Berufsausbildung in der Großregion: So funktioniert es

Ausbildung in der Region : Ausbildung ohne Grenzen

In der Berufsausbildung gibt es eine enge Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Luxemburg.

Als die Buchbinderin Vanessa Bernott diesen November bei einer Feierstunde der luxemburgischen Handwerkskammer Chambre des Métiers losgesprochen worden ist, erhielt sie nicht nur das luxemburgische Berufsdiplom, sondern zudem auch den deutschen Gesellenbrief. Letzteres überreicht vom Präsidenten der Handwerkskammer Trier, Rudi Müller, und vom Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Trier-Saarburg, Olaf Fackler.

Obendrein wurde sie als beste Nachwuchshandwerkerin Luxemburgs ausgezeichnet. Bereits seit 2010 besuchen die Buchbinder-Auszubildenden aus Luxemburg und aus Trier-Saarburg gemeinsam die Berufsschule in Luxemburg. Seit 2014 gibt es einen gemeinsamen Prüfungsausschuss. Vergangenes Jahr machten dann Premier Xavier Bettel und Ministerpräsidentin Malu Dreyer das Gentlemen-Agreement offiziell. Es ist ein außerordentliches Beispiel grenzüberschreitender Zusammenarbeit. Und sie beschränkt sich nicht nur auf die Buchbinder.

Vanessa Bernott arbeitet nun in der Buchbinderei der Stadt Luxemburg. Foto: Kreishandwerkerschaft Trier-Saarburg/Foto: Kreishandwerkerschaft Trier-Saarburg

„Beide Kammern sind derzeit im Prozess der gegenseitigen Anerkennung der Ausbildungsberufe. Insbesondere auch auf Meisterebene sind beide Kammern bestrebt, eine Vergleichbarkeit herzustellen“, sagt Handwerkskammer-Geschäftsführer Carl-Ludwig Centner. Die Handwerkskammer arbeitet auch mit der deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens zusammen und überreichte im November einem Schreiner in Sankt Vith auch den deutschen Gesellenbrief.

Insbesondere in der Region Trier gibt es zahlreiche deutsche Auszubildende, die bei einem Unternehmen in Luxemburg ihre Ausbildung absolvieren und in Trier zur Berufsschule gehen. Ihre Prüfung legen sie dann vor der deutschen Kammer ab. Einer von ihnen ist Jannik Meyer. Der 17-jährige Schweicher macht bei der Firma Navitrans in Wasserbillig eine Ausbildung zum Kaufmann für Büromanagement. Dort kümmert er sich etwa um Ablage, Buchhaltung, Rechnungen und Reisekosten. Navitrans und die Schwesterfirma Navilux koordinieren vor allem für die deutsche Reederei Deymann bei 31 Fracht- und Tankschiffen die Zuteilung der Schiffsmannschaften, Reparaturen und technisches Equipment. Jede Woche donnerstags und alle zwei Wochen montags fährt er zur Berufsschule nach Trier. „In meiner Klasse bin ich der einzige, der in Luxemburg lernt“, sagt Meyer, der seine grenzüberschreitende Ausbildung schätzt. „In der Schule lerne ich, wie der Beruf in Deutschland aussieht und in Luxemburg, wie die Voraussetzungen dort sind.“ Etwa Krankenkasse, Steuern und Sozialversicherungsbeiträge werden in Luxemburg anders gehandhabt.

Yannik Meyer gefällt es, dass er die deutschen und luxemburgischen Aspekte seines Berufs kennenlernt. Foto: TV/Jan Söfjer

„Umgekehrt gibt es eher wenige junge Luxemburger, die in Deutschland eine Ausbildung absolvieren“, sagt Isabell Juchem, Pressesprecherin der Agentur für Arbeit Trier, bei der es auch Sprechtage zur grenzüberschreitenden Ausbildung gibt. „Die Jugendarbeitslosigkeit in der Region Trier ist mit 2,8 Prozent sehr niedrig und liegt deutlich unter der Jugendarbeitslosigkeit in Luxemburg.“ Alleine zum Beginn des Ausbildungsjahres 2019 seien 735 Lehrstellen in deutschen Unternehmen in der Region unbesetzt geblieben – Tendenz steigend.

