Der schwierige Weg zur Integration behinderter Menschen

Der schwierige Weg zur Integration behinderter Menschen

Was müssen Unternehmer leisten, um Menschen mit Behinderung einzustellen? Wo erhalten sie Informationen? Welche Förderungsmöglichkeiten gibt es? Antworten auf diese Fragen gab es bei einer von TV-Redakteurin Sabine Schwadorf moderierten Veranstaltung der Initiative Region Trier in der Handwerkskammer.

Trier. Bei der Veranstaltung "Fachkräftesicherung - Ausbildung und Beschäftigung von Menschen mit Handicap" gibt es keinen Platz für Sozialromantik; auch wenn Unternehmer von ihrer sozialen Verantwortung berichten, die sie dazu verpflichtet, Menschen mit Behinderung einzustellen.
Denn egal ob Handicap oder nicht, Angestellte müssen entsprechende Leistung bringen, das Unternehmen wirtschaftlich arbeiten. Dass dies geht, dafür steht Monika Fisch-Kloepp. Sie ist gehörlos und arbeitet bei der Trie rer Firma M&S Zahntechnik, die 2010 den Landespreis für beispielhafte Beschäftigung schwerbehinderter Menschen gewonnen hat.
Fisch-Kloepp sagt: "Gehörlose sind nicht behindert, sie sprechen nur eine andere Sprache." Wichtig sei es, dass ihre Kollegen auch bereit seien, die Gebärdensprache zu erlernen. Sie könne die Arbeit verrichten wie jeder andere Angestellte, nur die Organisation und die Kommunikation würde alle - sie, ihre Kollegen und ihre Chefs - vor eine große Herausforderung stellen. Sie habe außerdem die Erfahrung gemacht, dass trotz guter Qualifikation genauer geschaut werde, ob sie sich auskenne, ob sie Aufgaben richtig erledige. Integration brauche Zeit.
Jeder zwölfte Bundesbürger sei schwerbehindert, erklärt Heribert Wilhelmi von der Agentur für Arbeit. Allerdings würden derzeit nur 150 Förderfälle von seinem Amt vertreten, sagt Ulrich Schabio vom Landesamt für Soziales, Jugend und Versorgung, Integrationsamt Trier. Ein Grund: Viele Arbeitsverhältnisse liefen völlig ungestört, so dass sich Unternehmer gar nicht beim Integrationsamt melden würden. Der Hauptpart der laufenden Leistungen, den das Amt übernimmt, sind die Zahlung von Lohnkostenzuschüssen für die Angestellten mit Behinderung sowie für Betreuungspersonen. Das mache "80 Prozent unseres Finanzvolumens von zwei Millionen Euro" aus.
Auch wenn zum Beispiel Edwin Steffen von der Firma Leyendecker Holzland oder Gärtnereichef Matthias Melchisedech von ihrem Engagement für Inklusion und ihrer sozialen Verpflichtung, Menschen mit Behinderung eine Heimat in ihren Betrieben zu geben, berichten, und Direktorin Bettina Munding das Integrationshotel Vinum am Trierer Bahnhof als vorbildhaftes Projekt vorstellt, darf dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass Unternehmern auch Grenzen gesetzt sind. Inklusion könne nicht bedeuten, den Mitarbeiter aus dem Druck und Stress des Geschäfts herauszunehmen, Kunden hätten häufig wenig Verständnis. Ein weiterer Punkt: Die Wirtschaftlichkeit des Betriebes dürfe nicht eingeschränkt sein, sagte Melchisedech.
Steffen: Es sei keine einfache Aufgabe für den Chef, Mitarbeitern und Kunden die Situation zu erklären und für Unterstützung zu werben. Klar sei aber, dass die Zahl der Fachkräfte vor dem Hintergrund des demografischen Wandels abnehmen werde und Unternehmer das Potenzial von Menschen mit Behinderung nutzen sollten. "Es wird immer wichtiger, dass man als Unternehmen nicht nur Leistung bringt, sondern zur Marke wird." Der würdige Umgang mit Menschen sei dabei ein Baustein.
Die Handwerkskammer Trier hat deshalb auch eine Inklusionsberatung eingerichtet, die Unternehmen bei der Suche nach geeigneten Kandidaten, bei der Beantragung von Leistungen unterstützt, Kontakte zu Netzwerkpartnern herstellt, hilft, Teamprobleme zu lösen, aber auch Arbeitssuchenden mit Behinderung zur Seite steht. Beraterin Petra Scholz wirbt dafür, das nicht "als soziales Projekt wahrzunehmen, sondern als Arbeitgeber sollte es die Motivation sein, eine Fachkraft einzustellen, egal ob mit oder ohne Behinderung".
Ansprechpartnerin für die Inklusionsberatung bei der Handwerkskammer: Petra Scholz, Telefon 0651/207-288, E-Mail pscholz@hwk-trier.deExtra

Diskussion über integrative Beschäftigungspolitik: (von links) Heribert Wilhelmi (Chef der Arbeitsagentur Trier), Matthias Melchisedech (Gärtnerei Melchisedech), Günter Metzdorf (M&S Zahntechnik), Sabine Schwadorf (TV-Redakteurin), Edwin Steffen (Holzland Leyendecker) und Ulrich Fabio (Integrationsamt Trier). TV-Foto: Friedemann Vetter.

Der Fachkräfteanteil unter den arbeitslosen Menschen mit Schwerbehinderung ist mit knapp 60 Prozent etwas höher als der von arbeitslosen Menschen ohne Schwerbehinderung, hier sind es 54 Prozent. Die Zahl der arbeitslosen Schwerbehinderten unter 58 Jahren ist von Januar 2008 bis Januar 2012 um fast 20Prozent gesunken, von etwa 158 000 auf etwa 128 000. Quelle: Bundesagentur für Arbeit, Stand November 2012.

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