auszubildenden. Für Heribert Wilhelmi, Chef der Trierer Arbeitsagentur, muss bei der Berufsorientierung von jungen Leuten der Blick verstärkt auf die Bewerber gelenkt werden. Sabine Schwadorf

Trier. Für junge Leute ist die Lage am Ausbildungsmarkt derzeit ausgezeichnet. Seit Jahren registriert die Trierer Arbeitsagentur für die Region zwischen Eifel und Hunsrück mehr Stellen als Bewerber. Dennoch gehen immer weniger Jugendliche den Weg der beruflichen Ausbildung. Warum? Und welche Herausforderungen stellen sich für die Betriebe? Heribert Wilhelmi, Chef der Trierer Arbeitsagentur (siehe Extra), nimmt die heimische Lage unter die Lupe:

Arbeitsmarkt: "Überall gibt es die Herausforderung des demografischen Wandels und niedriger Arbeitslosenzahlen", sagt der Behördenleiter. Hinzu komme für die Region Trier der Sonderfaktor Luxemburg. Das sei zwar keine neue Erkenntnis, doch die Folgen daraus würden die Region Trier in Zukunft noch stärker treffen als bisher. "Wir haben am Ausbildungsmarkt bereits im sechsten Jahr in Folge einen Stellenüberhang." Diese fehlenden Azubis fehlten später als Gesellen, Techniker und Führungskräfte. Im vergangenen Jahr standen 3696 gemeldeten Ausbildungsstellen nur 3579 Bewerber gegenüber. "Das wird sich in diesem Jahr verschärfen. Wir befürchten in Zukunft noch mehr unbesetzte Stellen als jetzt schon", sagt Wilhelmi.

Berufsorientierung: Die Arbeitsagentur ist bei der Berufsorientierung in allen Schulen und Schulformen in der Region präsent. "Wir beraten über alle Berufswege, stellen aber fest, dass die Jugendlichen weniger das im Blick haben, was sie tatsächlich können oder wofür sie geeignet sind", sagt der Agenturleiter. Dagegen hätten die Fragen nach Aufstiegschancen zugenommen. Eine Herausforderung für die Berufsberater. "Wir müssen beim Jugendlichen und seinem Können ansetzen und nicht den nächsthöheren Abschluss im Visier haben", sagt er und sieht auch die Eltern in der Pflicht. Denn es gebe immer mehr Jugendliche, die vor der Ausbildung eine Schleife in der Schule drehten und dennoch keinen besseren Abschluss machten.

Ausbildungsmarkt:
Angesichts von 350 - teils regionalspezifischen - Berufsausbildungen deutschlandweit, bieten die Betriebe in der Region Trier mit 210 Ausbildungsgängen immerhin fast zwei Drittel davon an. Allerdings haben sich seit Jahren die Favoriten bei Jungen wie Mädchen kaum geändert (siehe Extra). "Es gibt Berufe, die für Modernität und Entwicklung stehen wie keine anderen", sagt Wilhelmi, aber kaum einer kenne sie. Zudem seien Berufe etwa in der Nahrungsmittelbranche mit Vorurteilen behaftet, die man nicht so schnell widerlegen könne. Dabei habe sich die Berufswelt stark verändert. "Ein Tischler arbeitet heute auch anders als noch vor 20 Jahren."
Der Ausbildungsmarkt der Region Trier bietet zudem einige Besonderheiten. So stehen Arbeitsverwaltung wie Kammern vor dem Problem, dass die Region nicht überall alle Ausbildungsberufe in jeder Berufsschule vorhalten kann - schon allein beim Rückgang der Bewerberzahlen nicht. So werden Kurse in Bitburg gestrichen und in Wittlich gebündelt oder in Gerolstein gestrichen und in Trier angeboten.
Um mehr Schulabsolventen den direkten Weg in die Ausbildung zu ebnen, fordert Wilhelmi die Betriebe auf, auch mehr Jugendliche mit Lernhandicaps einzustellen. "Es geht um Chancen für beide Seiten. Wer immer schon über Bedarf ausgebildet hat, ist nun der Nutznießer. Demgegenüber gibt es aber auch Betriebe, die immer noch nicht erkannt haben, dass es nicht mehr fünf vor Zwölf ist", sagt der Agenturchef. Denn wer sich bei der Ausbildung zurückhalte, riskiere im schlimmsten Fall "einen geringeren Geschäftserfolg".

Herausforderungen:
Für die Betriebe muss sich laut Wilhelmi die Erkenntnis durchsetzen: "Auszubildende sind nicht mehr auf Knopfdruck zu haben. Und: Diese Generation tickt anders, ist schneller gelangweilt", sagt er. Etwas, worauf sich auch die Arbeitswelt einstellen müsse. Und für Eltern wie Jugendliche gelte: "Die Berufsausbildung hat sich dramatisch gewandelt. Sie ist technologischer und anspruchsvoller geworden." Hier sieht der Arbeitsagenturchef wieder einen Vorteil der Region im Vergleich zu anderen: Für moderne Berufe biete sie auch dank des Arbeitsmarktes Luxemburg einen "attraktiven Rahmen".Extra

Heribert Wilhelmi ist seit einem Jahr Chef der Arbeitsagentur Trier. Der 54-jährige Saarländer hat das Geschäft bei der Bundesagentur für Arbeit von der Pike auf gelernt, 1976 startete er mit der Ausbildung im mittleren Dienst. 1984 bis 1989 studierte er an der FH Mannheim Verwaltungswissenschaften. Seit den 1990er Jahren ist er in verschiedenen Führungspositionen tätig, seit 2006 war er Geschäftsführer des Internen Services in der Agentur für Arbeit Trier. sasExtra

Auch wenn in der Region Trier in rund 210 von bundesweit insgesamt 350 Ausbildungsberufen eine Lehre angeboten wird, so entscheiden sich dennoch seit Jahren Jungen wie Mädchen immer wieder für die selben Top-10-Berufe. Bei den Bewerberinnen stehen die Ausbildungsberufe Kauffrau im Einzelhandel, Bürokauffrau, Verkäuferin und Medizinische Fachangestellte ganz oben auf der Wunschliste. Bei den Männern sind die Berufe KFZ-Mechatroniker, Kaufmann im Einzelhandel und Tischler Spitzenreiter. Dabei lohnt sich der Blick über den Tellerrand, denn es gibt zahlreiche neue, anspruchsvolle Berufe mit guten Zukunftsaussichten und attraktiver Vergütung. In den kommenden Wochen werden wir in loser Reihenfolge einige dieser weitgehend unbekannten Ausbildungsberufe vorstellen, darunter etwa der des Milchtechnologen und des Rollladen- und Sonnenschutzmechatronikers. sas