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Die Nebenwerte schlagen den Dax

Die Nebenwerte schlagen den Dax

Mit Aktien aus der zweiten Reihe lässt sich mehr Geld verdienen als mit den Schwergewichten aus dem Deutschen Aktienindex. Extreme Kursausschläge gibt es vor allem in MDax, TecDax und SDax. Dabei müssen Anleger sich entsprechende Informationen häufig selbst zusammensuchen.

Frankfurt. Selbst beim Thema Dividende haben die Kleinen zuletzt aufgeholt. Dass sich der Kurs einer Aktie innerhalb eines Vierteljahres mehr als verdoppelt, gibt es in der Regel nur bei wenigen kleinen Aktien. Dort, wo die Handelsvolumina nicht allzu groß sind und außergewöhnliche Nachrichten dazu führen, dass schon überschaubare Orders den Kurs mächtig nach oben treiben.
Dies ist zuletzt geschehen beim Kunst-Auktionshaus Artnet. Zwei Aktionäre wollen die bedeutende Online-Plattform für Galeristen, Künstler und Sammler kaufen, zudem hat der neue Vorstandschef Jacob Pabst, der am Montag seinen Job antritt, umfangreiches Kostensparen verkündet. Ereignisse wie diese treiben den Kurs, so dass die Nebenwerteindizes TecDax und SDax in diesem Jahr erneut stärker gestiegen sind als der Dax.
Die 50 Werte aus dem MDax haben sich gar mehr als doppelt so stark entwickelt im Vergleich zum Dax. "Die Bewertungen im Vergleich zu Anleihen sind so niedrig wie nach dem Zweiten Weltkrieg, und die Unternehmen haben ihre Verschuldung drastisch reduziert, während die Anleger niedrige Erwartungen an das Gewinnwachstum haben", sagt Peter Kraus von Allianz Global Investors. Ein weiterer Pluspunkt für die Nebenwerte: Die Informationen zu den Unternehmen sind nicht so allgegenwärtig wie bei den Dax-Werten. Während bei den Letztgenannten gut drei Dutzend Analysten die Aktien beobachten und die Anleger mit ihren Ansichten versorgen, müssen diese sich bei kleineren Aktien häufig selbst ihre Informationen zusammensuchen. Das ist Arbeit, die aber im günstigsten Fall zu hohen Renditen führen kann.
Sogar im Bereich der Dividende - lange Zeit eine Domäne der großen Titel - haben die Kleinen aufgeholt. Zwar schütten nach wie vor die Dax-Konzerne am meisten aus. Doch wer stetig steigende Dividenden sucht, der wird in den unteren Börsenligen fündig. Die FOM Hochschule in Essen hat zusammen mit der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) jüngst ermittelt: Von den 14 deutschen Aktien, die in den vergangenen fünf Jahren kontinuierlich ihre Dividende erhöht haben, waren mit Fresenius und Fresenius Medical Care (FMC) zwei Dax-Werte dabei. Der Rest waren weitgehend unbekannte Werte, die herausragten.
Primus war die im Nebenwertesegment SDax gelistete Schaltbau AG. Die Münchener Verkehrstechnik-Spezialistin hat in den vergangenen fünf Jahren ihre Ausschüttung im Schnitt um 56,5 Prozent erhöht. Die ebenfalls im Bereich der Verkehrstechnik tätige Init Innovation hinkt da kaum hinterher mit durchschnittlich 54,6 Prozent. Dabei ist die Aktie in keinem Index vertreten. Doch das Unternehmen ist seit mehr als einem Jahrzehnt an der Börse notiert und hatte seine Ursprünge zu Zeiten der New Economy am Neuen Markt.
Ebenfalls beachtliche 45 Prozent Plus pro Jahr bei der Dividende schaffte der Hannoveraner Online-Reifenhändler Delticom. In den USA haben Anleger die Chancen der Nebenwerte längst erkannt. Der Dow Jones Industrial Index mit den 30 größten Schwergewichten ist zwar weiter das Aushängeschild der New Yorker Börse. Die Mehrzahl der Anleger blickt jedoch genauso gebannt jeden Tag auf den breiten Index S & P 500. Dessen Schwankungen geben viel mehr einen Überblick über das Geschehen als der eher träge Dow, heißt es.
Einziges Manko in Deutschland: Hier gibt es keinen Nebenwerteindex, der so breit aufgestellt ist und ein solches Ansehen genießt.
Der Autor Christian Schnell arbeitet als Experte für die Wirtschaftszeitung Handelsblatt.