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Regionale Wirtschaft
Bewegte Vergangenheit – spannende Zukunft

Georg Stephanus stellt zwei Bücher vor, die er auch bei „Stephanus meets Broadway“ den Kinobesuchern präsentiert. Foto: Heribert Waschbüsch
Georg Stephanus stellt zwei Bücher vor, die er auch bei „Stephanus meets Broadway“ den Kinobesuchern präsentiert. Foto: Heribert Waschbüsch
Trier. Liebe, Leidenschaft, Spannung und Information – schlaflose Nächte und bewegte Tage. Die Buchhandlung Stephanus bietet ihren Kunden große Gefühle – und das seit 140 Jahren. Von Heribert Waschbüsch
Heribert Waschbüsch

Am 1. Oktober 1878 erschien in der Saar- und Moselzeitung eine Anzeige über die Übernahme der Groppeschen Buchhandlung durch Heinrich Stephanus. Damit startete vor 140 Jahren die Familie Stephanus ihre Buchhandlung in Trier, die heute, als ältester bestehender Buchladen Triers, an gleicher Stelle in der Fleischstraße 16 besteht. 140 Jahre Firmen- und Familiengeschichte böten genügend Stoff für einen eigenen Roman, wie der Blick in die Chronik zeigt.

Geprägt ist die Unternehmenshistorie durch viele Aufs und Abs, durch schwere Krisen, Schicksalsschläge und ebenso durch günstige Wendungen. In all den Jahren war und ist die Buchhandlung auch kein wirtschaftlicher Selbstläufer, sondern muss sich seit jeher der Konkurrenz erwehren, wie Georg Stephanus erzählt. Er führt das Familienunternehmen in vierter Generation seit 26 Jahren – die ersten 25 Jahre gemeinsam mit seinem Bruder Peter, seit einem Jahr nun allein. Unternehmensgründer Heinrich Stephanus hatte in Trier keinen leichten Start, erzählt sein Urenkel. In Bonn 1851 als Sohn eines Bäckers und Mehlhändlers geboren, wollte Stephanus schon früh Buchhändler werden. Zur Ausbildung ging er nach Riga, doch dort sah der junge Mann, bedingt durch den zunehmenden Einfluss des zaristischen Russlands, keine Zukunft.

Firmengründer Heinrich Stephanus.
Firmengründer Heinrich Stephanus. FOTO: TV / Heribert Waschbüsch

Zurück in Bonn bot sich ihm in Trier die Gelegenheit, einen Buchladen zu übernehmen. Eduard Groppe hatte nach mehreren Anläufen seinen Buchladen in die Fleischstraße verlegt. Doch der katholische Verleger Groppe hatte in dem katholischen Priester Georg Friedrich Dasbach einen ernsthaften Widersacher. Groppe war Dasbach wohl zu liberal. Der Verleger und Buchhändler wurde später sogar inhaftiert und scheiterte mit weiteren Buchhandlungen.

Der Protestant Heinrich Stephanus versuchte sich als sein Nachfolger. Seine Zielgruppe waren preußische Militär- und Verwaltungsangestellte. Als Buch- und Kunsthändler und Herausgeber des vom Eifelverein publizierten Eifelführers, bemühte sich Heinrich Stephanus, seinen Laden zu etablieren.

„Damals sah eine Buchhandlung ganz anders aus als heute“, erzählt Unternehmenschef Georg Stephanus. „Es gab eine Verkaufstheke, und der Buchhändler bediente in einem weißen Kittel, wie ein Apotheker. Die Bücher wurden dann aus den Regalen hinter der Theke nach vorne gebracht.“

Georg Stephanus begrüßte in der Tracht um 1900 die Gäste bei der kleinen Jubiläumsfeier.
Georg Stephanus begrüßte in der Tracht um 1900 die Gäste bei der kleinen Jubiläumsfeier. FOTO: TV / Heribert Waschbüsch

Im gesellschaftlichen Leben der Stadt war der Buchhändler aus der Fleischstraße bestens integriert. 1883 war Heinrich Stephanus Mitbegründer des Trierer-Ruder-Clubs und auch 1888, bei der Gründung des Tennisvereins, war er eine treibende Kraft. Im Alter von 48 Jahren heiratete der Firmengründer die 28-jährige Anna Steeg. Zwei Söhne und zwei Töchter bekommt das Ehepaar. Das Geschäft ernährt die Familie gerade so – in dem winzigen Laden von rund 30 Quadratmetern werden antiquarische Bücher, Schulbücher, Zeitschriften, Fotografien und Kunstdrucke angeboten –  zudem vertreibt Stephanus als Verleger Ansichten von Trier, Touristenkarten und den Eifelführer. Doch gerade ein Rechtsstreit mit dem Eifelverein soll die Gesundheit von Heinrich so sehr angegriffen haben, dass er einem (damals) sogenannten Nierenschlag erlag.

