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Der Optimismus ist wieder verflogen

Der Optimismus ist wieder verflogen

BERLIN. Die deutsche Wirtschaft sieht nach der Frühjahrsumfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW/Köln) die weitere Geschäftsentwicklung kritischer als noch im Herbst.

"Eine steigende Produktion, weiter anziehende Exporte und endlich wieder mehr Investitionen". So charakterisierte das arbeitgebernahe IW vor einem halben Jahr die Erwartungen in den Unternehmen. Doch der Optimismus war nur von kurzer Dauer. Mit der aktuellen Frühjahrsumfrage des IW unter rund 1500 Betrieben hat sich die Stimmung wieder merklich eingetrübt. Besonders ernüchternd sind die Prognosen für den Arbeitsmarkt: 37 Prozent der Unternehmen in Ostdeutschland und 32 Prozent der Betriebe in den alten Ländern planen, die Anzahl ihrer Mitarbeiter in diesem Jahr zu reduzieren. Bei der Herbstumfrage im letzten November lagen die entsprechenden Daten noch bei 32 beziehungsweise 30 Prozent. 2005 werde "kein Jahr mit einer Trendwende am Arbeitsmarkt", resümiert IW-Direktor Michael Hüther. Die zurückhaltenden Beschäftigungsabsichten zeigten sich in allen Branchen. Schwerpunkt des Personalabbaus sei nach wie vor der Bausektor. Als Lichtblick wertet Hüther, dass zumindest im Westen Deutschlands der Anteil der Unternehmen, die zusätzliche Einstellungen planen, leicht auf 19 Prozent (plus ein Prozent) gestiegen ist. Der arbeitsmarktpolitische Sprecher der CSU-Landesgruppe, Johannes Singhammer, forderte indes Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) auf, das aktuelle Haushaltsloch bei der BA "ehrlich" zu beziffern. Hinzu komme, so Singhammer, dass sich die Hoffnungen der Bundesregierung auf das Wirtschaftswachstum wieder einmal als "Luftbuchung" erwiesen hätten. Offiziell hält Clement noch an einer Prognose von 1,6 Prozent fest. Dagegen taxiert die EU-Kommission den Zuwachs des deutschen Bruttosozialprodukts gerade noch auf 0,8 Prozent. Deutsche Institute wie das Hamburger Weltwirtschaftsarchiv und das Institut für Weltwirtschaft in Kiel rechnen gar nur noch mit einem Plus von 0,6 Prozent. Hier sind die Kölner Wirtschaftsforscher wesentlich optimistischer. Ein Wachstum von bis zu 1,5 Prozent sei durchaus realistisch, sagt IW-Direktor Hüther. Auch die jüngsten Vorhersagen über milliardenschwere Steuermindereinnahmen in Folge der schwachen Konjunktur hält der Experte für weit übertrieben. Es sei "nicht an der Zeit, Horrorzahlen in die Welt zu setzen". Der für die Regierung maßgebliche Kreis der Steuerschätzer will seine Prognose Anfang Mai veröffentlichen. Hüther wendet sich dann auch gegen "übertriebene Konjunktursorgen". Wie schon im Herbst 2004 erwarteten 35 Prozent der ostdeutschen und 39 Prozent der westdeutschen Unternehmen für das laufende Jahr einen Produktionszuwachs. Die Hoffnungen gründen sich dabei wie so oft auf das Auslandsgeschäft. 38 Prozent aller befragten Unternehmen gehen von steigenden Exporten aus. Knapp 13 Prozent der Betriebe sind mittlerweile wieder vom Gegenteil überzeugt. Vor einem halben Jahr waren es nur zehn Prozent gewesen. Immerhin 28 Prozent der Firmen kalkulieren in den kommenden Monaten mit einem höheren Investitionsbudget als 2004. Allerdings planen 27 Prozent der Betriebe genau an dieser Stelle Abstriche. Eine echte Gefahr für die Konjunktur in Deutschland sieht Hüther in den hohen Ölpreisen: Sollte sich der Preis pro Barrel im Jahresdurchschnitt auf 50 Dollar einpendeln, dann würde sich das Wachstum um etwa 0,4 Prozent verringern.