„Die grenzüberschreitende Ausbildung mit Luxemburg ist aus unserer Sicht ein quantitativ bedeutsames Ausbildungsmodell in der Großregion“, sagt Ulrich Schneider, Geschäftsführer Ausbildung der Industrie- und Handelskammer (IHK) Trier. „Seit vielen Jahren gibt es etwa 100 aktive Ausbildungsverhältnisse in IHK-Berufen. Die IHK Trier arbeitet hier eng mit der luxemburgischen Handelskammer Chambre de Commerce zusammen.“

In 2018 wurden laut Adem 83 grenzüberschreitende Ausbildungsverhältnisse abgeschlossen. Zum einen gibt es die „Formations qui ne sont pas offertes au Luxembourg mais en apprentissage transfrontalier“. „Dabei handelt es sich um traditionelle luxemburgische Ausbildungsberufe, für die es aufgrund zu geringer Lehrlingszahlen keine Berufsschule (mehr) in Luxemburg gibt“, sagt Silke Brüggebors von der Adem. Darunter fallen Berufe wie Schuhmacher, Brauer, Rolladen- und Jalousienbauer, Buchdrucker, Fotograf oder Winzer. 37 Berufe listet die Adem auf. Dazu kommen die „Formations qui sont uniquement offertes en apprentissage transfrontalier.“ „Dabei handelt es sich um 105 Ausbildungsberufe, die es in dieser Form in Luxemburg nicht gibt, die aber auf dem Arbeitsmarkt nachgefragt werden. Dazu gehören etwa die Berufe Binnenschiffer, Elektroniker für Betriebstechnik oder Hotelfachmann. Aber auch Bankkaufmann. Die Berufsschule ist entweder in Frankreich oder in Deutschland“, sagt Brüggebors. Die praktische Ausbildung findet in beiden Fällen bei einem Lehrbetrieb in Luxemburg statt.

Dazu zählt die Ausbildung von Linda Mayer zur Fachkraft für Wasserwirtschaft beim Wasserwirtschaftsamt in Esch/Alzette. Nach dem Abitur wollte die heute 24-Jährige aus dem luxemburgischen Mertzig diesen Beruf lernen, es gab aber keinen Ausbildungsbetrieb im Land. Das Wasserwirtschaftsamt zeigte sich interessiert, also schloss es sich mit dem luxemburgischen Bildungsministerium kurz und ließ eine Angestellte zur Ausbilderin fortbilden. Das dauerte ein halbes Jahr. Doch damit nicht genug. „Niemand hatte eine Idee wegen der Berufsschule“, sagt Mayer. Es gab und gibt so eine Berufsschulklasse in Luxemburg  nicht. Und auch nicht in Trier.

Mayer fand ihre Berufsschule schließlich selbst. In Gelsenkirchen. Mit fünf Berufsschülern aus ganz Deutschland lernt sie dort. Dieses Schuljahr war sie vier Mal dort, jedes Mal für drei bis vier Wochen. Sie kann dort übernachten und es gibt Verpflegung. Sie ist die erste und einzige aus Luxemburg. Dort und in Esch lernt sie die naturnahe Gestaltung von Gewässern, Hochwasserschutz, Kanalplanung, das Erstellen von Gefahrenkarten und Statistiken, wie man eine Baustelle absichert oder wie man den ökologischen Zustand von Gewässern ermittelt. „Im Winter fahren wir bei Hochwasser die Flüsse ab und dokumentieren, bis wohin das Wasser geht.“ Oder als im Oktober nach dem Großbrand bei Euro-Composites in Echternach Löschwasser in die Sauer gelangte. „Darum kümmern wir uns“, sagt Mayer. „Wir nehmen Proben und analysieren sie im Labor.“

Mayer ist im dritten Lehrjahr. 2020 ist sie mit der Ausbildung fertig. Die erste ihrer Art in Luxemburg. Sie würde gerne beim Wasserwirtschaftsamt in Esch bleiben. Aber so eine Stelle muss vom Ministerium genehmigt werden. Ansonsten muss sie wieder über die Grenzen hinaus schauen.