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Bei der Ausbildung auf einer Wellenlänge

Bei der Ausbildung auf einer Wellenlänge

Angesichts von jährlich 4000 zu besetzenden Ausbildungsstellen in der Region Trier wird es für Betriebe immer schwieriger, einen geeigneten Bewerber zu finden. Die Arbeitsagentur versucht nun auch verstärkt unter Quereinsteigern, Studienabbrechern und Berufsrückkehrerinnen, das Fachkräftepotenzial auszuschöpfen. Mit Erfolg für Arbeitgeber wie Arbeitnehmer, wie ein Beispiel aus Trier zeigt.

Trier. Manchmal läuft es im Leben nicht rund, machen Familienschicksale, Krankheit oder einfach nur falsche Entscheidungen einen Lebens- und Karriereweg holprig. So wie bei Hakan Bahar, der an und für sich beste schulische Voraussetzungen hatte.
In Bayreuth geboren, als Kind in die Türkei ausgewandert und zum Schulbeginn wieder in Deutschland, macht er das Fachabitur und beginnt in Trier ein Betriebswirtschaftsstudium. Er bricht ab, will nun Wirtschaftsingenieur werden. Nach insgesamt 16 Semestern schmeißt er seine Hochschulkarriere hin, schlägt sich mit Kellnerjobs durch. Als er beruflich nicht weiterkommt, absolviert der heute 33-Jährige an der Industrie- und Handelskammer eine Sachkundeprüfung und arbeitet drei Jahre bei einem Sicherheitsdienst - und wird arbeitslos.
Zusammen mit der Arbeitsagentur findet er im vergangenen Sommer "die berufliche Herausforderung, nach der ich lange gesucht habe": Hakan Bahar bekommt eine Ausbildungsstelle zum Elektroniker für Betriebstechnik bei der Trierer Firma Kirsch.
Rund 1000 arbeitslose Männer und Frauen wie Hakan ´Bahar zwischen 25 und 35 leben in der Region Trier, ohne abgeschlossene Berufsausbildung, ohne Chance auf eine qualifizierte Arbeitsstelle. "Diese Menschen sind für den Arbeitsmarkt ein großes Potenzial", sagt Isabell Juchem, Sprecherin der Trierer Arbeitsagentur. Ein Potenzial, das es zu fördern und zu vermitteln gelte - etwa mit dem Projekt "Ausbildung wird was", bei dem jungen Erwachsenen ohne Job neben dem Arbeitslosengeld ein Freibetrag von 400 Euro gewährt wird.
An den Trierer Hochschulen stellt Juchem einen wachsenden Bedarf an Information fest, weshalb es dort auch einen sogenannten Career Service gebe, der Studienabbrecher berate. "Es ist wichtig, dass Hakan Bahar eine berufliche Perspektive hat", sagt Juchem. Genauso wichtig sei es aber für die Betriebe in der Region, Bewerbern eine Chance zu geben, die erst auf den zweiten Blick hin geeignet seien.
Ausbildung für die Übernahme


Die Firma Kirsch mit insgesamt 120 Mitarbeitern braucht man dabei nicht mehr zu überzeugen. "Ältere Auszubildende sind reifer, sehen die Arbeit - allein aufgrund ihres Alters. Für ihr Berufsziel verzichten sie auf einiges", weiß Martin Ochmann, Ausbilder und Produktionsleiter bei Kirsch. Zwei von fünf Azubis in dem Unternehmen seien bereits Quereinsteiger. Und diese haben gute Berufschancen. "Wir bilden generell für die Übernahme aus. Unser Ziel ist es, die Leute in allen Abteilungen einsetzen zu können. Mit eigenen Azubis haben wir dabei nach der Übernahme die besten Erfahrungen gemacht", sagt Ochmann. Folglich hat auch Hakan Bahar gute Chancen, bei Kirsch Fuß zu fassen. "Ich möchte so schnell und so gut wie möglich meine Ausbildung abschließen", sagt er. Dabei zeigt er großen Willen, hat innerhalb weniger Monate den Lehrstoff eines ganzen Lehrjahres aufgeholt - auch nach Feierabend, auch am Wochenende. "Kirsch ist ein innovatives Unternehmen mit großen Projekten und einem guten Team", sagt der 33-Jährige.
"Hakan Bahar hat einen großen Willen, das imponiert uns", sagt Betriebsleiter Thomas Mußeleck. Denn motivierte Mitarbeiter sind für den kleinen Akteur auf dem Weltmarkt lebensnotwendig. Kirsch produziert Netzersatzanlagen, Sonderstromerzeuger fürs Militär und dieselelektrische Antriebssysteme. "Da brauchen wir engagierte Köpfe und einen technischen Vorsprung, denn wir müssen uns gegen Konkurrenz etwa aus Brasilien durchsetzen", sagt der Betriebsleiter.
Mit Erfolg, wie die Teilnahme an der Hannovermesse (siehe Extra) und aktuell ein neuer Großauftrag über 250 Antriebssysteme für Trolleybusse im Umfang von mehr als zehn Millionen Euro zeigen. Eine Chance für den ganzen Betrieb, sich beim Kunden zu beweisen. Auch für Hakan Bahar. Er weiß, dass die Ausbildung seine Chance ist, einen Beruf zu erlernen, sich endlich einen Lebensstandard aufzubauen: "Es ist schön, ein Teil der Firma zu sein", sagt er.Extra

In der Woche der Ausbildung vom 7. bis 11. April bietet die Arbeitsagentur zahlreiche Möglichkeiten zur Beratung und Orientierung. Gerade schwächeren Bewerbern soll damit eine Chance gegeben werden, neue Wege bei der Stellensuche zu gehen. Eine offene Berufsberatung am heutigen Mittwoch, 9. April, von 9 bis 17 Uhr im Berufsinformationszentrum (Biz) der Trierer Agentur bietet Hintergründe und zeigt aktuelle Stellenangebote. Zwei Arbeitgeber aus der Region informieren zu den Berufen Schilder- und Lichtreklamehersteller sowie Anlagenmechaniker Sanitär, Heizung, Klima. Um 19 Uhr gibt es eine Infoveranstaltung für interessierte Ausbildungsbetriebe zur Fachpraktikerausbildung in der Lebensmittelbranche. Eine Ausstellung im Foyer der Arbeitsagentur Trier bis zum 26. April rundet das Programm zur Woche der Ausbildung ab. Dabei geht es um die Vielfalt bei den mehr als 350 verschiedenen Ausbildungsberufen in Deutschland sowie um typische Rollenbilder bei der Wahl des Berufes. sasExtra

Folgende regionale Betriebe sind aktuell bei der Hannover-Messe bis zum 11. April vertreten: apra-norm Elektromechanik, Mehren; Elatec Power Distribution, Konz; Endter Sintertechnik, Densborn; GKN Driveline, Trier; IDS-Technology, Bitburg; Kirsch, Trier; Kautz Starkstrom-Anlagen, Trier; Katimex Cielker, Jünkerath, Luxpanel International, Bitburg; Natus, Trier. Die Messe gilt als weltgrößte Industrieschau mit rund 5000 Ausstellern, die Hälfte davon aus dem Ausland. Erwartet werden mehr als 180 000 Besucher. Kernthemen sind Anlagen und Produkte, die selbstständig miteinander kommunizieren. sas