Das Handwerk in der Region Trier sucht dringend Nachwuchs.

Kreishandwerkerschaft : Auf der Suche nach dem Nachwuchs

Die Kreishandwerkerschaften Trier-Saarburg und Mosel-Eifel-Hunsrück-Region engagieren sich gemeinsam.

Das Handwerk in der Region Trier hat ein großes Problem: Wo kommt der Nachwuchs her? Über die Chancen und Herausforderungen an die Betriebe in der Region hat TV-Redakteur Heribert Waschbüsch mit den beiden Kreishandwerksmeistern Gerd Benzmüller (Kreishandwerkerschaft Trier-Saarburg/Elektroinstallateur) und Kreishandwerksmeister Raimund Licht (Kreishandwerkerschaft Mosel-Eifel-Hunsrück-Region/Bäckermeister/Konditor) gesprochen.

Eigentlich ist die Situation im Handwerk doch super. Die Auftragsbücher sind voll, Sie kommen mit der Arbeit kaum nach. Sie müssten doch ganz glücklich sein ...

BENZMÜLLER Gerade bei uns im Bauausbaugewerbe sind die Auftragsbücher mehr als voll. Wir haben mehr Arbeit, als wir leisten können. Aber diese Medaille hat zwei Seiten. Auf der einen Seite die vielen lukrativen Aufträge, auf der anderen Seite haben wir nicht genug Mitarbeiter, um die Aufträge zu bearbeiten. Es ist für uns im Handwerk ein Riesenproblem, noch geeigneten Nachwuchs oder Fachkräfte zu finden.

Herr Licht, Sie kommen aus dem Bäckerhandwerk. Dort ist die Krise ganz offensichtlich. Eine Reihe von Bäckern und Metzgern macht den Laden dicht, weil sie keine Mitarbeiter finden.

LICHT Das ist für uns nichts Neues. Wir sprechen schon seit zehn Jahren darüber. Im Landesinnungsverband, dem ich angehöre, beobachten wir das für Rheinland-Pfalz und NRW sehr genau. In den vergangenen 15 Jahren hat sich die Zahl der Bäckerbetriebe um die Hälfte reduziert. Allerdings sind die Umsatzzahlen fast gleichgeblieben. Weniger Betriebe machen also mehr Umsatz. Es muss also noch keiner verhungern, weil es weniger Bäcker gibt. Aber die Vielfalt bleibt auf der Strecke. Ich denke, dass Bäcker und Metzger sich zukünftig wesentlich mehr spezialisieren. Es gibt jetzt schon Bäckereien, die ausschließlich Brot backen und mit Brötchen und Kuchen nichts mehr am Hut haben. Das Handwerk ist insgesamt im Wandel.

Hat das Handwerk für den Unternehmer derzeit noch goldenen Boden?

BENZMÜLLER Im Moment kann man im Handwerk sehr gutes Geld verdienen. Das ist vielen noch nicht so richtig bewusst. Insbesondere Eltern, die ihre Kinder auf weiterführende Schulen schicken. Die wissen überhaupt nicht, was im Handwerk verdient wird und welche Karrierechancen die jungen Leute bei uns haben. Ein Handwerksberuf ist heute von der finanziellen Situation her oft gleichwertig mit einem akademischen Beruf.

Aber es gibt auch große Unterschiede bei der Bezahlung. Einige Branchen bezahlen gerade in der Ausbildung ganz wenig. Warum ist das so?

LICHT Da gilt wie bei vielen anderen Dingen: Das regelt der Markt. Und zum anderen haben wir die Tarifautonomie, die zwischen Berufsverbänden und Gewerkschaften geregelt wird. Natürlich richtet sich das Interesse der Bewerber auch nach dem Auskommen, und ich kann die nicht verstehen, die glauben, mit minimalen finanziellen Angeboten noch Leute hinter dem Ofen hervorlocken zu können. Es müssen auf allen Ebenen – ob in der Ausbildung oder im Beruf – vernünftige Löhne gezahlt werden. Die, die heute keine attraktive Ausbildung anbieten, ob im Beruf oder im Portemonnaie, werden kaum noch Leute finden. Die Ausbildungsvergütungen sind in den vergangenen Jahren aber extrem gestiegen, eben auch, weil es schwieriger geworden ist, junge Leute zu finden.

