Die Eifel-Wirtschaft sorgt sich um die Zukunft

Kostenpflichtiger Inhalt: Wie die regionale Wirtschaft gegen Fachkräftemangel kämpft : Die Herausforderung: Fachkräfte in die Eifel locken

Unternehmerabend der Firmenchefs im Eifelkreis Bitburg-Prüm am 20. November, 18 Uhr, in der Stadthalle Bitburg.

Die wirtschaftliche Lage im Eifelkreis Bitburg-Prüm ist gut: Die Auftragsbücher sind gefüllt, die Arbeitslosenquote liegt bei 2,5 Prozent, es herrscht Vollbeschäftigung. Doch genau in dieser Phase schlagen die Unternehmen im Eifelkreis Alarm. Jan Niewodniczanski (Bitburger Braugruppe) und Lothar Thommes (Tesla Grohmann) warnen, dass dies alles in Gefahr ist, wenn nicht jetzt die Rahmenbedingungen verbessert werden. Mit ihnen sprach TV-Redakteur Heribert Waschbüsch.

Sie wollen Politik und Unternehmen im Eifelkreis aufrütteln. Am Mittwoch, 20. November, laden Sie deshalb zu einem Unternehmerabend ein. Was ist Ihre Intention?

NIEWODNICZANSKI Die Idee, die Unternehmen aus der Region zusammenzubringen, ist bei zwei Workshops entstanden, die wir in den vergangenen Wochen in Bitburg und Prüm hatten. Die 25 größten Unternehmer, die Vorsitzenden der Gewerbevereine und Vertreter der Wirtschaftskammern haben daran teilgenommen. Der Ansatz war, mit den Teilnehmern die Herausforderungen der demografischen Entwicklung für unsere Region zu diskutieren. Dabei haben wir gemerkt, dass die Unternehmen vor den gleichen Problemen stehen, aber damit unterschiedlich umgehen. Die Schmerzgrenze in Sachen Fachkräftemangel ist bei vielen Unternehmen schon erreicht. Uns alle einen aber die dringlichsten Themen.

Was sind das für Probleme?

THOMMES

Wir haben fünf Themen herausgearbeitet: Zuerst der Fachkräftemangel, der durch die demografische Entwicklung in der Region befeuert wird. Dann ist es der öffentliche Personennahverkehr, der nicht so aufgestellt ist, dass er den Nachwuchs- und den Fachkräftemangel entgegenwirken könnte. Zudem steht die Frage nach einer adäquaten, zukunftsfähigen Digitalisierung der Region ganz oben. Schauen wir nur auf die Mobilfunknetzabdeckung oder den Breitbandausbau, da stehen wir am Ende aller Kreise in den alten Bundesländern. Wichtig sind ebenso attraktive Energiepreise und ein nachhaltiges Energiemanagement. Für die Unternehmen sind auch zügige Genehmigungsverfahren ein wichtiger Punkt. Sie müssen schlank, effizient und unbürokratisch gelingen. Auch die steigenden Immobilienpreise schrecken auswärtige Kandidaten ab, in die Region zu kommen. Hier sind überall Verbesserungen notwendig.

Bisher sind 25 Unternehmen mit im Boot. Wie setzten die sich zusammen, wie viele Arbeitnehmer sind dort beschäftigt?

NIEWODNICZANSKI  Wir hatten zunächst die Betriebe im Eifelkreis zu einem Brainstorming eingeladen, die mehr als 100 Mitarbeiter haben. Sie beschäftigen rund 6500 Menschen in der Region. Das Interesse war sehr groß, alle haben teilgenommen. Was mir dabei aufgefallen ist, dass, je kleiner ein Unternehmen ist, umso größer ist der Handlungsbedarf. Umso deutlicher sind die Bereitschaft und der Wunsch, eine gemeinsame Unternehmervereinigung ins Leben zu rufen, um die Stimmen zu bündeln.

THOMMES Die Rahmenbedingungen werden erst recht die kleinen und mittleren Betriebe treffen, weil die großen Unternehmen noch eine gewisse Strahlkraft haben. Doch unter dem Strich wird es negativ für die Gesamtregion sein, wenn die kleinen Betriebe nicht mehr die Möglichkeit haben, sich weiter zu entwickeln.

Ziel ist also eine Unternehmervereinigung im Eifelkreis Bitburg-Prüm, die offen ist für alle Betriebe?

NIEWODNICZANSKI Die Gründung einer Unternehmervereinigung wäre eine Möglichkeit. Das vorrangige Ziel ist erstmal die Unternehmerschaft in der Region wachzurütteln. Wir reden heute nicht mehr nur darüber, die Menschen zu überzeugen, die Region nicht zu verlassen. Wir müssen vielmehr darüber nachdenken, wie wir Menschen aus anderen Regionen in unseren Eifelkreis bekommen. Das erste Ziel ist es deshalb, allen die Ernsthaftigkeit der Situation deutlich zu machen. Das zweite Ziel ist es, über Lösungsansätze mit der Politik zu diskutieren und bessere Rahmenbedingungen umzusetzen. Eine Unternehmervereinigung macht dann Sinn, wenn wir eine politische Seite haben, die nicht schnell genug liefert. Ich glaube, dass wir momentan in der Region ein bisschen in der Selbstgefälligkeit leben, dass wir Vollbeschäftigung haben, dass es uns gutgeht und nicht sehen, dass die Rahmenbedingungen jetzt schon zu einem Verlust an Fachkräften führen.

Woran machen Sie das fest?

NIEWODNICZANSKI Wir führen bei uns Einstellungsgespräche für Führungskräfte, und es kommen Interessierte zu uns und sagen mir, „Ich könnte mit der Region Eifel sehr gut leben, aber wenn in dieser Region nicht einmal das Mobilfunknetz funktioniert, kann ich das meiner Familie nicht antun.“ Wir sind hier solche Defizite vielleicht gewohnt, für jemanden aus einem Ballungsgebiet ist das schockierend.

