Der Pflege eine Stimme geben: Fachkräfte stimmen darüber ab, eine Berufskammer zu bilden

Der Pflege eine Stimme geben: Fachkräfte stimmen darüber ab, eine Berufskammer zu bilden

Ärzte habe eine, Apotheker ebenfalls. Nun wollen auch Pfleger eine Kammer gründen. In Informationsveranstaltungen werden Mitarbeiter von Kliniken und Heimen derzeit über das Für und Wider aufgeklärt.

Die Vorbehalte sind groß. Ob auch die später Mitgliedsbeiträge zahlen müssten, die nicht für die Pflegekammer gestimmt hätten, will eine Krankenpflegerin wissen. Ein Pfleger fragt, ob die Kammer alle Mitglieder zu Weiterbildungen verpflichten könne und wie das mit der ohnehin schon herrschenden Personalnot auf den Stationen machbar sein soll.

Nicht alle der rund 50 Pfleger, die sich gestern Morgen im Albertus-Magnus-Saal des Trierer Brüderkrankenhaus versammelt haben, sind von Anfang an begeistert von der Idee, eine Kammer für die Pflegeberufe zu gründen. Zumindest nicht so begeistert wie Markus Mai. Er ist stellvertretender Pflegedirektor im Brüderkrankenhaus und Vize-Chef des Dachverbandes der Pflegeorganisationen in Rheinland-Pfalz. Mai spricht von einer "historischen Chance" und davon, mit der Bildung einer Pflegekammer "Pflegegeschichte" zu schreiben. Rheinland-Pfalz wäre das erste Bundesland, in dem eine solche Kammer gegründet würde.

Mit ihr sollen die Berufsinteressen der Pfleger im Land besser gebündelt und gegenüber der Politik transportiert werden. Ähnlich der Ärzte- oder der Apothekerkammer. Es gehe auch darum, das Image des Pflegeberufes zu verbessern und um eine bessere Anerkennung in der Gesellschaft, sagt Mai. Er glaubt, durch eine Pflegekammer werde der Beruf des Pflegers wieder attraktiver und die Qualität der Pflege gesteigert. "Geben sie der Pflege eine Stimme", wirbt auch Aloys Adler, Pflegedirektor des Brüderkrankenhauses für eine Berufsvertretung.
Eine solche Kammer hätte aber auch einen ganz praktischen Grund. Derzeit weiß niemand so genau, wie viele Pflegekräfte es in Rheinland-Pfalz gibt. Die Arbeitgeber, also die Krankenhäuser, Pflegeheime oder Pflegedienste, sind nicht verpflichtet, die Daten weiterzugeben. Und die Berufsverbände und Gewerkschaften haben nur die Zahlen der Pfleger, die bei ihnen Mitglied sind.

David Dietz vom rheinland-pfälzischen Gesundheitsministerium, der den Pflegern in Trier die Vor- und Nachteile einer Kammer darstellt, schätzt, dass es rund 37 000 Pflegekräfte im Land gibt. Hinzu kommen noch rund 6000 Auszubildende. Wenn eine Pflegekammer gegründet würde, wären alle Pflegekräfte automatisch Zwangsmitglieder, so wie Handwerksbetriebe in der Handwerkskammer. Damit gebe es erstmals einen Überblick über die Beschäftigten in dem Bereich. Maximal zehn Euro soll der monatliche Kammerbeitrag für die Pfleger betragen, sagt Dietz.
Das Land unterstützt die Bildung einer Pflegekammer, knüpft diese aber an die Zustimmung der Pflegekräfte. Auch die drei im Landtag vertretenen Parteien stünden hinter der Idee, sagt Dietz. Bis 25. März können alle Pflegekräfte für oder gegen eine solche Kammer stimmen. Falls die Mehrheit dafür ist, werde das Ministerium einen Gesetzesvorschlag erarbeiten, der dann vom Landtag verabschiedet werden muss. Denn genau wie die anderen Kammern wäre eine Pflegekammer eine öffentlich-rechtlich organisierte. Das heißt, das Ministerium hätte die Aufsicht über die Kammer.

Die Gewerkschaften sind gegen eine solche Kammer. "Wir begrüßen die Abstimmung, lehnen aber die Pflegekammer ab, weil sie uns bei unseren Problemen im Land nicht voranbringt", sagt Andrea Hess, Vizechefin der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi in Rheinland-Pfalz.

Durch die Pflegekammer werde weder die angespannte Finanzierung des Gesundheitswesens noch die Bezahlung der Beschäftigten verbessert. Dafür müssten dann alle Beschäftigten auch noch im Rahmen einer Zwangsmitgliedschaft einen Pflichtbeitrag zahlen, kritisiert die Gewerkschafterin.

Infos im Internet auf
pflegekammer-befragung-rlp.deExtra

Eine Kammer ist eine Selbstverwaltungsorganisation eines bestimmten Berufsstandes. Unter anderem sind Ärzte, Architekten, Apotheker, Rechtsanwälte, Notare, Handwerksbetriebe oder Handelsunternehmen in verschiedenen Kammern organisiert. Eine solche Kammer unterliegt der Rechtsaufsicht einer Aufsichtsbehörde. Im Fall der Pflegekammer wäre das das rheinland-pfälzische Gesundheitsministerium. In dieser Kammer sollen alle Pfleger Pflichtmitglieder werden. Während es in verschiedenen EU-Staaten solche Pflegekammern bereits gibt, existiert in Deutschland bislang noch keine. wie