Der älteste Sohn, Karl, musste so schon mit 18 Jahren das unternehmerische Erbe antreten, als Heinrich Stephanus 1913 stirbt. Zu jung, um die Geschäfte zu leiten (die Firma musste einen Geschäftsführer bestellen), doch alt genug, um in den Krieg zu ziehen, muss er 1915 an die Front. Die drei Geschwister führen den Laden weiter, bis er nach dem Krieg als Leutnant zurückkehrt. 1925 heiratet Karl Anna Brems. Seine Frau gehört zu den obersten Trierer Kreisen. Ihr Vater ist der Trierer Domgoldschmied und Hofjuwelier Joseph Christoph Brems. „Und aus der protestantischen Familie wurde so mit den beiden Söhnen Karl und Georg die Familie eine katholische“, erzählt Georg Stephanus. Wirtschaftlich ging es ab 1927 der Buchhandlung besser. Die größte und bedeutendste Buchhandlung in Trier, Lintz, musste Insolvenz anmelden. Damit gewann Stephanus Kunden. Doch schon in den 30er Jahren wuchs mit der nationalsozialistischen „Großdeutschen Buchhandlung Merkur“ in der Fleischstraße ein Mitbewerber heran.

Die Eröffnungsanzeige vom 1. Oktober 1878 aus der Saar- und Moselzeitung.
Die Eröffnungsanzeige vom 1. Oktober 1878 aus der Saar- und Moselzeitung. FOTO: TV / Repro Heribert Waschbüsch

Mit Kriegsbeginn wurde Karl Stephanus zum Wehrdienst eingezogen. Zwar lag seine Stelle in Trier, das Ladenlokal aber mussten andere fortführen. Viel zu tun gab es indes nicht. Auch der älteste Sohn von Karl und Anna musste mit 18 Jahren in den Krieg ziehen. Er starb im September 1944 bei Prüm. Für seinen jüngeren Bruder Georg bedeutete dies, dass er in der Unternehmensnachfolge aufrückte. Doch schon im Dezember 1944 drohte das endgültige Ende des Geschäfts.

Am 19. Dezember hatten alliierte Bomber Trier als Angriffsziel im Visier. Vier Tage später machten sich Vater und Sohn Georg von Föhren aus (dorthin war die Familie evakuiert) auf den Weg, um die Schäden zu besichtigen. Das Geschäftshaus war stark beschädigt. Viele Bücher gab es zu der Zeit nicht mehr im Laden, denn abziehende Frontsoldaten hatten die Bestände aufgekauft, um sich auf dem Weg nach Hause bei den endlos langen Fahrten mit Literatur ablenken zu können.

Doch Vater und Sohn suchten nach einem Geldschrank im Keller, in dem 30 000 Reichsmark lagen. Sie finden das Geld und legen es  auf dem Tisch ab. Karl, der noch einen Auftrag seiner Dienststelle zu erledigen hat, hastet weiter und erst als beide bemerken, dass sie das Geld offen liegen gelassen haben, kehren sie zurück und nehmen die Firmeneinnahmen mit. Wenig später, um 13 Uhr, am 23. Dezember fliegen die Alliierten ihren dritten und schwersten Luftangriff auf Trier: Vater und Sohn sehen vom Hauptmarkt aus, wie das Haus in der Fleischstraße in Flammen aufgeht.

Es dauert lange, bis hier nach dem Krieg wieder Bücher verkauft werden. Georg Stephanus erinnert sich an die Erzählungen seines Vaters: „Zunächst wurde sehr schnell vom Wohnhaus in der Oerenstraße aus eine Art Bücherbörse organisiert.“

Dann fand die Buchhandlung bei der Zoohandlung Lambert am Hauptmarkt ein vorübergehendes „Asyl“. „Erst 1953 war dann genügend Geld da, dass wir in der Fleischstraße 16 wieder ein Ladenlokal eröffnen konnten“, sagt Georg Stephanus. Zunächst war das Haus nur eingeschossig.

Vater und Sohn führten das Geschäft gemeinsam. Zu Beginn der 60er Jahre lernte Georg Stephanus die Numismatikerin Sonny Lichtenberg vom Staatlichen Museum Ostberlin kennen. Nach einem Studienaufenthalt in Trier musste sie nach Ostberlin zurück. Der Liebe wegen wollte sie wieder an die Mosel. Doch die Abgrenzung von West- und Ostdeutschland machte ihre Rückkehr zu einem heiklen und spannenden Unterfangen, das letztendlich doch noch gelang. 1968 stirbt Karl Stephanus im Alter von 72 Jahren. Sein Sohn Georg übernimmt vollständig die Geschäfte, die er schon seit 1966 größtenteils führte.

