Die Energiewende beginnt in der Eifel

Bleialf · In den kommenden Jahren sollen bundesweit 47,5 Milliarden Euro in den Ausbau des Stromnetzes investiert werden. Laut Bundesnetzagentur kommen damit auch Strompreissteigerungen auf die Verbraucher zu. Doch in einem kleinen Dorf in der Eifel, in Bleialf, bastelt RWE in seinem Smart Country an Alternativen.

Bleialf. Die Fachwelt blickt neugierig auf ein bundesweit einmaliges Projekt in der Eifel. Im Raum Bleialf (Eifelkreis Bitburg-Prüm) testet der Energiekonzern RWE ein intelligentes Stromverteilnetz. Mit im Boot sitzen bei diesem Feldversuch Industrie und Wissenschaft sowie das Bundesforschungsministerium. Seit gut einem Jahr läuft der Versuch - "fast störungsfrei", wie Stephan Elgas von RWE erklärt. Der Techniker betreut die Anlagen vor Ort und hat seit dem Startlauf im April 2011 viel Freude mit den Pilotanlagen.
Technik aus der Chipindustrie


Das Unternehmen hat in der ländlichen Region neue Spannungsregler installiert. Gewöhnlich werden solche Anlagen in der Chipindustrie eingesetzt. Bei der teuren Produktion von Halbleitern für Computer, Handys und Tablets darf es in der Produktion keinen Spannungsabfall im Stromnetz geben, weil sonst eine ganze Produktionslinie ausfallen würde. Bei den teuren Chips ein immenser Schaden. In Brandscheid (Eifelkreis) steht nun zum Beispiel ein solcher Niederspannungsregler und steuert das Stromnetz bei einem Aussiedlerhof. Der Bauernhof verbraucht relativ wenig Strom, erzeugt aber gleichzeitig über eine Photovoltaik-Anlage ordentlich regenerative Energie, die ins Netz eingespeist wird, erklärt der RWE-Techniker. Der Niederspannungsregler sorgt dafür, dass die Spannung im Netz gleichbleibend ist. Als Alternative dazu hätte der Netzbetreiber RWE die Stromnetze ausbauen müssen. "Bei Kosten von 120 00 Euro bis 150 000 Euro pro Kilometer Netzausbau wird das schnell zur teuren Sache", erklärt Rolf Lorig, RWE-Pressesprecher in der Region. Die eingesetzte Niederspannungsanlage schlägt hingegen nur mit 50 000 Euro zu Buche.
Rund eine halbe Million Euro kostete indes das zweite Element in Smart Country: Der Mittelspannungsregler der Firma ABB wurde extra aus Neuseeland nach Großlangenfeld in die Eifel geliefert. Auch diese Anlage ist ursprünglich für Chiphersteller in Südostasien konzipiert. Die Anlage sorgt dafür, dass im 20 000- Volt-Netz die Spannung konstant bleibt. Ohne die Anlage hätten kurz- und mittelfristig 90 Kilometer Netzleitung ausgebaut werden müssen.
Das Problem der Eifel ist in vielen ländlichen Gebieten gleich: Bleialf, Üttfeld, Lünenbach, Pronsfeld, Prüm oder Gondenbrett beispielsweise liegen in dem 173 Quadratkilometer großen Bereich (Netzgebiet). Das Mittel- und Niederspannungsnetz ist in dieser Region nur relativ schwach ausgebaut. Energieintensive Betriebe gibt es hier nicht. Deshalb ging es lange Jahre nur darum, die wenigen Menschen (32 pro Quadratkilometer) mit Strom zu versorgen. Inzwischen aber hat sich die Region zum Stromerzeuger und -exporteur gewandelt.
Rund 49 Megawatt (MW) werden durch Biogas (2,2 MW), Sonne (6,6 MW) und Wind (40 MW) erzeugt. "Die Summe der installierten Leistung regenerativer Erzeugungsanlagen in dem Gebiet liegt 300 Prozent über der Höchstlast", erklärte Andreas Breuer, Leiter Neue Technologien der RWE AG, bei der Eröffnung der Anlage. Diese dezentrale Einspeisung wird steigen. In der Region gibt es derzeit 6500 Wind- und Solaranlagen mit 840 MW Kapazität.
Seinen Anteil an dieser Entwicklung hat der Landwirt Heinz Hoffmann aus Üttfeld-Spielmannsholz. Landwirt? Heinz Hoffmann bezeichnet sich viel lieber als Energiewirt. Seit 1995 beschäftigt sich der heute 54-Jährige mit alternativen Energien. Anfang der 90er stellte er sein erstes Windrad auf, 1998 gründete er mit Kollegen und Freunden die Westwind II GmbH, seit 2000 fangen neun Enercon Windkraftanlagen mit einer Gesamtleistung von 5,1 Megawatt den Wind über den Eifelhöhen ein und verwandeln ihn in Ökostrom. In diesem Jahr soll eine Anlage durch ein neues Windrad (2,3 MW) ersetzt werden (Repowering). 2001 baute Energiewirt Hoffmann eine Biogasanlage, die er 2005 erweiterte, 2010 legte er sich eine Photovoltaikanlage aufs Dach und stieg 2011 in Smart Country ein.
"Jemand mit solcher Erfahrung ist der ideale Partner für uns", sagt Rolf Lorig. Denn auch Heinz Hoffmann sorgt mit seiner Biogasanlage als virtueller Speicher für Photovoltaikanlagen. "Scheint die Sonne, fährt die Biogasanlage in den Speicher", erklärt Hoffmann. Rund zehn Photovoltaikanlagen können problemlos ihre Sonnenenergie ins Netz einspeisen, ohne dass die Energieversorgung mit der Spannung Probleme bekommt. Nachts, wenn die Solaranlagen keinen Strom einspeisen können, fährt dann die Biogasanlage an und speist den entsprechenden Strom ein. "Mit dem ersten Jahr bin ich recht zufrieden", erklärt Hein Hoffmann. Natürlich gab es hier und da Abstimmungsprobleme, die richtigen Abläufe mussten sich erst einspielen. "Aber genau dafür ist ein Probebetrieb ja gedacht", sagt Hoffmann. Das Prinzip von Smart Country ist aber für den Energiewirt "genial".
Große Hoffnungen



Eine Einschätzung, die man auch beim Energiekonzern RWE gerne teilt. Schon bei der Eröffnung war sich Joachim Schneider, Technik-Vorstand bei der RWE AG, sicher: "Mehr Strom aus erneuerbaren Energien und Netzstabilität sind keine Gegensätze, wenn intelligente Netze wie im Smart Country dahinter- stehen."
Auf allen Seiten sind die Hoffnungen groß, dass das Pilotprojekt die Energiewende beschleunigen kann und die Kosten für den Netzausbau reduziert werden. "Und das käme dann ja auch den Verbrauchern zugute", sagt Rolf Lorig.Extra

Smart Country ist ein Projekt von RWE, das durch die Industrie begleitet und unterstützt wird und vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie gefördert wird. Die Ergebnisse des Modellprojekts stehen später allen Netzbetreibern zur Verfügung. Der Bund fördert das drei Millionen Euro teure Projekt zur Hälfte. hwExtra

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