THOMMES In vielen Regionen in Deutschland hebt man bereits das Potenzial, das ein ländlicher Raum bieten kann. Günstige Immobilienpreise, freier Personennahverkehr kombiniert mit einer lebenswerten Umwelt. Doch strahlt das unsere Region schon aus? Dafür stimmen leider unsere Rahmenbedingungen nicht.

Diese Forderungen stellen doch auch andere auf, die Wirtschaftskammern, andere Institutionen. Was macht Sie optimistisch, dass Ihr Aufschlag mehr ändert?

NIEWODNICZANSKI Ich fühle mich der Region verpflichtet. Auch Lothar Thommes kommt aus der Eifel. Viele Unternehmer, die hier im Eifelkreis sind und hier leben, sehen das ähnlich. Es geht nicht nur um den eigenen Betrieb, sondern um die komplette Region. Wir als gesamte Unternehmerschaft werden vielleicht eher gehört als ein einzelner, kleiner Betrieb. Deshalb sollten wir aus dieser Verantwortung heraus auch handeln. Ich habe zumindest die Hoffnung, wenn wir uns als große und kleine Betriebe zusammenschließen und die Finger in die Wunden legen, dass wir etwas erreichen können. Wir, die Wirtschaft, sind der Motor der Region. Wenn es uns schlecht geht, leidet die ganze Region. Ich habe das Gefühl, dass in der Vergangenheit die verfügbaren Mittel nicht immer vernünftig eingesetzt wurden, sonst hätte man sich mit den drohenden Defiziten früher auseinandergesetzt. Und ich glaube, dass wir gemeinsam etwas erreichen können, und das macht mich optimistisch.

Und wie soll das funktionieren?

NIEWODNICZANSKI Wir brauchen verlässliche Absprachen, klare Verpflichtungen. In welchem Jahr ist verbindlich 5G ausgebaut? Wann wird das Thema Breitbandausbau erledigt sein? Die Wirtschaft braucht eindeutige Zusagen, damit wir Investitionssicherheit haben. Bietet die Region unseren Unternehmen eine zukunftsfähige Infrastruktur? Oder müssen wir an einem Plan B arbeiten? Das will doch keiner von uns, weil wir zur Region stehen. Die Politik muss aber auch endlich den Handlungsdruck verstehen.

THOMMES Wir müssen die Themenfelder stärker besetzen. Es muss und darf nicht nur alles in den großen Städten vorangetrieben werden. Wir als ländliche Region müssen bei den Zukunftsthemen vorne dabei sein.

NIEWODNICZANSKI Für uns kann es sogar ein Vorteil sein, dass wir früher als andere Regionen den Schmerz verspüren, weil wir Vollbeschäftigung haben, weil wir in vielen Betrieben heute schon enorme Probleme haben, die Lehrstellen zu besetzen, weil wir schon einen Wettbewerb der Unternehmen haben. Genau deshalb kann man es schaffen, Unternehmen und die Politik zu motivieren, jetzt richtungsweisende Maßnahmen einzuleiten

Was können denn die 25 Unternehmen, die sich in den ersten Schritten zusammengefunden haben, dafür tun, selbst die Region bekannter zu machen?

NIEWODNICZANSKI Sie sprechen die Vermarktung an. Es gibt die Arbeitgebermarke Eifel, die dort aktiv ist. Für uns ist aber die Vermarktung der Region nicht die Priorität 1. Für mich ist zunächst die Verbesserung der faktischen Rahmenbedingungen wichtig. Wie kann man denn eine Digitalisierungsagenda des Kreises Bitburg-Prüm vermarkten? Jeder schaut sich doch die Digitalisierungskarte des Bundes an und sieht, dass wir mit zwei anderen Landkreisen am Ende der alten Bundesländern stehen. Der erste Punkt ist also: Wie kann ich die Rahmenbedingungen verbessern?

Würde eine Vernetzung der Unternehmen nicht auch schon Entlastung bringen?

NIEWODNICZANSKI Die Vernetzung der Unternehmen ist ein großer Faktor, und darüber haben wir uns eifrig ausgetauscht. Es nützt ja nichts, wenn ich meine Stellen dadurch besetze, indem ich einen guten Mitarbeiter von Arla, Gerolsteiner oder einem Handwerksbetrieb abwerbe. Ein Unternehmen gewinnt, ein Unternehmen verliert, und für die Region hat sich nichts Positives ergeben. Die Vernetzung ist essenziell wichtig. Dabei geht es ja auch darum, wie sieht es mit einem Kita-Platz aus, braucht der Partner auch eine Beschäftigung und vieles mehr.

THOMMES Gerade die größeren Unternehmen tun bereits viel, indem sie auch die überregionalen Messen und Rekrutierungsveranstaltungen besuchen. Was aber für die Region im Vordergrund stehen muss, ist, wenn die Betriebe junge Leute angeworben haben, dass diese dann auch die Region mit Begeisterung wahrnehmen und langfristig bleiben. Und dazu gehören unsere Top fünf Themen: Ganz vorne dabei Digitalisierung, das Wohnumfeld und auch das Energie-Thema. Attraktive Arbeitsplätze haben wir. Die Region muss allerdings noch nachlegen.


Die Fragen stellte Heribert Waschbüsch

Der 1. Unternehmerabend ist am Mittwoch, 20 November, 18 Uhr, in der Stadthalle Bitburg. Zur Diskussion mit regionalen Politikern sind alle Unternehmer der Region eingeladen, Anmeldung: https://tinyurl.com/unternehmerabend

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