Wirtschaftlich sitzt ein großer Mitbewerber vis-a-vis. Auf dem Gelände der Paulinus-Druckerei entwickelt sich die Paulinus-Buchhandlung, die spätere Akademische Buchhandlung Interbook. „Jedes Mal, wenn wir uns vergrößerten, baute man auf der gegenüberliegenden Seite noch weiter aus“, erinnert sich der heutige Firmenchef Georg Stephanus.

Mit der Gründung der Universität in Trier gibt es aber auch für Stephanus einen Schub. 1972 gründet Georg Stephanus eine zweite Buchhandlung in Uninähe in der Passage „Im Treff“ mit rund 250 Quadratmetern Verkaufsfläche.

Auch in der Fleischstraße wird weiter ausgebaut. Längst werden Bücher nicht mehr über die Ladentheke angereicht. Die Kunden wollen stöbern, blättern, fühlen, reinlesen. „Von 1981 an haben wir unsere Buchhandlung in der Fleischstraße erweitert, die erste Etage wurde für die Kunden erschlossen“, erzählt Georg Stephanus.

Seit 1992 führt er nun in der vierten Generation die Geschäfte. Die Konkurrenz sitzt heute nicht nur in der Innenstadt. Seit Anfang der 2000er Jahre ist der Online-Handel eine große Herausforderung für den stationären Buchhandel.

Für Georg Stephanus eine Veränderung, der man sich mit neuen Angeboten stellen muss. „Ein Buchladen ist heute wie früher ein Treffpunkt. Er ist für das Wohnumfeld wichtig und das wollen wir berücksichtigen.“ Eine Idee von ihm ist der „Buchgenuss nach Ladenschluss“. „Wir schließen eine kleine Gruppe von zehn bis zwanzig Kunden nach Ladenschluss in der Buchhandlung ein. Sie können dann zwei Stunden ungestört stöbern, sich unterhalten und austauschen.“ Das Gefühl zählt dabei mehr als der kommerzielle Erfolg. „Manche kaufen ein Buch, andere zehn, mal für sich, mal, um sie zu verschenken, und mancher kauft gar keins“, erzählt der Buchhändler. „Viel wichtiger aber ist, dass alle erfahren, welch wunderbarer Ort ein Buchladen ist.“

Eine der neuesten Ideen im Rahmen des Jubiläumsprogramms heißt „Stephanus meets Broadway“ und ist eine Kooperation mit dem Trierer Kinobesitzer Dirk Ziesenhenne. Georg Stephanus und Florian Valerius stellen acht Bücher vor, bevor sich die Besucher eine Literaturverfilmung anschauen.

Valerius, Zweigstellenleiter der Buchhandlung „Im Treff“, besitzt auch im Internet schon einen gewissen Kultstatus. Mit seinem Literatur-Blog hat Florian Valerius rund 14 000 ­Follower, die seinen Buchtipps folgen. „Wir wollen das mit ihm auch für unsere Buchhandlung ausbauen“, sagt Georg Stephanus. Lesungen, Signierstunden mit Autoren, Buchempfehlungen von Mitarbeitern und nicht zuletzt ein vollwertiger Onlineshop für Kunden, die Buchhandlung versucht sich auf allen Feldern aufzustellen.

Die Mittler-Rolle für Leser ist sowieso die große Chance für den stationären Buchhandel, findet Stephanus. „Wir haben rund 40 000 Bücher im Bestand. Unsere Kunden können sich sicher sein, dass wir diese mit viel Sorgfalt für sie ausgewählt haben.“

Stephanus ist sich einer Sache ganz sicher: „Buchhandel ist heute ein anspruchsvolles, manchmal schwieriges Geschäft geworden, aber das gedruckte Buch und der stationäre Buchhandel werden auch in Zukunft Bestand haben.“

2009 hat Hiltrud Holzberger im Neuen Trierischen Jahrbuch die Geschichte Triers ältester Buchhandlung beschrieben.

Die Anfänge des Geschäfts: Das Foto aus dem Familienarchiv zeigt die Buchhandlung Stephanus im Jahr 1903.
Die Anfänge des Geschäfts: Das Foto aus dem Familienarchiv zeigt die Buchhandlung Stephanus im Jahr 1903.
Das Geschäftshaus in der Fleischstraße 16 um 1900.
Das Geschäftshaus in der Fleischstraße 16 um 1900. FOTO: TV / Heribert Waschbüsch
Peter und Georg Stephanus haben 1994 die Geschäfte übernommen.
Peter und Georg Stephanus haben 1994 die Geschäfte übernommen. FOTO: TV / Heribert Waschbüsch