Die Innungen sind Träger der Ausbildung. Die Ausbildung wird vorgegeben, überprüft – die ehrenamtlichen Prüfer kommen aus den Innungen. Das ist alles wichtig für das Handwerk. Aber wie sieht es denn mit der Innungstreue aus?

BENZMÜLLER Das ist sehr unterschiedlich. Die Schornsteinfeger sind alle in der Innung, da haben wir eine Quote von 100 Prozent. Im Elektrohandwerk sind es etwa 60 Prozent. Das schwankt sonst von Gewerk zu Gewerk zwischen 30 und 80 Prozent. Vor allem sind eher größere Betriebe Mitglied, während Zwei- oder Drei-Mann-Betriebe vielleicht die Kosten sparen möchten. Unser Innungssystem ist ja freiwillig. Und dieses freiwillige System hier in Deutschland, das die Duale Ausbildung stützt, basiert auf dem Ehrenamt. Andere Betriebe, die nicht Mitglied sind, sitzen zu Hause und können in der Zeit Geld verdienen. Das sind für mich Trittbrettfahrer. Die Duale Ausbildung funktioniert nur dank der vielen Ehrenamtlichen. Wer würde denn sonst die Prüfungen in den 110 Ausbildungsberufen durchführen?

Deshalb haben Sie versucht, eine Lehrlingsbetreuungsgebühr von Nichtmitgliedern einzufordern? Das Verwaltungsgericht hat das aber gestoppt.

LICHT Wir haben zwei Widersprüche gegen die Gebühr bekommen, und einige haben gefragt, warum muss ich die Gebühr zahlen? Denen haben wir erklärt, was wir alles dafür tun, damit ihre Lehrlinge vernünftig ausgebildet werden. Das ist von fast allen akzeptiert worden. Das Verwaltungsgericht hat nun Formfehler festgestellt. Dem Ansinnen nach hat uns das Gericht recht gegeben, doch in der Ausführung waren wir nicht exakt genug. Und wir sind schon der Meinung, dass die Leute, die an den Leistungen partizipieren, auch an den Kosten beteiligt werden.

Welche anderen Vorteile bieten Innungen ihren Mitgliedsbetrieben an?

BENZMÜLLER Es gibt zahlreiche Kooperationsverträge für unsere Mitglieder, beispielsweise Stromverträgen oder Telefonverträge.

LICHT Auch sind die Innungen bei der Weiterbildung von Inhabern, Mitarbeitern und Auszubildenden, vielen Normierungsstellen im Handwerk, bei der Schulorganisation vor Ort tätig und sitzen nicht zuletzt auch bei den Tarifverhandlungen mit am Tisch.

Kammergegner bemängeln, warum braucht man zwei Kreishandwerkerschaften, warum noch eine Handwerkskammer, die übergeordnet ist? Reicht da nicht eine Institution?

LICHT Das, was Kreishandwerkerschaft und HWK verbindet, ist das Handwerk. Wir vertreten aber die selbstständigen Handwerker. Und warum wir als Kreishandwerkerschaft so kleinteilig aufgestellt sind, ist einfach zu beantworten. Vieles lässt sich vielleicht zentral regeln. Aber fährt etwa ein Vertreter von Düsseldorf noch zum Landrat hier vor Ort und zur Kreisverwaltung, um über die konkreten Probleme in der Schule zu sprechen? Stehen die sofort dem heimischen Betrieb zur Verfügung und greifen ihm unter die Arme? Wir haben in Mosel-Eifel-Hunsrück eine riesengroße Fläche zu bearbeiten. Wir sind in beiden Kreishandwerkerschaften gut aufgestellt und leiden keine Not. Und ich denke, dass die Betriebe auch recht zufrieden sind. Die Kammer ist ein Gebilde der öffentlichen Hand und hat andere Aufgaben.

