Die Fachkräftesituation in der Großregion spitzt sich in den kommenden Jahren weiter zu. Dies zeigt die Analyse der Task Force Grenzgänger 2.0. Gemeinsam will man Lösungen suchen.

Großregion : Fachkräftemangel beschäftigt die Großregion

Die Fachkräftesituation in der Großregion spitzt sich in den kommenden Jahren weiter zu. Dies zeigt die Analyse der Task Force Grenzgänger 2.0. Gemeinsam will man Lösungen suchen.

Wo zwickt und zwackt es im heimischen Arbeitsmarkt. Experten aus der Großregion haben dies bei ihrer Tagung in Trier auf Einladung des Amts für Stadtentwicklung Trier diskutiert. Das von der EU geförderte Projekt (siehe Extra) sucht nach Lösungen, um die größte Herausforderung für den regionalen Arbeitsmarkt zu stemmen: den Fachkräftebedarf.

Der Blick in die Statistik zeigt, wie groß die Herausforderungen sind. Triers OB Wolfram Leibe sieht in der gemeinsamen, abgestimmten Herangehensweise einen Hebel, um dies in Region zu steuern. Vergleichbare Grenzregionen in Europa, wie etwa Mecklenburg-Pommern und Polen, hätten ähnliche oder sogar größere Probleme.

Die gute wirtschaftliche Lage und der demografische Wandel befeuern noch die angespannte Arbeitsmarktsituation in der Großregion. Zu viel Hoffnung, dass die Digitalisierung in der Region zu einer Entspannung führen könnte, relativierte Anne Otto vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) Rheinland-Pfalz-Saarland. „Die Digitalisierung kann nur teilweise zu einer Entspannung der Fachkräftesituation beitragen – zum Beispiel im Verarbeitenden Gewerbe und in der Energieversorgung.“ Doch die Engpässe liegen in der Region Trier auch in anderen Branchen: im Pflegebereich, im Gastgewerbe, im Bausektor oder auch im Bildungsbereich. Für die Region Trier verstärke sich diese Tatsache zusätzlich durch die Grenznähe zu Luxemburg. Das Großherzogtum lockt mit einem deutlich höheren Nettolohn. Mehr als 40 000 deutsche Pendler zieht es auch deshalb zum Arbeiten ins Großherzogtum.

Deutsche Grenzgängerbeschäftigung in Luxemburg. Foto: TV/Scheidweiler, Jonas

Ihre Handlungsempfehlungen für die regionale Wirtschaft: Bildung und Weiterbildung vor allem in kleinen und mittleren Betrieben, den sogenannten KMUs, fördern, denn dies sei von zentraler Bedeutung. Das Einstiegsgehalt sei nicht das alleinige Kriterium, sondern weiche Faktoren wie eigenverantwortliches  Arbeiten, eine nachhaltige Work-Life-Balance oder Karriereschritte durch Kompetenzerweiterung sicherten Fachkräfte im eigenen Betrieb.

Daniel Arnold, Amt für Stadtentwicklung und Statistik der Stadt Trier, hatte in seiner Analyse die sogenannten Engpass-Branchen im Blick. Demnach liegt kein allgemeiner Fachkräfteengpass vor, vielmehr konzentrieren sich Engpässe auf bestimmte Berufe. Arnold: „Gut vier von zehn Beschäftigten im Arbeitsagenturbereich Trier arbeiten in einem Bereich, der 2018 durch Engpässe gekennzeichnet war.“ Am schwierigsten ist die Lage in der IT-Branche. Während in der Region Trier eine Arbeitsstelle durchschnittlich nach 112 Tagen wieder besetzt wurde, waren das in Rheinland-Pfalz nur 107 Tage und deutschlandweit nur 99 Tage. Eine IT-Stelle wurde indes erst nach 145 Vakanztagen besetzt. Weitere Branchen, in denen Fachkräfte nicht so schnell nachbesetzt werden, sind Mechatronik-, Energie- und Elektroberufe sowie in nichtmedizinischen Gesundheitsberufen.

Daniel Arnold: „Bei den Metall-, Maschinen-, Ausbau- oder  Lebensmittelberufen, im Tourismus- und Gaststättengewerbe, in den medizinischen Gesundheitsberufen oder auch im Bereich Verkehr, Logistik, Fahrzeugführer hat sich in den vergangenen Jahren die Lage deutlich verschärft, obwohl wir dort noch nicht von Engpässen reden.“

Seine Handlungsempfehlungen: „Bestehende Beschäftigungspotenziale sollten besser genutzt werden. Dies betrifft vor allem Migranten, Frauen, Ältere und Geringqualifizierte.“ Auch für Arnold ist eine Stärkung der Aus- und Weiterbildung ein Schlüssel, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Zuletzt habe es die Wirtschaft auch selbst in der Hand: „In einigen Bereichen ist die Situation auch durch wenig attraktive Arbeitsbedingungen und Löhne zurückzuführen, wie etwa im Sozial- und Gesundheitswesen sowie in der Gastronomie.“

Jeanne Ruffing, Interregionale Arbeitsmarktbeobachtungsstelle, stellte gemeinsame Herausforderungen vor und suchte nach gemeinsamen Lösungen in der Großregion. Nach ihrer Analyse wird sich das Arbeitskräftepotenzial aufgrund der demografischen Entwicklung in der Großregion bis 2050 sehr unterschiedlich entwickeln. „Während in der Wallonie und Luxemburg Bevölkerungszuwächse erwartet werden, wird die Bevölkerung in Rheinland-Pfalz, dem Saarland deutlich stärker sinken als in Lothringen.“

Schon heute gebe es in der Wallonie und in Lothringen gerade in der jungen Altersgruppe bis 24 Jahre erhebliche Potenziale, wie die hohen Jugendarbeitslosenzahlen aus 2017 (Lothringen rund 22 Prozent, Luxemburg etwa 15,5 Prozent, Wallonie rund 29 Prozent) bewiesen. Zum Vergleich: In Rheinland-Pfalz lag sie bei 7,4 Prozent.

Auch Jeanne Ruffing stellt gemeinsame Lösungen vor und fordert die Sprach- und Kulturkompetenz zu fördern, die Beratung über die Eures-Büros zu stärken, Qualifikationen leichter über Grenzen anzuerkennen sowie grenzüberschreitende Ausbildungs- und Studiengänge zu fördern.

Jürgen Becker, Koordinator Eures und Direktor von Pôle emploi Sarreguemines, stellt ein Projekt vor, dass die Engpassberufe in der Großregion im Fokus hat und so gezielt grenzüberschreitende Vermittlungen erlaubt. Auf dieser Grundlage könnten zudem gemeinsame großregionale Anstrengungen bei der Aus- und Weiterbildung sowie Anwerbungen in Drittarbeitsmärkten erfolgen.

Am Bahnhof in Luxemburg steigen Pendler aus dem Zug. Bei rund 400 000 Arbeitsverhältnissen kommen rund 185 000 Grenzgänger jeden Tag zur Arbeit nach Luxemburg. Foto: Francois Aussems. Luxemburger Tageblatt

Den Herausforderungen am regionalen Arbeitsmarkt sei aus seiner Sicht nur gemeinsam entgegenzuwirken.

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