1. Region
  2. Wirtschaft

Corona hat die Schuldenfalle für viele Menschen erhöht

Finanzen : Arm sein macht depressiv

Viele Menschen kommen nicht mehr mit dem Geld aus, über das sie verfügen können. Die Schuldnerberatungen können helfen, sagen aber auch: Corona hat die Lage für viele nochmals verschärft. Und der Druck wächst weiter.

 Als das rüstige Rentnerehepaar Beyer vor einigen Monaten zu Anika Wegner in die Schuldnerberatung der Caritas Trier kommt, ist für die Juristin schnell klar: „Die Notlage muss für das Paar sehr groß sein, dass es sich überwindet, zu uns zu kommen. Das macht sehr traurig und nachdenklich.“

Doch was ist passiert? Peter Beyer (Name und Details verändert) hat sein Leben lang gearbeitet. Doch als ein Schaden in der Wohnung behoben werden muss, wird die Rente knapp. Er nimmt einen Kredit auf, den der mobile Mann mit seinen knapp 80 Jahren über einen Minijob abbezahlen möchte. Und das scheint auch zunächst zu funktionieren.

Doch infolge der Corona-Pandemie fällt der Minijob weg – und damit das dringend benötigte Geld und die Möglichkeit für die Beyers, ihren Kredit auf absehbare Zeit zurückzuzahlen. Eine Lösung für die Misere ist nicht in Sicht. Über den Corona-Fonds der Caritas wird die Miete der Bayers für einen Monat übernommen. Zudem gibt Anika Beyer einen Lebensmittelgutschein aus. Die Dankbarkeit der Beyers ist riesig, wie sie in einer Weihnachtskarte festhalten. „Wir erleben immer häufiger, dass Menschen in Not geraten, ohne etwas falsch gemacht zu haben“, sagt sie. Deshalb lasse sie auch das häufig genutzte Vorurteil nicht gelten, „dass überschuldete oder insolvente Menschen nicht mit Geld umgehen könnten“.

Und tatsächlich sprechen die Zahlen der Schuldner- und Insolvenzberatung Trier eine klare Sprache: Wer eine Privatinsolvenz anmeldet, tut dies nur zu neun Prozent, weil er nicht finanziell haushalten kann. Von 2019 bis 2020 hat sich die Zahl derjenigen, die aufgrund von Arbeitslosigkeit oder reduzierter Arbeit wie etwa Kurzarbeit Pleite gingen, dagegen von 35 auf gut 47 Prozent erhöht. Der zweithäufigste Grund (in beiden Jahren rund ein Viertel Anteil) ist Trennung oder Scheidung. Krankheiten, vor allem psychischer Art, sind unter Corona auf dem Vormarsch (von rund 13 auf fast 15 Prozent).

„Viele Betroffene sind zusätzlich in therapeutischer Zusatzbetreuung“, sagt Beate Lippert. „Denn arm zu sein macht depressiv. Man hat immer nur Probleme und der Teufelskreis wird größer“, weiß sie. Inzwischen treffe die Privatinsolvenz alle Gesellschaftsschichten – vom Hartz-IV-Empfänger bis zum Akademiker, weiß die Juristin, die seit 28 Jahren in der Schuldnerberatung in Trier tätig ist: „Es kostet immer noch viel Überwindung, hierher zu kommen, aber es gibt immer mehr, die sich nicht mehr schämen wollen oder können.“

So erlebt die Beratungsstelle derzeit einen großen Ansturm: einerseits, weil sich durch eine Gesetzesänderung die Wohlverhaltensphase in einer Privatinsolvenz seit diesem Jahr von sechs auf drei Jahre verkürzt hat und sich so „der psychologische Effekt einer Perspektive und Besserung für viele schneller einstellt“, sagt Anika Wegner; andererseits, weil infolge der Corona-Pandemie inzwischen vier von zehn Haushalten deutschlandweit weniger Geld in der Haushaltskasse haben, wie die Wirtschaftsforschung von Creditreform und Boniversum herausgefunden hat.

Demnach sind vor allem Kurzarbeiter, Solo-Selbstständige und Minijobber wie auch Herr Beyer von der finanziellen Durststrecke betroffen. Jeder zweite Betroffene muss auf etwa ein Drittel seines Haushaltseinkommens verzichten, jeder Fünfte auf 30 Prozent und mehr. Und so können auch die Juristinnen der Schuldnerberatung bestätigen, dass selbst unter Einbeziehung der Gesetzesänderung die Zahl der Privatinsolvenzen um ein Drittel zugenommen hat. So liegt die Summe der angehäuften Schulden allein für die Stadt Trier und den Landkreis Trier-Saarburg bei aktuell 11 Millionen Euro, im Landesdurchschnitt liegt die Überschuldung bei 42 000 Euro je Insolvenz.

Dabei werden in Deutschland mit 98 Prozent fast alle Kredite auch bedient. „Das heißt, jeder in die Schuldnerberatung investierte Euro wird komplett erstattet. Eine Investition, die sich lohnt“, ist Beraterin Anika Wegner überzeugt und weist auf das Finanzierungsmodell bei der Caritas durch Land, Kreisverwaltung, Stadt, Sparkasse und Eigenanteil hin. „Den Verbrauchern wird es schrecklich leicht gemacht, Kredite aufzunehmen“, sagt sie.

So stellen auch Creditreform und Boniversum fest, dass trotz der finanziellen Einbußen eine diffuse Konsumlust besteht, um eine Art „Corona-Konsum-Trauma“ hinter sich zu lassen. So wollen 40 Prozent der Haushalte mit Hilfe von Krediten Anschaffungen für den Haushalt tätigen.

Folglich fordert Wegner einen allgemeinen Rechtsanspruch auf eine Schuldnerberatung und nicht nur für diejenigen, die auf Hartz IV oder Sozialhilfe angewiesen sind. Denn von Schulden oder Zahlungsunfähigkeit sind zunehmend auch Menschen der Mittelschicht betroffen. Immerhin ein Drittel aller Befragten in der Creditreform-Studie fürchtet etwa, in den kommenden zwölf Monaten regelmäßige oder außergewöhnliche finanzielle Belastungen für Strom, Heizung, Miete oder Anschaffungen nicht mehr bezahlen zu können.

 Sparpotenziale
Sparpotenziale Foto: TV/Typoserve

Und auch generell stellen die beiden Beraterinnen fest: „Die Überforderung mit dem täglichen Leben nimmt zu. Das sehen wir auch daran, dass zunehmend gesetzliche Betreuer die Dinge regeln, weil die Menschen mit ihrem Leben nicht mehr klar kommen“, sagt Beate Lippert. Statt Vollstreckungsklagen zu riskieren oder eine Open-End-Ratenzahlung zu vereinbaren rät ihre Kollegin Anika Wegner auch: „Wenn Sie Schulden haben, von denen Sie nicht wissen, wie Sie davon wegkommen können, dann gehen Sie zur Schuldnerberatung. Denn hier kommt alles auf den Tisch – inklusive einer Lösung.“