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Die Sprengkraft des Regens

Trier-Zewen. Hans-Josef Greif baut in der fruchtbaren Moselebene bei Trier-Zewen Obst und Gemüse an. Und leidet wie viele andere Bauern unter dem zu nassen Wetter. Der TV hat mit dem 62-Jährigen einen Spaziergang gemacht, der zu üppigem Salat und faulen Erdbeeren führte. Katharina Hammermann

Trier-Zewen. Eine Schwalbe sitzt in der Hofeinfahrt und sieht mit dem Zweiglein im Schnabel ganz so aus, als wolle sie gleich ein Nest bauen. Doch eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. "Erst kam der Frost, dann der Hagel und jetzt seit Wochen nur Regen", sagt Hans-Josef Greif und schüttelt den Kopf.
Der bärtige 62-Jährige ist einer der Bauern, die das fruchtbare Moselschwemmland bei Trier-Zewen nutzen, um dort Obst und Gemüse anzubauen. Normalerweise würden sich dort so kurz vor der Zewener Erdbeerkirmes (30. Juni bis 2. Juli) Scharen von "Selbstpflückern" über die Felder hermachen, um süße, rote Früchte zu ernten. Doch dieses Jahr ist alles anders.
Ein Rundgang über Greifs Ländereien zeigt, warum. Die Tour beginnt am überraschend freundlichen Mittwochvormittag bei den langen Reihen der Kirschbäume. Zwar sind sie üppig grün - doch schimmert nur an wenigen Stellen das Rot der Früchte durchs Blattwerk. "90 Prozent der Kirschen sind kaputtgegangen", sagt Greif, während er grimmig einen Ast inspiziert. Ein Ast, der wie fast alle anderen viel zu wenige Früchte trägt, von denen ein Teil zudem geplatzt und ein anderer Teil verschimmelt ist. Schuld daran trägt neben dem Frost des Frühjahrs der viele Regen. Und so müssen seine Kunden - auch, wenn der Verlust laut Greif über den Preis gar nicht aufzufangen ist - derzeit neun Euro fürs Kilo Kirschen zahlen. An Kürbissen vorbei geht es über den weichen, mit hohem Gras bewachsenen Boden einer ungemähten Streuobstwiese ("es gab einfach noch kein Heuwetter") weiter zu den Äpfeln, Sorte Pilot. Und denen geht es, von ein paar Hagelschäden abgesehen, prächtig. Auch die "Krumpern" gedeihen gut. "Die Kartoffelbauern sind froh mit dem Wetter", sagt Greif, der selbst etwa sechs Hektar der festkochenden Sorte Cilena anbaut.
Doch während die Tour an den üppig wachsenden Salaten eines anderen Bauern Richtung Mosel weiterführt, verdüstert sich seine Stimmung wieder. Denn dort liegen einige seiner Erdbeerfelder.
"Wir haben die ganze Zeit gehofft, dass es besser wird. Aber nix." Das Resultat: Zwischen einzelnen Erdbeeren, die es geschafft haben, hängen andere, die verfault sind, noch ehe sie rot werden konnten. Je nach Sorte habe er 50 bis 70 Prozent Verlust, sagt der 62-Jährige.
Ja, aber wie verkraftet denn ein Betrieb so etwas? "Da kann man nicht mehr so viel investieren", erklärt der Landwirt und findet, dass es ihn noch viel schlimmer hätte treffen können. Denn er baut ja nicht nur Erdbeeren und Kirschen an: Auf seinem Grund gedeihen auch Rhabarber, Himbeeren, Salat, Tomaten, Bohnen, rote Bete, Blumenkohl, Mangold, Zwetschgen oder Mirabellen. Und das dann meist noch in verschiedenen Ausführungen. Wenn das eine mal nichts wird wie dieses Jahr die Kirschen und Erdbeeren, dann hat er immerhin noch die anderen Obst- und Gemüsesorten.
Im Kölner Raum hingegen gebe es Landwirte, die nur Erdbeeren anbauen. "Früher hatten wir Vieh, Getreide, Rüben, Kartoffeln", sagt Greif. Heute müssten es 1000 Schweine sein oder 400 Milchkühe. "Und wie haben sich die Preise entwickelt?" Eine rhetorische Frage. Wer nicht nach maximalem Ertrag strebe, gelte heute als traditionstreuer Vollidiot, schimpft Greif auf dem Weg zurück zu seinem Hof, schüttelt den Kopf und sagt energisch: "Mir diktiert keiner den Preis und auch nicht die Qualität. Mir soll keiner vorschreiben, was ich mache."
Gegen das Wetter hilft das alles allerdings nicht. Vor dem nächsten Regen müssen noch 30 000 neue Erdbeerpflänzchen gesetzt werden. Immerhin. Ein Kollege habe ihm gesagt, nächste Woche sei Heuwetter. "Da sind wir gespannt", sagt Bauer Greif und lacht, während eine Schwalbe bedenklich tief vorbeifliegt.