Börsenfusion vor dem Scheitern

Börsenfusion vor dem Scheitern

Stoisch betonen Frankfurt und London den Sinn eines Zusammenschlusses. Doch hinter vorgehaltener Hand zweifeln sie schon länger daran, dass das Vorhaben klappt.

Frankfurt/London (dpa) Das war's dann wohl mit der Börsenhochzeit Frankfurt-London - mal wieder. "Angesichts der bisherigen Haltung der Kommission geht die London Stock Exchange Group nicht davon aus, dass die Kommission die Fusion genehmigen wird" - der entscheidende Satz in der Mitteilung der LSE steht etwas versteckt erst auf der zweiten Seite. Seine Sprengkraft ist immens.
Die Brüsseler Wettbewerbshüter könnten wegen kartellrechtlicher Bedenken der Vision einer weltweit führenden Börse ein Ende bereiten - wie Anfang Februar 2012.
Vor fast genau fünf Jahren scheiterte das ehrgeizigste Vorhaben des damaligen Frankfurter Börsenchefs Reto Francioni krachend am EU-Veto: ein Zusammenschluss mit der New Yorker NYSE/Euronext zum weltgrößten Marktbetreiber. Francioni beschränkte sich in der Folge auf die Verwaltung des Status quo.
Erst sein Nachfolger Carsten Kengeter riss die Deutsche Börse aus der Lethargie, ging aber auch hohes Risiko ein. In Frankfurt glaubt im Grunde niemand mehr daran, dass das Nein der EU-Wettbewerbshüter zur Fusion mit der LSE noch abgewendet werden kann. Die Entscheidung aus Brüssel wird Ende März erwartet.
Die neue bittere Pille aus Brüssel schmeckt vor allem London nicht: Die LSE hatte bereits zugestanden, im Fall einer erfolgreichen Fusion ihre Abrechnungs- und Abwicklungstochter LCH Clearnet an den Konkurrenten Euronext zu verkaufen. Dass die LSE nun auch noch ihre Mehrheit an der lukrativen italienischen Anleihen-Handelsplattform MTS veräußern soll, brachte das Fass zum Überlaufen.
Ohnehin ist es vielen Briten nicht leicht zu vermitteln, warum die altehrwürdige Londoner Börse künftig als Juniorpartner mit dem Deutschen Kengeter als Chef ihre Geschäfte machen soll.
Zudem zieht sich die Debatte um den Sitz der Dachgesellschaft: In den Verträgen der beiden Konzerne ist zwar London als Holdingsitz längst festgelegt. Doch seit dem Nein der Briten zur EU (Brexit) wird in Hessen erst recht darauf gepocht, dass Frankfurt aufgewertet wird.
Das jetzige "No" der Londoner Börse zu den neuen Brüsseler Vorgaben überraschte dem Vernehmen nach auch den Fusionspartner in Frankfurt.
Doch der Konfrontationskurs mit Brüssel könnte gewollt sein: Provozieren die Fusionspartner ein Nein der EU-Wettbewerbshüter, gäbe es aus Sicht der Konzerne eindeutig einen Schuldigen für das Scheitern des Prestigeprojekts: Brüsseler Bürokraten, die nach Lesart der Börsenbetreiber die Zeichen der Zeit nicht erkannt hätten.
Dass das Management den Brexit offensichtlich nicht auf der Rechnung hatte und den Frankfurter Widerstand gegen London als rechtlichen Sitz unterschätzte, träte dann in den Hintergrund. Deutsche Börse und LSE könnten ihr Fusionsvorhaben - zum dritten Mal nach 2000 und 2005 - gesichtswahrend beerdigen.
Analysten wie Martin Price von der Schweizer Bank Credit Suisse meinen, die LSE stünde auch alleine gut da. "Wir gehen davon aus, dass die Deutsche Börse der größere Verlierer ist bei einem Scheitern des Zusammenschlusses mit der LSE", erklärt Price. Für den Dax-Konzern wäre die Verschmelzung aus seiner Sicht zum Beispiel eine effektive Möglichkeit gewesen, Risiken für das Derivategeschäft im Zuge neuer Regulierungsbestimmungen abzumildern.
Für die Deutsche Börse wäre ein erneutes Scheitern bei einem solchen Großprojekt - folgt man den Ausführungen von Konzernchef Kengeter - ein Desaster. Der Finanzplatz Frankfurt sei "in einem harten globalen Wettbewerb" zurückgefallen und sei "angewiesen auf Bündnisse", betonte der langjährige Investmentbanker immer wieder. "Das größte Risiko für Frankfurt ist ... nichts zu tun."
Kengeters Schreckensszenario: "Wenn wir diese Brücke nicht bauen, werden wir abgehängt." Die starke US-Konkurrenz werde letztlich auch den europäischen Kapitalmarkt bestimmen. Geradezu pathetisch warb der seit Juni 2015 amtierende Börsenchef für sein wichtigstes Vorhaben: Bei einer Betriebsversammlung im März 2016 - kurz nach Veröffentlichung der Fusionspläne - sagte der Manager nach Angaben von Teilnehmern: "Die Fusion ist gottgewollt."

Mehr von Volksfreund