Die Freien Berufe im Land gewinnen an Bedeutung und suchen Fachkräfte

Fachkräfte gesucht : „Karrierechancen ohne Ende“

Der Kampf um die besten Kräfte treibt auch die Freien Berufe im Land an. Der Präsident des Landesverbands der Freien Berufe Rheinland-Pfalz, Horst Lenz, sieht die Politik in der Pflicht. Sie müsse mehr in Bildung investieren.

Die Diskussion um ein zu schweres Mathe-Abi ist für Ingenieur Horst Lenz aus ­Winterspelt (Eifelkreis Bitburg-Prüm) allenfalls eine Scheindiskussion. „Ohne die Aufgaben im Einzelnen zu kennen, ist doch die Frage, ob die Schüler genügend vorbereitet waren.“ Lenz, seit 2010 Präsident der rheinland-pfälzischen Ingenieurkammer und seit kurzem auch Präsident des Verbands der Freien Berufe im Land, fordert von der Politik Investitionen in die Bildung.  „Wir brauchen deutlich mehr Lehrkräfte in den MINT-Fächern“ (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik).

Horst Lenz macht das auch an der Situation in den Ingenieur-Studiengängen fest. „Wir haben sogar mehr junge Menschen, die ein Ingenieursstudium beginnen, doch viel zu viele brechen ab. Wir haben eine Abbrecherquote von rund 50 Prozent.“ Die Schulen müssten die Schüler besser auf die Anforderungen vorbereiten, fordert der Präsident der Ingenieurkammer. Auf keinen Fall dürfte das Niveau in den Schulen herabgesetzt werden, denn dann würde sich die Situation an den Hochschulen noch verschlechtern. Was ihm etwas Mut macht, ist die Tatsache, dass nach und nach mehr junge Frauen in den MINT-Fächern ein Studium beginnen. „Da gab es in den vergangenen Jahren einen deutlichen Zuwachs in den MINT-Fächern. Und oft sind sie bei den Besten“, findet Lenz. Die Karrierechancen seien in den vielen Freien Berufen (siehe Extra) hervorragend. „Auf einen neuen Ingenieur kommen heute sechs freie Stellen – also Karrierechancen ohne Ende.“

Gebraucht werden Ingenieure und Fachkräfte vor allem auch im Straßenbau. „Doch das ist nicht der einzige Grund, warum es bei uns so langsam im Straßenbau vorangeht. Wir kämpfen doch seit Jahrzehnten für den Lückenschluss A 1, und jetzt sagt der Wirtschaftsminister, er ist guten Mutes, wenn er 2021 Baurecht hat“, wundert sich Lenz. Aus seine Sicht wäre hier „ein privilegiertes Bauen für die Infrastruktur ebenso wichtig, wie wir ein privilegiertes Bauen bei den erneuerbaren Energien haben“. Wer Baustellen beschleunigen möchte, müsste auch mehr Geld in die Hand nehmen und 24 Stunden arbeiten. Doch dafür fehle auch das Fachpersonal am Bau. Dass sich die Berufe durch Industrie 4.0 verändern und weiterentwickeln, ist für Lenz eine Chance: „Industrie 4.0 – wer hat’s erfunden? Wir Ingenieure haben es erfunden.“ Dabei werde sich in der Zukunft der Planungsprozess verändern.

Viel früher und detaillierter werden alle Beteiligten eingebunden. Das wird den Planungsprozess verlängern, doch in der Ausführung werde man sehr viel Zeit einsparen.

Nach Ansicht von Lenz nimmt die Bedeutung von Freien Berufen weiter zu. „2015 gab es 1,3 Millionen freie Selbstständige mit 3,2 Millionen Beschäftigten, 2018 waren es schon 1,4 Millionen freie Selbstständige mit 3,5 Millionen Mitarbeitern.“ Hinzu kommen 120 000 Azubis. „Das sind mehr als fünf Millionen in den Freien Berufen“, freut sich Lenz. Dabei sieht der Ingenieur seine Branchen nicht in Konkurrenz zu Handwerk und den IHK-Berufen. „Wir sind eher Kooperationspartner.“ Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, hat die Ingenieurkammer einen Lehrgang aufgelegt. „Um ausländische Kräfte zu integrieren, bieten wir den sogenannten IQ-Lehrgang an – Integration durch Qualifikation.“ Vor allem Flüchtlinge, etwa aus dem Iran oder  aus Syrien, werden dort auf den Beruf vorbereitet. Die Maßnahme läuft in Zusammenarbeit mit der Akademie der Ingenieure und wird gefördert vom Europäischen Sozialfonds und dem Bundesarbeitsministerium. „Er richtet sich an Architekten und Ingenieure mit Migrationshintergrund“, so Lenz. Einmal im Jahr haben rund 60 Bewerber die Chance, teilzunehmen.

Horst Lenz fordert von der Politik, die Bürokratie einzudämmen. Er befürchtet, dass sich sonst die Strukturen zu Ungunsten ländlicher Regionen verändern. Foto: TV/Heribert Waschbüsch

Doch die Strukturen sind aus Sicht von Horst Lenz nicht nur durch den akuten Fachkräfte- und Nachwuchsbedarf gefährdet. Er fordert die Politik auf, den Bürokratismus, mit ausufernden Richtlinien und Vergabeverordnungen, einzuschränken. Der Druck vor allem auf viele „kleine“ Freiberufler sei enorm. „Es darf nicht sein, dass am Ende nur noch wenige große Architekten- und Ingenieurbüros übrigbleiben, so wie in Luxemburg“, warnt Lenz. Denn dann würde sich die Lage vor allem in der ländlichen Region rapide verschlechtern. „So wie die Ärzte oder die Apotheker verschwinden, das bedeutet, dass vielleicht für kleine Aufträge auf dem Dorf niemand mehr da ist – oder nur zu horrenden Preisen“, erklärt Horst Lenz. Die Vielschichtigkeit dürfte nicht geopfert werden.

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