BENZMÜLLER Wir erfüllen ja gesetzliche Aufgaben. In der Kammer ist jeder Betrieb Pflichtmitglied. Bei uns sind die Mitglieder freiwillig, und wer nicht zufrieden ist, kann austreten. Deshalb ist es für uns wichtig, Leistungen und Service zu optimieren. Wir haben aber auch die gesetzliche Prüfungspflicht für die Gesellen. Und das fällt und steht mit dem Ehrenamt.

Sie beide verstehen sich doch gut. Die Kreishandwerkerschaften arbeiten Hand in Hand, warum nicht unter einem Dach? Ist der Druck noch nicht groß genug?

BENZMÜLLER Das ist keine Frage der Kosten. Aber die Fläche wäre einfach zu groß. Ich bin in Trier und im Kreis Trier-Saarburg bestens vernetzt, und ebenso hat Herr Licht in seinem Bereich die wichtigen Kontakte, die er auch pflegt.
LICHT Wir haben bei uns im Bereich nicht umsonst drei Kreishandwerksmeister, für jeden Kreis einen. Und einer, in dem Fall ich, hat den Vorsitz. Von Thalfang nach Stadtkyll ist man beispielsweise schnell vier, fünf Stunden unterwegs, und das für eine Stunde Sitzung.

Wie sehen Sie die Zukunft im Handwerk?

LICHT Was wir noch brauchen, um wieder mehr Nachwuchs zu bekommen, ist Zeit, um das Bewusstsein bei Eltern und Jugendlichen zu stärken, dass eine Ausbildung im Handwerk ein bestens angelegtes Investment und keine verlorene Zeit ist. Wir haben schon die Durchlässigkeit im Handwerk. Wer seine Ausbildung in der Tasche hat, kann danach studieren und bringt gute Voraussetzungen aus der Praxis mit. Die Löhne gleichen sich an, Jobs im Handwerk sind krisensicher und Handwerk hat Zukunft. Wir müssen nur offensiver mit unseren positiven Fakten werben.

BENZMÜLLER Wir müssen so attraktiv werden, dass jeder Jugendliche denkt, da will ich hin. Da muss man vielleicht Jugendliche auch schon mal mit einem Auto oder sonstigen Vergünstigungen locken.
LICHT Da geht die Reise hin, den Leuten mehr zu bieten.

Wie weit müssen Sie denn über den Tellerrand schauen, um Fachkräfte und Nachwuchs zu finden?

BENZMÜLLER Das gehört im Handwerk schon selbstverständlich dazu. Bei uns im Betrieb hat die Hälfte der Mitarbeiter einen Migrationshintergrund. Und ich glaube, das wird weiter steigen.

LICHT Der Trend zeigt sich auch bei den Lossprechungsfeiern. Wichtig ist, wenn die Sprachkenntnisse stimmen, ist vieles möglich. Aber die Sprache ist Grundvoraussetzung.

BENZMÜLLER Aber wir haben insgesamt vieles angestoßen und merken, dass es funktioniert.

Rund 110 unterschiedliche Ausbildungsberufe gibt es im Handwerk. In der Region suchen die Betriebe verzweifelt nach Nachwuchs. Die Kreishandwerkerschaften Mehr und Trier-Saarburg wollen die Herausforderung offensiv angehen. Foto: dpa/Sebastian Kahnert
Die beiden Kreishandwerksmeister Raimund Licht (links) und Gerd Benzmüller zeigen auf die Karte der Region. Das große Gebiet ist ein Grund, warum es in der Region zwei Kreishandwerkerschaften gibt. Foto: TV/Heribert Waschbüsch
Das Handwerk sucht händeringend nach Verstärkung. Foto: dpa. Foto: dpa/bp/dpa

LICHT Wir brauchen nichts durch die rosarote Brille zu sehen. Doch wie hat ein Handwerksmeister den jungen Gesellen bei der Lossprechungsfeier gesagt: Sie bekommen heute die Schürfrechte für Ihre Zukunft.

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